Jaouad will auf’s Gymnasium

Selektion Vom Sortieren der Kinder
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Am Freitag wartete er vor dem Lehrmittelraum seiner Schule auf mich. Der sonst so fröhliche Junge sah traurig aus. Ich ahnte, was los war. Es hatte am Vormittag Zwischenzeugnisse gegeben und mit dem Zeugnis die Empfehlung für die weiterführende Schule. Er war enttäuscht.

Jaouad kenne ich seit dem letzten Sommer. Ich bin sein Lesepate. Zweimal in der Woche treffen wir uns in seiner Grundschule im Osten der Stadt. Dann lesen wir, schreiben kleine Geschichten und üben die Rechtschreibung. Jaouad macht geduldig mit, aber am liebsten spricht er über Fußball und seinen Verein, einen traditionsreichen Arbeitersportverein, wo er in der U11 spielt, als offensiver linker Verteidiger. Als er mit seiner Mannschaft die Jungs meines Vereins geschlagen hatte, hatte er mir zum Trost einen Riegel Mars geschenkt.

In den Monaten unserer gemeinsamen Arbeit hatte er viel von seiner Familie erzählt: Er hat drei ältere Schwestern, Vater und Mutter sind Kinder marokkanischer Einwanderer, in Deutschland geboren, die Oma musste ins Krankenhaus, Probleme mit den Beinen, und der Opa sieht nicht mehr gut; in den Sommerferien fährt die ganze Familie für drei Wochen nach Marokko, mit dem Auto quer durch Westeuropa bis Tarifa in Spanien, dann mit der Fähre nach Tanger und von dort in das Heimatdorf in der Nähe von Casablanca; er ist froh, wenn es wieder zurück nach Hause nach Bielefeld geht, denn es sei langweilig dort und er verstehe die Sprache der Verwandten dort unten nicht richtig.

Jaouad zeigte mir sein Zeugnis: sehr gut in Sport, ausreichend in Sachkunde und Sprachgebrauch, in den übrigen Fächern befriedigend. Im Lernstandsbericht lobt seine Klassenlehrerin sein Sozialverhalten und seine Teamfähigkeit, kritisiert, dass er mündliche und schriftliche Arbeitsanweisungen häufig nicht verstehe, und fordert ihn auf, mehr Selbstbewusstsein zu zeigen und aktiv an den Unterrichtsgesprächen teilzunehmen. Die Klassenkonferenz empfiehlt den Eltern, Jaouad an einer Realschule oder an einer Gesamtschule anzumelden.

Das empörte ihn. Er will zum Gymnasium, wie seine Schwestern. Die hätten in der 4.Klasse auch keine besseren Noten als er gehabt und schafften es am Gymnasium ganz gut. Was er denn jetzt machen solle?

Wir verließen dann die Schule und gingen zum Kiosk nebenan. Dort erklärte ich ihm bei Eis und Kaffee, dass die Empfehlung der Grundschule für die weiterführenden Schulen nicht verbindlich sei. Außerdem gebe es in der Stadt auch gute Realschulen und Gesamtschulen; vielleicht seien die besser für ihn, weil er da mehr Zeit bekomme und immer noch die Chance habe, das Abitur zu machen.

Das tröstete ihn nicht. Nein, nein, es müsse das Gymnasium sein. Seine Schwestern würden ihn auslachen, wenn er zu einer anderen Schule gehen müsse, und die Eltern wären enttäuscht. Als wir uns trennten, hatte sich seine Stimmung nicht verbessert.

Für sein Problem habe ich keine Lösung. Ich nehme an, eine Gesamtschule wäre für ihn die bessere Lösung. Aber die weisen viele Kinder ab, weil sie nicht für alle Platz haben. Dann vielleicht doch versuchen, von einem Gymnasium akzeptiert zu werden? Die sind nicht mehr so wählerisch, seit ihre Anmeldezahlen zurückgehen.

Scheiß Schulsystem.

17:54 09.02.2014
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