Poesie vs. Propaganda

Maidan & Krim Ein junger Dichter, ein altes Plakat und die listige FAS
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Volker Weidermann berichtet in der FAS von heute (http://bit.ly/1cPJnkd) über eine Begegnung in Leipzig mit Yahya Hassan, „achtzehn Jahre alt, staatenloser Palästinenser aus Dänemark, Dichter, von Islamisten mit dem Tode bedroht“, dessen Lyrikband eine Auflage von 100000 erreichte.

Hassan war Anfang März zu einer Preisverleihung in Kopenhagen nicht erschienen und hatte stattdessen aus Kiew ein Gedicht geschickt, in dem er seinen Beobachtungen auf dem Maidan eine Sprache und eine Form zu geben versucht. Hier die ersten zwanzig Verse:

PREISVERLEIHUNG IN KIEW

DAS RATHAUS IST LEICHENHAUS GEWORDEN

EINE FRAU WEINT AM TISCH DER TOTEN

UKRAINER UND RUSSEN SCHNARCHEN MIT HUNDEN

PRIESTER FECHTEN FIEBERHAFT MIT KREUZEN

EIN BAUER BULLDOZTE DIE POLIZEIKETTE

DAS VOLK DRÄNGTE SICH IN DEN VORDERGRUND

DIE AUTORITÄT WAR AUSSER SICH

DER EUROPAREDAKTEUR DER ZEITUNG POLITIKEN

SASS MIT SCHUSSSICHERER WESTE IN SEINEM FÜNFSTERNEHOTEL

UND BERICHTETE VOM FENSTER AUS

DER JUNGGESELLE VOM EKSTRABLAD IST HEIMATLOS

TÜRMTE MIT BLUTENDER HÄMORRHOIDE VOR DEN HECKENSCHÜTZEN

SUCHTE NACH ETWAS ZUM ABWISCHEN

WÄHREND DIE LEBENDEN DIE TOTEN SCHLEPPTEN

FASCHISTEN RUFT DER EUROPAREDAKTEUR

AUF DIE KERLE MIT KNÜPPELN

WILL SIE NICHT OHNE STURMMASKE SEHEN

LASTWAGEN LIEFERN PROVIANT UND BÄUME

KINDER BEISSEN INS BROT

HÖHLENMÄNNER HACKEN BRENNHOLZ

ARBEITER GRABEN GEHSTEIGE AUF

(...)

Hassan, der die Literaturmesse übrigens ganz „schrecklich“ findet, berichtet, dass er während seiner Tage in Kiew einfach nur herumgegangen sei und geschaut habe. Dichten sei für ihn das „Gegenteil von Ideologie“ und das Gegenteil von der Arbeit westlicher Journalisten „mit den fertigen Bildern im Kopf.“

Der Kollege von Weidermann, der die Titelseite der FAS zu gestalten hatte, hat Hassans Gedicht und seine Erfahrungen mit westlichen Journalisten offenbar nicht gelesen. Er illustrierte eine Übersicht von aktuellen Meldungen über die Lage auf der Krim („Moskau nimmt Ukraine in die Zange“) mit einem Klassiker politischer Propaganda aus den 50er Jahren: Ein Sowjetsoldat mit abstehenden Ohren starrt aus seiner Deckung den Betrachter mit stechenden Augen an.

Der Originaltext (http://bit.ly/1g2kgez) fehlt, aber die aktuelle Botschaft ist klar: Die russische Politik in der Krimkrise ist die Fortsetzung der sowjetischen Gewaltpolitik gegen das Abendland.

Aber Moment! Kann ein Redakteur der Zeitung für kluge Köpfe wirklich glauben, so plumpe Propaganda komme bei seinen Leser/innen an? Nach einigem Nachdenken kamen wir zu dem Schluss, dass es sich hier eher um ein ironisches Zitat handelt, um den diskreten Hinweis darauf, dass die Leute lieber Gedichte lesen sollten, wenn sie verstehen wollen, was in der Welt geschieht.

Andererseits: Kann man der FAS so viel subversive Fantasie, solch ein geschicktes Spiel mit Bedeutungen, Konnotationen und Kontexten über viele Bande zutrauen?

Wir konnten uns nicht entscheiden und beschlossen, am Nachmittag ins Kino zu gehen: „Mittsommernachtstango“, der Trip dreier Musiker aus Buenos Aires auf der Suche nach dem Ursprung des Tangos in Finnland.

15:01 16.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 6