John Cage im Schafstall

Klänge, Geräusche Wie wir an einem Sonntagvormittag im Mai im ehemaligen Schafstall eines Gutes im östlichsten Westfalen versuchten, die Musik von John Cage zu verstehen.
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Das Konzert hatte erstaunlich melodiös begonnen, als der Pianist nach etwa 20 Minuten den Deckel seines präparierten Instruments fallen ließ und der Knall die etwa hundert Zuhörer aufschreckte. Ich wandte meinen Blick von der alten Dame vor mir, die das Konzert mit diskretem Hüsteln begleitet hatte, fixierte die beiden Künstler und erinnerte mich gelesen zu haben, dass Cage Geräusche des Alltags in seine Stücke einbaue, um die Diktatur des Wohlklangs in der traditionellen Musik zu attackieren. Hörten sich so Revolte und Freiheitskampf in der Musik der amerikanischen Moderne an? Die alte Dame hustete nun, und in ihrem Husten schienen Unbehagen und Empörung mitzuklingen.

Seit ich im letzten Jahr in der FC die Blogs von Michael Jäger über die Musik von John Cage (http://bit.ly/11xFHqI) gelesen hatte, war ich neugierig geworden: Einer, der die Gleichberechtigung aller Geräusche und Klänge propagierte, der den Zufall zum Kompositionsprinzip machte und die Stille inszenierte (außerdem ein passionierter Sammler von Pilzen war) – das klang befremdlich, provokativ und irgendwie bedeutsam. Als Wege durch das Land, eine seit Jahren erfolgreiche Kulturveranstaltung für ostwestfälische Bildungsbürgerinnen und ihre Männer, ein Konzert mit frühen Stücken von Cage ankündigte ( http://bit.ly/16vbzVT ), erinnerte ich mich meiner Neugier des Vorjahrs. B. und ich fuhren hin und hörten zu.

Die Veranstaltung begann mit einer Lesung aus autobiographischen Texten von Cage, die der Vorleser nach dem Zufallsprinzip (Würfel) auswählte. Ich war beeindruckt. Die Geschichten, keine dauerte länger als eine Minute, erzählen von der Freude, Offenheit und Absurdität des Lebens. Sie zeigen Cage als genauen Beobachter seiner Umwelt, als Mann mit Tiefsinn und Humor, auch als einen politischen Menschen, der den Philosophen und Anarchisten Henry David Thoreau bewunderte, der Mitte des vorletzten Jahrhunderts von der Pflicht zum Widerstand gegen den Staat geschrieben hatte.

Nach der Ouvertüre der Texte dann das Konzert mit frühen Liedern und Klavierstücken von Cage. Die Interpreten, hatte ich gelesen, gehören zu den Stars der internationalen Szene für experimentelle Musik: Alexei Lubimov (Klavier und präpariertes Klavier), dessen Karriere in der Sowjetunion wegen seiner Begeisterung für zeitgenössische westliche Musik ins Stocken geraten war, und Natalia Pschenitschnikova (Sprechstimme), die als Solistin und Performerin auf allen wichtigen internationalen Festivals unterwegs ist.

Nach einer guten Stunde großer Beifall des erleichtert wirkenden Publikums. Wir applaudierten auch. Einerseits ehrlichen Herzens, denn die hochkonzentrierte Darbietung der beiden Künstler hatte uns schwer beeindruckt; andererseits aus Verlegenheit, denn das Produkt ihrer Arbeit, die Abfolge von Klängen, Tönen, Geräuschen und Stille, war uns fremd geblieben. Weit entfernt von unseren Hörgewohnheiten und Erwartungen, sehr konstruiert und synthetisch, keine Botschaften und keine Emotionen.

Später beim Essen saßen wir mit der hüstelnden, hustenden alten Dame am selben Tisch. Die gab sich als Kennerin und Fan der Musik von Cage zu erkennen. Als am Nachbartisch Hape Kerkelings Parodie auf ein Konzert mit Neuer Musik kichernd zitiert wurde, sagte sie, dass es beschämend sei, dass diese Musik, immerhin schon sechzig Jahre alt oder älter, immer noch nicht verstanden werde und Gegenstand dümmlicher Witze sei. Wir fühlten uns ertappt und schwiegen.

Nach dem Essen schwänzten wir die Lesung aus Handkes Gedicht an die Dauer und gingen durch die Felder ins Dorf. Es war der erste schöne Tag im Mai, und uns fielen diese Sätze von Thoreau ein, die Cage in einem seiner Texte notiert hatte: Heute war der vollkommenste Nachmittag des Jahres. Die Luft warm, völlig still, trocken und klar, nicht eine Wolke am Himmel. Die Stille wird kaum vom Zirpen einer Grille gestört.

Das Programm im Schafstall entsprach der Playlist auf dieser CD: John Cage: As it is. ECM 2012

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15:53 02.06.2013
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