Kleiner Bruder

dOCUMENTA ( 13 ) „Alles, was ist, ist irgendwo und irgendwann.“ ( aus dem Begleitbuch )
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Er ist 56, freier Journalist, seit drei Jahren geschieden, hat zwei erwachsene Kinder ( Studium mit Bachelor der Sohn, Abitur nach einigen Umwegen die Tochter ) und muss nun, ohne Einkommen und Rücklagen, Transferleistungen nach ALG II beantragen.

Gegen 10:00 sind wir in Kassel, mit einem Kultur-Ticket der DB zu einem sehr guten Preis. Später am stillgelegten Hauptbahnhof stoßen wir auf ein Mahnmal, das an die Bahntransporte erinnert, die 2500 Menschen in die Lager im Osten brachten. Heute ist die Deutsche Bahn, Nachfolgerin der Reichsbahn, einer der Hauptsponsoren der documenta (13 ).

Nach Kaffee und Kuchen begann am Nachmittag die Stunde der Wahrheit. Der Bruder hatte seinen Ordner mit den persönlichen Unterlagen mitgebracht, und wir fingen an, den Hauptantrag Arbeitslosengeld II sowie die Anlagen EK, KDU, SV und VM auszufüllen.

Im Hauptbahnhof betrachten wir etwas ratlos die Müllhalde einer Künstlerin. Sie ließ Altmetall aus Mülldeponien und Recycling-Betrieben neben den alten Gleisen auskippen und verzichtete dabei bewusst auf jede ästhetische Form. Die offizielle Interpretation des Kunststücks lautet: „Favaretto bearbeitet hier Themenfelder wie Wert, Dauer, Erhalt und Verbleib der Überreste industrieller Massenproduktion und interpretiert auf diese Weise die documenta-Leitidee von Collapse and Recovery".

Stunden später lasen wir in den ausgedruckten Formularen von Hauptantrag und Anlagen das amtliche Zwischenergebnis seines Lebens: keine regelmäßigen Einkünfte mehr seit dem letzten Sommer, Schulden in Höhe von 15000€, davon 3000€ Mietschulden, und seit dem Frühjahr keine Einzahlung mehr in Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung.

Im Südflügel des Hauptbahnhofs ein dunkler Raum, in dem auf einer Bildwand eine Figur nach einem Schuss zu Boden fällt, einen Moment liegen bleibt, sich erhebt, nach einem Schuss zu Boden fällt, einen Moment …usw. Im Raum aus verschiedenen Lautsprechern Salven von Maschinengewehren. Der Betrachter steuert die Bilder und Töne aus dem syrischen Bürgerkrieg, indem er zwischen youtube-Videos eine Auswahl trifft.

.. Der Bruder war den Tränen nahe. Wir rauchten auf der Terrasse gemeinsam eine Zigarette. „Wann hast du die Kontrolle über dein Leben verloren?“ – „Als ich L. verließ, mein Studium abbrach und mein Geld mit Filmen für die Dritten Programme verdiente. Als ich seit dem Sommer letzten Jahres keine Aufträge mehr bekam, mich vor den Kindern schämte und mir einredete, meine Zeit komme wieder. Als ich begann, die Freunde und dich um Geld zu bitten.“

…Zwischen demontierten Strommasten aus Limassol und Fakten, Fakten, Fakten über die Waffenproduktion am Standort Kassel nach 1945 der Aushang eines alternativen Restaurants: „ There is no art in here“.

Wir verabredeten, dass ich ihn übermorgen zum Termin mit seiner Fallmanagerin begleiten werde. Er bat mich darum, denn er hatte Sorge, nicht den Überblick zu behalten und die Nerven zu verlieren. Ich versprach, mit B. darüber zu reden, wie wir ihm helfen können, die aufgelaufenen Mietschulden abzustottern. Er sagte, er wolle morgen nicht mit zur documenta, ob ich ihm die 60€ für Bahnfahrt und Eintritt nicht so geben könne, denn…

…Beim Imbiss an der Treppenstraße, die anderen schauen sich die Exponate im Fridericianum an, rechne ich, wie teuer uns ein Kredit über 15000€ käme und ob wir uns den leisten könnten. Am Nachbartisch drei junge Frauen mit ihren Babys. Sie sprechen über ihre Kinder, ihre Männer und ihre Pläne. Sie lachen viel und gönnen sich ein Glas Weißwein.

Mir fällt eine Szene aus den 60er Jahren ein: In den Semesterferien bin ich eine Woche bei den Eltern und übe mit dem kleinen Bruder Diktate und Aufsätze. Er soll im nächsten Jahr zum Gymnasium, und Mutter meint, ich müsse als der Ältere für ihn Verantwortung übernehmen. In den Pausen bolzten wir auf dem Rasen. Der kleine Bruder war glücklich.

In der Neuen Galerie bleibe ich lange im Raum mit der Klanginstallation „Die Gedanken sind frei“. Die Besucher können in einer alten Wurlitzer unter 100 gesellschaftskritischen Liedern wählen. Im Katalog heißt es dazu: „Jedes Lied, das jemand auswählt, um es selbst zu hören und es andere hören zu lassen, hat das Potenzial, unerwartete Echos wachzurufen.“ Ich wähle „Arbetzlozer Marsh“ von „Daniel Kahn & The Painted Bird“, eine seltsame Mischung aus Klezmer und Punk.

Am Abend hat der Zug 50 Minuten Verspätung. Ich leihe mir den MP3-Player der Tochter und höre auf einer Bank vor dem Bahnhof Herbert Grönemeyer: „An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit / An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit“.

Auch das noch.

12:34 24.07.2012
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