Kommunikative Unklarheiten

Normalität der Liebe Manche Tage beginnen kompliziert. Heute wegen einer schönen Fachverkäuferin und des alten Buches eines toten Systemtheoretikers
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Die Verkäuferin meines Vertrauens hat donnerstags ihren freien Tag. Deshalb stand heute Morgen eine fremde schöne, junge Frau hinter der Theke. Die begann, als sie mich sah, zu deklamieren:

„Als er die Bäckerei betrat, wusste sie Bescheid. Er würde es wieder tun. Wie schon gestern. Tief in seine Augen blickend reichte sie ihm das geschnittene Brot.“

Wäre ich ausgeschlafen gewesen, hätte ich –vielleicht- geistesgegenwärtig geantwortet: „Er aber wich ihrem Blick nach kurzem Zögern aus und sagte mit belegter Stimme: ‚Danke. Heute bitte drei Röggelche.‘“ So aber spendete ich ihr einen kurzen Applaus, bekundete ihr mein Mitgefühl für ihre Darbietung, zu der die Werbeabteilung der Industriebäckerei sie zwang, bestellte wie jeden Morgen ein Mettbrötchen, erhielt es, zahlte, dankte und machte mich wieder auf den Weg nach Hause. Unterwegs kaufte ich im Kiosk von Frau N. noch die Frankfurter Rundschau, die einfach zu einem guten Frühstück dazu gehört.

Dort wartete B. auf mich. Sie hatte unterdessen in Luhmanns Liebe als Passion geblättert, das gestern Abend nach dem enttäuschenden Sieg der Bayern als suhrkamp taschenbuch neben dem Fernseher liegen geblieben war, und war auf diese Sätze gestoßen, die sie mir nun, immer wieder vom Husten unterbrochen, vorlas:

„Die Ehen werden im Himmel geschlossen, im Auto gehen sie auseinander. Denn derjenige, der am Steuer sitzt, richtet sich nach der Situation und fährt, wie er meint, auf Grund seines besten Könnens; aber der, der mitfährt und ihn beobachtet, fühlt sich durch die Fahrweise schlecht behandelt, führt sie auf Eigenschaften des Fahrers zurück. Er kann nur in einer Weise handeln, nämlich kommentieren und kritisieren; und es ist wenig wahrscheinlich, daß er dabei die Zustimmung des Fahrers findet. Im Taxi hätte man (von Extremfällen abgesehen) wenig Anlaß, darüber zu kommunizieren. Bei Intimbeziehungen wird jedoch genau diese Situation zum Test auf die Frage: handelt er so, daß er meine (und nicht seine) Welt zu Grunde legt? Und wie könnte man davon absehen, bei Zweifeln den Versuch einer kommunikativen Klärung zu unternehmen, wenn man anderenfalls mit resigniertem Schweigen sich und dem anderen sagen würde, daß man den Test nicht riskiert?“

Während sie vorlas, begann ich zu ahnen, warum gerade diese Zeilen sie interessierten. Vor Monaten war mir aufgefallen, dass sie neuerdings, wenn sie in meinem alten Punto neben mir saß, meine Fahrweise nonverbal kommentierte, indem sie mir, zum Beispiel, während eines Überholvorgangs mit ihren Händen signalisierte, ich solle mehr Abstand halten, oder sich mit den Füßen abstützte, wenn sie fürchtete, ich würde auf den Vordermann auffahren. Das war in den gut 40 Jahren vorher nie passiert.

So kam es. B. sagte: „Wenn meine Grippe vorbei ist, müssen wir über unsere Beziehung reden. Meine Unsicherheit, wenn ich im Auto neben dir sitze, haben wir nie thematisiert. Das ist, wenn Luhmann Recht hat, ein sicheres Zeichen dafür, dass unsere Liebe auf der Kippe steht – weil deine Empathie nicht mehr reicht und wir zu feige sind, unsere Probleme kommunikativ zu klären.“

Ich versuchte sie zu beruhigen, indem ich Luhmanns Glaubwürdigkeit als Analyst der Liebe in Frage stellte. Der habe auch behauptet, dass Liebe eine „Anomalie“ und eine „ganz normale Unwahrscheinlichkeit“ sei. Aber wir, wir seien schon seit 1968 (oder 69?) zusammen. B. beeindruckte das nicht, und wir kamen überein, nach dem Verschwinden aller grippalen Symptome über die Situation zu reden.

Das Frühstück verlief danach harmonisch. B. zog sich ins Bett zurück, ich las den Leitartikel der FR (Unfehlbar nur im Rücktritt), nickte zustimmend und brach dann auf, um meinen Pflichten als Lesepate der Klasse 4c nachzukommen. Wir wollen einander heute die eigenen Geschichten vorlesen.

13:18 28.02.2013
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