Krieg, Text, Wodka

Literatur und Leben Lektion über den Himmel
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Auf der Rückfahrt im RE 6 von O., wo wir uns nach der Radtour im Institut für westfälische Literatur die Sonderausstellung „1914: krieg & text – text & krieg“ angeschaut hatten, in der Studierende der Universität in P. Gedichte von August Stramm, Gustav Sack und Paul Zech mit multimedialen Ausdrucksformen ( Video, Soundcollagen) inszenieren, versuchten wir einander das Gedicht „Sturmangriff“ von Stramm zu erklären, das wir im nachgebauten Unterstand der Soldaten als Auszug aus einem fiktiven Tagebuch gefunden hatten:

Aus allen Winkeln tönt die Furcht.
Die Soldaten wollen;
kreischend peitschen sie das Leben vor sich hin,
bis zum keuchen Tod.
Der Himmel ist zerfetzt.
Das Entsetzen schlächtert blind um sich.

Ein junges Mädchen mit Wodkaflasche und Bierdose, das uns mit seinem Freund zugehört hatte, mischte sich ein in unser Gespräch und sagte, sie halte es für sinnlos, an diesem schönen Märztag ausgerechnet über ein Kriegsgedicht zu reden. Der Himmel hier über dem Münsterland sei nicht „zerfetzt“, sondern ganz wunderbar zartblau und alle Wetterberichte sagten, dass das auch in den nächsten Tagen so bleibe. Sie fahre jetzt nach B. und werde am Abend zu einem Konzert im Bunker Ulmenwall gehen, La STPO aus Frankreich, hier ganz unbekannt, ungefähr wie Freddie Frith, besser als jedes Kriegsgedicht.

In B. stiegen wir aus. Zum Abschied bot uns das Mädchen einen Wodka an, wir nahmen einen Schluck, stiegen auf die Räder und fuhren in die untergehende Sonne.

22:41 09.03.2014
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