Krise im Krimi

Petros Markaris Sein neuer Roman „Zahltag“ will von der Impotenz des Staates und der Auflösung der Gesellschaft in Griechenland erzählen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vier Rentnerinnen, die ihren Familien nicht länger zur Last fallen wollen, begehen gemeinsam Selbstmord durch Gift. Ein Mann stürzt sich vom Balkon seiner Wohnung in die Tiefe. Ein bankrotter Einzelhändler erhängt sich.

Die Geschichte, die Markaris im zweiten Teil seiner Kriminal-Trilogie über das Leben und Sterben im heutigen Athen erzählt, weist viele drastische Details auf, die die gegenwärtige Krise des Landes illustrieren.

Der Plot stellt den Zerfall von Staat und Gesellschaft in den Mittelpunkt: Der „nationale Steuereintreiber“ befördert an antiken Stätten mit Schierlingsgift Männer ins Jenseits, die seiner Aufforderung, ihre Steuerschuld umgehend an das Finanzamt zu überweisen, nicht folgen, und droht zu einem Volksheld zu werden.

Kommissar Charitos, der auf eine Beförderung hofft, muss sich mit einem raffinierten Täter, mit nervösen Vorgesetzten und opportunistischen Politikern auseinandersetzen. Außerdem beschäftigen ihn private Sorgen. Seine Tochter will auf der Suche nach einer festen Stelle Griechenland verlassen, und seine Frau macht ihm deswegen Vorwürfe.

*

Petros Markaris muss nicht lange nachdenken, als ihn die Moderatorin seiner Lesung auf dem Kulturgut Nottbeck auffordert, die seinem Land aufgezwungene Sparpolitik mit drei Adjektiven zu charakterisieren: „anstrengend, entmutigend, notwendig.“ ImGespräch wird schnell klar, dass Markaris, der mal Wirtschaftswissenschaften studiert hat, keine Alternative zur Politik der Troika sieht. Für ihn ist die Krise ein attraktiver Stoff für Kriminalromane, die eine spannende Geschichte erzählen und die Suche nach dem Täter mit einer Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse verbinden.

*

Beides misslingt.

Die Suche nach dem Täter, konsequent aus der Sicht des ermittelnden Kommissars erzählt, besteht vor allem in der Schilderung der zeitraubenden Versuche, im Chaos der Demonstrationen möglichst schnell die diversen Tatorte zu erreichen, und in der szenischen Darstellung der Gespräche mit Mitarbeitern, Vorgesetzten und Politikern. Die Ermittlungen schleppen sich dahin, es gibt bis zwanzig Seiten vor dem Ende des Romans keine Ansatzpunkte für einen konkreten Verdacht und erst die vage Hypothese einer spät hinzugezogenen Profilerin führt zum Erfolg. Konventionell und ohne Tempo erzählt.

Die Krise von Staat und Gesellschaft im heutigen Griechenland wird in einzelnen Figuren anschaulich, sie wird in den Dialogen des Kommissars mit Frau, Tochter und Kollegen auch zur Sprache gebracht – aber all das geschieht plakativ und ohne einen originellen Gedanken. Man erfährt über Griechenland nichts, was man nicht schon wusste.

Immerhin: Der Kommissar wird am Schluss befördert. Das gönne ich ihm, denn er ist ein guter Mann, wenn auch ein schlechter Erzähler. Aber das hat sein Autor zu verantworten.

Petros Markaris, Zahltag. Ein Fall für Kostas Charitos. Zürich 2012.

21:09 26.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 3