Leben und schreiben in Charkiw

Serhij Zhadan Poet und Erzähler. Außerdem: Punk, Fußballfan, Literaturwissenschaftler, politischer Aktivist
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Worüber schreiben die modernen Dichter?

Die modernen Dichter schreiben über die schwindende, kapriziöse

Substanz ihrer Angst; der Teufel der Dichtung schmiert

Ruß auf die Türschlösser, und du sitzt da mit deinen Ängsten

und schreibst Gedichte, eins nach dem anderen,

dieser Eindruck also

bleibt

von der modernen

Dichtung.

Worüber schreibt der ukrainische Dichter Serhij Zhadan in der Zeit des Bürgerkriegs? Zum Beispiel über die Situation am Schewtschenko-Denkmal in Charkiw am Sonntag vor Ostern 2014:

„… rote Fahnen und orthodoxe Ikonen, Schlägertypen mit Baseballschlägern und Rentnerinnen, die auch an die umzingelten „Faschisten“ herankommen wollen, die Polizei, die kaum Einfluss hat, und die „Gäste aus Russland“, die professionell ihre Arbeit verrichten… „

***

Von der Existenz des Dichters Serhij Zhadan aus Charkiw in der Ukraine wusste ich nichts. Dann sah und hörte ich in der „Tagesschau“ irgendwann im März einen kleinen, schmächtigen, jungenhaften Mann auf der Leipziger Buchmesse den Satz sagen: "Faschisten sind diejenigen, die die aggressive und chauvinistische Politik Putins unterstützen.“ Der Zorn dieses Mannes auf linke Putinversteher in Deutschland machte mich neugierig. Ich forschte nach und erfuhr:

Vor Beginn der Unruhen sollen die Kneipen in Charkiw überfüllt gewesen sein, wenn Serhij Zhadan (Jahrgang 1974) seine Erzählungen und Gedichte las und mit seiner Band Sobaky w kosmossi (Hunde im Kosmos) aufspielte. Seit den Nuller Jahren hatte er in schneller Folge Gedichte und Romane veröffentlicht, war erfolgreich und wurde bald zu jenen jungen Autoren gezählt, die in ihren Texten das Lebensgefühl einer Generation zum Ausdruck bringen, die als Jugendliche das Ende der Sowjetunion erlebte und in der postsozialistischen Gesellschaft des neuen ukrainischen Staates erwachsen wurde. Zhadan sah seinen Platz am Rande dieser Gesellschaft:

„Wenn ich mit meiner Literatur die ersten 100.000 Dollar verdient habe, werde ich ein altes Pionierlager bei Charkiv kaufen und dort 200 Punks ansiedeln. Tagsüber werden sie nützliche Arbeit verrichten, zum Beispiel rote Rüben sammeln, und abends werden sie 'Sex Pistols' hören."

Im Netz fand ich zehn Gedichte von ihm (http://bit.ly/1iq37f5). Mir gefielen ihr erzählender, lakonischer Tonfall, ihre bizarre Verfremdung der Wirklichkeit und ihre Melancholie. Zum Beispiel die ersten (siehe oben) und die letzten Verse des Gedichts Michail Swetlow, das davon erzählt, wie sich Ehefrau, Geliebte und Beischläferin den Körper des am Suff gestorbenen Geschäftsmanns aus der Ölbranche teilen:

weil es viele Gründe gibt, sich an gute Freunde zu halten,
weil Liebe so oder so ein Mannschaftsspiel ist,
weil schließlich jeder von uns
mehr als den Tod fürchtet
allein
zu bleiben
mit seinem
Leben.

***

Wer gute Gedichte schreibt, ist vielleicht auch ein guter Erzähler, dachte ich und bestellte im Buchladen den Roman Anarchy in the UKR (2005, dt. 2007), für den der deutsche Verlagmit diesem Zitat wirbt:

Vergiss die Politik, lies keine Zeitung, hör kein Radio, schlag den Fernseher ein, geh nicht ins Netz, geh nicht wählen, sag nein zur Demokratie, tritt keiner Partei bei, verkauf deine Stimme nicht den Sozialdemokraten , beteilige dich nicht an der Diskussion über das Parlament, sag nicht „Mein Präsident“, unterstütze nicht die Rechten, (....) sie nutzen dich aus, sag nein zur nationalen Wiedergeburt, dich hängen sie als ersten auf, du bist ihr Feind, ihr Jude, ihr Schwuler, du bist ihr Faschist und Bolschewist, du störst ihren Politbetrieb, störst ihre Absprachen (...) du störst sie dabei, dich zu verarschen.

Ein Anarchist als Ich-Erzähler auf den Spuren des Anarchisten Nestor Machno aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in einer Ukraine auf dem Weg zum Kapitalismus – das versprach Begegnungen mit ungewöhnlichen Figuren in zerfallenden Orten und jede Menge ideologische Konfusion.

(demnächst vielleicht mehr)

22:20 26.04.2014
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