Lernen mit D.

Bildungschancen Es ist gut, wenn alte Leute den Jungen helfen. Noch besser wäre es, diese wüssten, wie’s geht
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Lernen mit D.

Foto: Johannes Simon/ AFP/ Getty Images

Wenn D. nach dem Offenen Ganztag hier ankommt, hat er Hunger. Wir essen gemeinsam ein Brot, er am liebsten mit Käse und Spiegelei, und wir sprechen über Dinge, die ihn bewegen. Heute zum Beispiel über den Geburtstag seiner Mutter. Der sei lustig gewesen und er habe am Abend für alle einen Auflauf gemacht (mit Hackfleisch, Nudeln, Paprika, Brühwurst, Tomatensauce und Bergkäse). Schade nur, dass der Vater nicht habe dabei sein können, der habe seine Tour als Lastwagenfahrer nicht verschieben können.

Dann gehen wir in mein Arbeitszimmer, um Hausaufgaben zu machen.

D. ist Schüler der 4.Klasse einer Förderschule – Sohn von deutschsprachigen Einwanderern aus Kasachstan, ein aufgeweckter Junge mit vielen Interessen. Er spielt Theater und geht am Wochenende zu den Pfadfindern seiner freikirchlichen Gemeinde. Er ist auf der Förderschule gelandet, weil er Legastheniker ist. Seine Klassenlehrerin traut ihm zu, dass er am Ende des Schuljahres auf eine Regelschule wechseln kann. Deshalb helfe ich ihm bei den Hausaufgaben, und wir üben Lesen und Schreiben, jeden Mittwoch gegen 15:00 Uhr, für eine Stunde.

Heute verbesserten wir die Rechtschreibfehler in seinem Aufsatz. Das strengte ihn an. Es entspannte ihn, mir zu erklären, welche Vögel gerade das Vogelhaus besuchten. Das hörte sich sachkundig an. Meinem Versuch, ihm zu erklären, warum das Fahrrad zwei r’s brauche, hörte er gleichmütig zu.

Gegen 16:30 brachte ich ihn, es war inzwischen dunkel geworden, nach Hause. Zum Abschied boxte er mich freundschaftlich in die Seite. Am nächsten Mittwoch geht’s weiter. Aber ich bin nicht sicher, ob ich ihm wirklich helfe.

23:14 13.12.2012
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