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Während ich ratlos auf die Abrechnung der Stadtwerke schaute, hörte ich gestern auf WDR5 die letzten Verse eines Gedichts, die mich von den Zahlen unseres Fernwärme-, Wasser- und Stromverbrauchs ablenkten:

denk ich an die Winde

die alt geworden sind

Das einfache Bild, das Motiv des Alterns und der sachliche Tonfall des Sprechers machten mich neugierig, und ich fand im Internet bald den vollständigen Text:

als sie noch jung waren die winde

als sie noch jung waren die winde

war ich verworren

und blind und taub

für ihren Gesang

jetzt wenn ich das Land durchstreife

und nicht mehr weiß

wo ich bin

und nichts mehr wissen will

in meinem Herzen

denk ich an die Winde

die alt geworden sind

Das Gedicht stammt von Wolfgang Hilbig. Es sollen die letzten Verse gewesen sein, die er vor seinem Tod im Frühsommer 2007 geschrieben hat.

Ich hatte Wolfgang Hilbig im Juni 2003 gehört, als er an einem Sommertag in Ostwestfalen auf der Deele einer Rossmühle eine Erzählung aus seinem Buch „Der Schlaf der Gerechten“ las: ein untersetzter, etwas füllig gewordener Mann, der mit seiner Aktentasche auf dem Podium Platz genommen und sich an diesem idyllischen Ort und vor diesem Publikum von aufgebrezelten und gut gelaunten Bildungsbürgern sichtlich unwohl gefühlt hatte. Er hatte dann - zunächst stockend und misstrauisch, nach einer Weile konzentriert und uns Zuhörer ignorierend – von einem Ich-Erzähler gelesen, der sich an seinen Weg zu seinem Arbeitsplatz in einem Heizkraftwerk im sächsischen Industriegebiet erinnert. Eine dunkle Geschichte von traurigen Menschen in einer menschenfeindlichen Umgebung, so kam es mir damals vor, aber faszinierend wegen ihrer ruhigen, suggestiven Sprache und wegen ihres Autors, der mit seiner proletarischen Ausstrahlung und seiner Ernsthaftigkeit wie jemand wirkte, der aus der Zeit gefallen war. Nach der Lesung langes Schweigen, dann zaghafter Beifall und ein Autor, der mit seiner Aktentasche schnell den Raum verließ. Ich hatte mir damals vorgenommen, endlich seinen viel gelobten Roman „Ich“ zu lesen, aber dazu war es nicht gekommen.

Und nun dieses letzte Gedicht. Es berührte mich, weil es lakonisch und ohne Larmoyanz von den Versäumnissen eines Lebens und der Müdigkeit des Alters spricht. Und weil ich das lyrische Ich ganz unprofessionell mit dem Autor identifiziere, mit dem Dichter Wolfgang Hilbig – dem Enkel eines analphabetischen Grubenarbeiters, dem Heizer, der in seinen Arbeitspausen las und schrieb, und dem deutschen Bürger, der sich nicht in der DDR, nicht in der BRD und nicht im neuen Deutschland heimisch fühlen konnte.

Wolfgang Hilbig starb am 2.Juni 2007 an Krebs. Er wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt. Auf der Trauerfeier lasen Kolleginnen und Kollegen aus seinen Gedichten.

In der Reportage der Berliner Zeitung steht:

Am offenen Grab spielen Musiker dann die Melodie "Don't cry for me Argentina". Eine Frau wirft zusammen mit der Handvoll Sand ein Kohlebrikett in die Grube. Hohl kracht der Sarg, als es aufschlägt, Hilbigs letztes Brikett.

Lesenswerte Links:

www.faz.net/artikel/C30703/zum-tod-von-wolfgang-hilbig-widerstand-gegen-den-zerfall-der-literatur-30073140.html

www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2007/0611/berlin/0032/index.html

www.freitag.de/community/blogs/magda/meuselwitz-und-wolfgang-hilbig


10:48 21.07.2011
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