„Meet the Angel“

Weihnachtsmarkt Allerlei Kultur in der Provinz
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Als wir den Wald passiert hatten, schauten wir auf das Gut unten in den Feldern. Die ockerfarbenen Gebäude, im späten 17.Jahrhundert errichtet, waren vor Jahren aufwändig restauriert worden, nachdem ein Bielefelder Kaufmann seinen Sinn für Schönheit und regionale Kultur entdeckt und ( sicherlich steuersparend ) Geld investiert hatte.

Seit einigen Jahren findet hier „Weihnachten im Stall“ statt, ein Markt für Menschen mit Sinn für Exklusivität und genügend Kleingeld. In diesem Jahr war u.a. angekündigt: Wunderschön verarbeitetes Papier aus Elefantendung, hergestellt in Sri Lanka...“. Meine Mutter pflegte zu sagen, das sei etwas für „Bielefelder“, sie kenne niemanden aus dem Dorf, der dort hingehe. Nun hatte die Enkelin so lange gequengelt, dass wir an diesem regnerischen Nachmittag mit ihr zu Gut Böckel ins Dorf meiner Kindheit fuhren.

Damals wohnte auf dem Gut eine alte Frau, die mit einem Inspektor und Tagelöhnern aus dem Dorf die 500 Hektar Land bewirtschaftete. Ich habe keine genauen Erinnerungen an sie. Sie kam mir sehr alt vor, wenn sie einmal im Jahr in die zweiklassige Volksschule kam, um uns Geschichten und Gedichte vorzulesen. Zwischen Weihnachten und Neujahr pflegte sie Gäste zur Jagd einzuladen, und wir Dorfkinder bekamen eine Mark dafür, dass wir Rehe, Hasen und Rebhühner vor die Flinten der Jäger trieben. Auf dem Wassergraben, der das Gut umschließt, hatte ich Schlittschuhlaufen gelernt.

Erst sehr viel später erfuhr ich, dass die alte Frau eine Dichterin gewesen war, die Gedichte und Romane geschrieben hatte, mit prominenten Zeitgenossen ( u.a. Rilke, Oskar Maria Graf, Heidegger ) befreundet gewesen war und einmal sogar einen Bundespräsidenten auf ihrem Gut mit Kalbsbraten bewirtet hatte.

Sie hieß Hertha Koenig ( bit.ly/rz70nO ).

Ihre Familie war mit der Zuckerproduktion in Russland reich geworden. In ihrer Jugend muss sie eine schöne Frau gewesen sein. Die Ehe mit einem Literaturwissenschaftler scheiterte nach kurzer Zeit. Ein erster Band mit Gedichten erschien 1910 im C. H. Beck-Verlag. Die Themen ihrer Lyrik - Sehnsucht, Vergänglichkeit, zerstörtes Glück – , las ich, seien bereits in diesen frühen Gedichten präsent.

Von 1913 bis 1917 führte sie in München einen literarischen Salon. Sie sammelte Kunst und besuchte im Sommer 1914 Picasso in Paris.

In die Literaturgeschichte ist sie nicht mit eigenen Versen eingegangen, sondern als Mäzenin von Rainer Maria Rilke, der ihr 1922 die fünfte seiner Duineser Elegien gewidmet hatte: „Frau Hertha Koenig zugeeignet“. Den August und September 1917 hatte Rilke als Gast auf Gut Böckel verbracht. Sie hatten über Literatur und ländliches Leben geplaudert, während auf den Schlachtfeldern Europas gestorben wurde.

Im Werk Hertha Koenigs haben die Weltkriege des 20.Jahrhunderts und der Faschismus keine Spuren hinterlassen. Mit über 90 Jahren ist sie 1976 auf Gut Böckel gestorben.

Vor einigen Jahren haben junge Wissenschaftler der Universität Bielefeld auf der Suche nach Hochkultur in der Region die Texte Hertha Koenigs wiederentdeckt und versuchen sie als Beispiel für die Literatur von Frauen des Bürgertums zu interpretieren, die ihre Ansprüche an das Leben und ihre Erfahrungen des Scheiterns mit den Mitteln der Kunst ausdrückten. Ein Bielefelder Verlag bereitet eine Gesamtausgabe vor.

Während die anderen dem Konzert einer schottischen Dudelsackkapelle zuhörten, schaute ich mir im Gutspark die Installation „Meet the Angel“ von Ilya Kabakov an. Auf einem 16 Meter hohen Gerüst aus vier Holzleitern erhebt sich ein Himmelstürmer aus Polyester, um überirdische, geflügelte Wesen zu empfangen. Die Installation visualisiert eine alte Geschichte: Ein Mann erwacht aus einem Traum, der ihm gezeigt hat, wie man seinem Engel begegnen kann. Er beginnt am Morgen, eine hohe Leiter zu bauen, die ihn in die Nähe des Himmels bringt.

Im Halbdunkel dieses regnerischen Samstags wirkte sein Versuch wie ein verzweifelter Versuch, dem Treiben auf dem glitzernden Weihnachtsmarkt nebenan zu entkommen, - und etwas lächerlich.

Auf der Rückfahrt fuhren wir an der Abfahrt nach Bielefeld-Baumheide vorbei. In diesem sozialen Brennpunkt lebt Alen. Er ist der Ich-Erzähler im Roman von Nuran David Calis*, ein Sohn armenischer Einwanderer, der als Türsteher die Kunst entdeckt und viel von ihr erwartet:

»Das Wesen der Kunst…ist, etwas Totes lebendig zu machen, das Verborgene sichtbar, dem Sprachlosen eine Sprache zu geben, dem Ungehörten Gehör zu verschaffen, der Kälte Wärme zu geben, der Hitze Abkühlung zu verschaffen und den Nebel, der über der Welt liegt, zu lichten...«

Eine gebildete Mäzenin Rilkes mit deutsch-russischem Familienhintergund, Papier aus der Scheiße von Elefanten aus Bangladesh, eine schottische Dudelsackkapelle, ein russischer Avantgardist, ein armenischer Einwanderer mit emphatischen Erwartungen an die Literatur und ostwestfälische Flaneure in adventlicher Stimmung – eine absurde Mischung, die meinem sehr deutschen Dorf in der Provinz damals in den 50er Jahren nicht zuzutrauen war. Gut so.

*David Nuran Calis, Der Mond ist unsere Sonne. 2011

21:46 03.12.2012
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