Mit Elvis und Stalin in der Linie 25

Adolf Endler Der Dichter fährt mit Prominenten an den Müggelsee.
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Nach dem Frühstück, während ich auf den Monteur wartete, langte ich ins Bücherregal, bekam das Heft 32/1987 der Zeitschrift Freibeuter ( Verlag Klaus Wagenbach ) zu fassen und stieß beim Blättern auf diesen Text von Adolf Endler:

Nach Rahnsdorf fahren

Und siehe, da steht es, mit Kugelschreibermine und in handbreiten Blockbuchstaben auf die Rückenlehne eines Straßenbahnsitzes der Linie Fünfundzwanzig gemalt: »GOTT SEI MIT DER DDR. AMEN.« Und darunter kleiner und von anderer Hand: ».. .gez. Elvis.« (Draußen Friedhofsportale, Birkenzusammenrottungen, geschlossene Ausflugsgaststätten, die Schrebergartenkolonie EIGENE SCHOLLE...) - »Da ist noch'n Spruch eingeritzt«, zeigt Judith, »zwei Sitze weiter vorne, kuckma: HIER SASS STALIN.« - »Hätt' ich fast übersehen.«

Der Text gefiel mir wegen der subversiven Phantasie der Graffiti und ihrer lakonischen Montage durch den Autor. Im Internet las ich über Endler, der mir nur vage dem Namen nach bekannt war : Surrealist, siedelte als junger Kommunist in den 50er Jahren in die DDR um, protestierte gegen die Ausbürgerung Biermanns, konnte zu Hause nicht mehr publizieren ( die Stasi protokollierte: »E. lebt sehr zurückgezogen und macht einen mürrischen Eindruck.« ), nach der Wende bis zu seinem Tod mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Ich suchte weiter im Internet und fand in einem Nachruf auf den „Tarzan vom Prenzlauer Berg“ diese Verse eines Gedichts von Endler:

Grüß Gott! rief ich, Tach!, /Als ich sie herbeitorkeln sah, / Die aparte graugelbe Urne 'A.E.'; / Und, wie jeder sich denken kann, / Nicht ganz ohne misslichen Riss /Dieses Dings – /"You’re welcome!

( aus : Krähenüberkrächzte Rolltreppe )

Guter Mann, dachte ich, mit klarem Blick auf die Welt und wollte schon mit den Vorarbeiten für ein ambitioniertes Blog über Endler ( Arbeitstitel „Surrealist und sozialistische Staatsmacht“ oder so ) beginnen, als der Monteur klingelte und fragte, was denn genau mein Problem sei.

21:32 19.04.2013
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