Mittwochmorgen

Momente Kontingenz, Küsse, Zwergziegen und rote Zahlen
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Am Vormittag bringe ich B. zum Bahnhof, die sich ein paar Städte weiter in Sachen Inklusion weiterbilden will. Bei Curry-Paul sehe ich den Luhmann-Schüler mit dem schwarzweißblauen Schal, der sich hier auf das Match heute Abend vorbereitet. Ich leiste ihm eine Zigarette lang Gesellschaft. In sieben Minuten erklärt er mir, warum wir auch gegen den übermächtigen Gegner Chancen haben. Das hängt, habe ich verstanden, damit zusammen, dass der Anteil von Kontingenz am Fußballspiel besonders hoch sei: „Es kommt doch wieder das Glück oder der Zufall ins Spiel, weil Reaktionen sich doch nicht hundertprozentig bestimmen lassen und zu guter Letzt die Pfeife des Schiedsrichters den Ball in nicht vorhergesehene Richtungen zu lenken imstande ist.“

Eine halbe Stunde später lese ich in der Klasse 4c einen Abschnitt aus dem Jugendbuchbuch einer Neuseeländerin vor. Im Abschnitt diese Sätze: „Frankie und Gigs fanden Russisch zum Totlachen. Wenn sie sich richtig amüsieren wollten, hörten sie sich manchmal Mas alte Kassetten vom Russischstudium an. Im Unterricht konnte Frankie Gigs (und sich selbst) immer zum Lachen bringen, wenn er Feodor, Feodor, rastsluj menja, da po scharche über den Tisch flüsterte. Das hieß: Feodor, Feodor, küss mich leidenschaftlicher.“ Sie provozieren zuerst eine längere Diskussion zwischen zwei Kindern, deren Muttersprache Russisch ist, über die richtige Aussprache der russischen Wörter und dann einen Meinungsaustausch unter einigen Jungs über die besten Kusstechniken. Die Mädchen kichern, die Klassenlehrerin bricht die Debatte ab: „Ich glaube, vom Küssen habt ihr auch nach unserer Klassenfahrt noch keine Ahnung.“

Im Kiosk von Frau U. geht es um Tommi, einen Ziegenbock aus unserem Zoo, der gestern nach Osnabrück gebracht wurde, um dort sieben afrikanische Zwergziegen zu Müttern zu machen. Wir finden das in Ordnung, und der Kollege mit den engsitzenden Jeans und dem innovativen Hörgerät erinnert sich daran, dass schon damals zu seiner Zeit die besten Mädchen aus Niedersachsen kamen.

Zuhause blinkt die Telefonanlage. Die Kfz-Werkstatt hat ihren Kostenvoranschlag auf Band gesprochen. Die Zahlen machen mich eine Zeitlang sprachlos. Ich schaue nach, wie hoch die Dispo-Zinsen meines Instituts sind. Ich schlucke. Dann rufe ich an und gebe grünes Licht.

Gut, dass ich die Karten für das Match heute Abend schon vor Wochen bezahlt hatte.

15:36 31.10.2012
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