Dichter & Politiker

Welttag der Poesie Lyrik im Kanzleramt
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Wo sonst mit ruhiger Hand regiert wird, erklang am Vorabend des Welttags der Poesie moderne Lyrik. Die Kulturstaatssekretärin hatte sechs Lyriker aus sechs Ländern eingeladen, in der "Herzkammer der Macht" zu lesen und mit der Politik über Kultur zu diskutieren. Frau Merkel konnte nicht dabei sein. Die Chefin musste am nächsten Tag in Brüssel ihrer Arbeit nachgehen (Vertrag mit Ukraine, Sanktionen gegen einige Russen).

Es ist nicht bekannt, ob sie bedauert hat, am Dialog von Politikern und Poeten nicht teilnehmen zu können. Vermutlich nicht, denn der hohe Ton ihres Lieblingsgedichts

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

hat mit dem modernen Sound der eingeladenen jungen Dichter aus Bahrain, Indonesien, Kanada, Ungarn, Südafrika und Deutschland wenig zu tun.*

Immerhin hat Frau Merkel den Lyrikverstehern im Kanzleramt einen Auszug aus ihrer Regierungserklärung vom Vormittag als Verse zur Verfügung gestellt. Sie lauten:

Meine Damen und Herren

die Bundesregierung setzt sich

mit aller Kraft dafür ein, dass

die Europäische Union

auch in Zukunft

ihr Versprechen von Frieden, von Freiheit und Wohlstand

einhalten kann. Gerade

in diesen Tagen erleben wir, dass

dies alles andere als selbst-

verständlich ist.

* Zum Beispiel Andras Gerevich aus Ungarn:

Es war ein öder Wochentag, Mittwoch,
wir tranken am Morgen Kaffee im Bett,
als ich dich küsste, kratzten deine Bartstoppeln,
ja, stachen, wie das Bewusstsein, dass es
niemanden geben wird,
der die Sanduhr wieder umdrehen könnte.

(aus: András Gerevich, Familienzeitrechnung)

14:03 22.03.2014
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