Reagan und ich

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Im Herbst 1987 machte ich mit meinem Leistungskurs Geschichte eine Studienfahrt nach Berlin. Die Fahrt wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung subventioniert; unsere Gegenleistung war, dass wir uns von Mitarbeitern der Bundeszentrale über die Hintergründe des Ost-West-Konflikts informieren ließen, eine Führung entlang der Mauer gehörte dazu. Am Brandenburger Tor zitierte der Stadtführer aus der Rede, die Reagan vor wenigen Wochen hier gehalten hatte: „Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev, tear down this wall!“. Er zitierte Reagans Appell mit einiger Ironie, und als wir am Abend im Kurs über die deutsche Teilung und die Zukunft sprachen, stimmten wir darin überein, dass dieser amerikanische Präsident ein Kalter Krieger und ein Phantast war. Nur einer war anderer Meinung: K.-U. vertrat die These, dass die Teilung einer Nation in zwei Staaten eine unnatürliche Sache sei und deshalb keinen dauerhaften Bestand haben könne. Na ja, K.-U., ein netter Kerl mit einer bizarren Leidenschaft für Militärgeschichte und einer Vorliebe für schräge politische Thesen.

Im Sommer 1997 feierte meine Schule ihr hundertjähriges Bestehen. Höhepunkt der Feierlichkeiten war ein Festball in der Stadthalle. Irgendwann im Verlauf des Abends kam ein junger Mann um die 30 auf mich zu, K.-U., inzwischen in München in Filmstudios tätig, ein gefragter Fachmann für die Simulation von Kriegsszenen. Wir sprachen über das Leben und über die Schule. Dann sagte er: „Eigentlich bin ich heute hierher gekommen, um Sie an unsere Studienfahrt nach Berlin zu erinnern. Als ich damals für Reagan und gegen die Akzeptanz der Mauer sprach, haben Sie mir gesagt: ‚K.-U., dass Sie den Fall der Mauer für realistisch halten, zeigt, dass Sie von Geschichte keine Ahnung haben.‘ Was sagen Sie nun?“

Ich erinnerte mich. Wir sprachen über die Gründe für den Fall der Mauer, für den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und das Ende des Kommunismus. Irgendwann einigten wir uns darauf, dass Ronald Reagan an diesen Vorgängen wohl nur einen geringen Anteil hatte. Ich konnte mein Gesicht wahren, aber die Erinnerung an meine Ignoranz von damals war mir unangenehm.

Heute vor hundert Jahren wurde Ronald Reagan geboren. Wenige Jahre nach seinem Tod hält die Mehrheit der Amerikaner ihn für den größten Präsidenten des 20.Jahrhunderts. Guttenberg fordert, dass in Berlin nach ihm eine Straße benannt werde, und hält heute in der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen eine Laudatio auf seinen Helden. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung feiert ihn als „Retter des Kapitalismus“.

Klar, das ist Nonsens, Propaganda für eine neoliberale Leitfigur. Und trotzdem: Ich verbinde mit Reagan eine eher peinliche Erinnerung.

13:16 06.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 8

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
lausemaedchen | Community