Schlachtfelder und Heldentode am Teutoburger Wald

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Kundus/Selsingen. Soldaten der Bundeswehr haben am Wochenende im Feldlager Kundus in Afghanistan Abschied von ihrem getöteten Kameraden genommen. Auch seine Heimatgemeinde Selsingen in Niedersachsen gedachte beim Sonntagsgottesdienst des 26-jährigen Fallschirmjägers. Sein Leichnam war nach der Trauerfeier am Sonnabend nach Deutschland geflogen worden. Der Oberfeldwebel war am Donnerstag bei einem Selbstmordanschlag der radikalislamischen Taliban in der afghanischen Unruheprovinz Baghlan ums Leben gekommen. Bei dem Anschlag waren zudem 14 deutsche Soldaten verletzt worden. Bisher sind insgesamt 44 deutsche Soldaten beim Bundeswehr-Einsatz am Hindukusch ums Leben gekommen. ( Hamburger Abendblatt v. 11.10.2010 )

Die postheroischen Jahrzehnte der deutschen Geschichte nach 1945 sind vorbei, und es ist an der Zeit, dass sich die Redenschreiber der Regierenden an die Arbeit machen, um Textbausteine für die Trauerfeiern der Zukunft zu produzieren.

Ihnen und uns, den Zeitgenossen künftiger Schlachten und Heldentode, sei die Lektüre zweier Texte von Volker Braun aus „Das Mittagsmahl“ ( Frankfurt/M. u. Leipzig 2007 ) empfohlen.

Braun ( *1939 ) erinnert sich hier an seine Kindheit und an den Tag, an dem beim Mittagessen Mutter und Söhne erfahren, dass der Vater "gefallen" sei, „wie das Sterben im Krieg heißt".

Der erste Text imaginiert die Umstände des Tods seines Vaters in den Ostertagen 1945 im Teutoburger Wald.

Im zweiten Auszug, einem Gedicht, verknüpft der Autor Eindrücke von seinem Besuch am Ort des Sterbens seines Vaters mit Versatzstücken historischer Erinnerungen an die Schlacht der Germanen gegen eine römische Legion, für deren Andenken bei Detmold im 19.Jahrhundert ein Denkmal errichtet wurde, das die „Schlacht am Teutoburger Wald“ als Symbol für den Freiheitsanspruch und die Größe der deutschen Nation deutet.

( 1 ) HELDENTOD

( … )

Am frühen Abend schleppten sie sich weiter (immer weiter von euch weg - wußte er; weiß ich, wenn ich schreibe). Die Stiefel schlugen mechanisch aufs Pflaster, man fragte nicht mehr nach Tag und Ort; es regnete. Braun hielt durch, eine Wanderung, er atmete ruhig die frische würzige Luft.

Am 1. April oder war es der 2. (sein Hochzeitstag) kamen sie zum Einsatz. Sie lagen am Teutoburger Wald, angeschlagen von dem Gewaltmarsch. Sein Zug wurde aufgelöst und mit jungen, kaum siebzehnjährigen Rekruten bestückt. Sie sollten Ibbenbüren halten. Die Einwohner hatten sich im Bergwerk verborgen. Die Stadt lag im Tal, sie gruben sich erschöpft in den Waldhängen ein.

Braun war mulmig zumut; es galt nun, Härte zu zeigen. Der Feuerschein ganz nahe, das Dröhnen, Kettenrasseln der englischen Panzer. Er sah, und der Atem stockte ihm, auf den Anhöhen Gehöfte, die weiße Laken hißten, Scharfschützen schossen sie mit Phosphorgranaten in Brand. Dann brachen die Rudel Panzer aus der Waldhöhe vor, und der Kampf begann. Die Jungen sprangen in ihren Löchern auf, standen aufrecht weißumloht, die Panzerfaust in den Händen; und wurden niedergemäht. Die älteren Landser hielten kaltblütig stand. Zwei- dreimal traten die Panzer an, um die Stellung zu überrollen. Ein Tank schien außer Gefecht gesetzt, er rührte sich nicht. Der Zugälteste rief Freiwillige auf, den Tank unschädlich zu machen, und Braun! meldete sich sofort, ohne an Weib und Kinder zu denken, und mit ihm ein Zweiter. Sie pirschten sich an, vorbei an Sterbendenmit aufgerissenen Bäuchen, aus denen Gedärme hingen. Er spürte sein Herz schlagen, und in allen Fasern sein Leben. Ein zweiter Panzer, am Waldrand versteckt, nahm sie unter Feuer. Braun wurde von der Bordkanone in die Brust getroffen, der Kamerad, der die Hände hochnahm, gefangengenommen. Man barg die Toten in der Dunkelheit, am andern Tag schwiegen die Waffen.( S.37ff )

( 2 ) DER TEUTOBURGER WALD

Die Hügel nahe sind entfernt vom Wetter

Naß die Fichten, keine drei Schritt vor mir

Wegtretend im Nebel, der Wanderweg

Empfiehlt sich in das Nichts. Glitschig am Fuß

Und waldursprünglich aus dem Hinterhalt

Geschichte, die Gräber im letzten Dickicht

Wie kauernde, in Reih und Glied, Soldaten

Im Schlamm versinkend offnen Augs blind:

In meinem Alter mein Herr Vater fröhlich

Im Eilmarsch von Sachsen bis Niedersachsen

Verschossen in den Krieg, die Fahnenjunker-

Anwärter (auf dem Grab: Anwärter), er

Freiwillig meldet der sich, englische

In dem Gestrüppe! Tanks anschleichen, das

Am letzten Schlachttag, war sein Oster

Denn Ostern wars, Spaziergang in den Tod.

Die Vöglein schweigen im Walde, warte nur.

Was soll ich sagen, bald könnt ich sein Vater

Sein, und war einst vor was weiß ich viel Jahren

Mit vielen Brüdern um den Urmensch, eine

Idylle mit geladenem Gewehr

Auf der Veranda, das er uns erklärt

Vorweg, den äußerlichsten Mechanismus

Seines Ablebens. Und der Wald steht stur

Über den Gräbern, die auf Gräbern ruhn

Sinds Wurzeln oder Beine fleischlos kalt

Die mir ein Bein stelln und worauf ich geh

Mit meinem deutschen Bauch auf römischen

Zehn

( 1975 )

14:13 07.10.2010
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