Stalin: 60 Jahre tot

Liebhaber der Poesie Er starb als Diktator, Massenmörder, Sieger über den deutschen Faschismus und Leser von Lyrik.
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Die Leidenschaft für Poesie war eine eher skurrile Eigenschaft des Diktators: Er liebte Gedichte, hatte selbst welche als junger Mann geschrieben (Ich aber knöpfe meine Weste auf/ Und werfe meine Brust dem Mond entgegen/ mit ausgestreckten Armen werde ich/ Den Spender des Lichts auf der Erde verehren.) und war ein kritischer Leser, der auf dem Höhepunkt seiner Macht sein Missfallen mit drastischen Maßnahmen unterstreichen konnte.

Einer der jungen Dichter, die Opfer Stalins wurden, war Ossip Mandelstam (seine Kurzbiographie hier: http://bit.ly/13Ge6Kw ).

Mandelstam hatte um die Jahreswende 1933/34 Freunden und Bekannten ein Gedicht vorgetragen, das in leicht zu entschlüsselnden Bildern den Machthaber als „den Gebirgler im Kreml“ demaskierte, das später so genannte Stalin-Epigramm:

Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,

Doch wo wir noch Sprechen vernehmen, -
Betrifft's den Gebirgler im Kreml.

Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,
Und Zentnergewichte wiegt's Wort, das er fällt,

Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben,
Der Stiefelschaft glänzt so erhaben.

Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um,
Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum,

Die pfeifen, miaun oder jammern.
Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer.

Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:
In den Leib, in die Stirn, in die Augen, - ins Grab.

Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten -
Und breit schwillt die Brust des Osseten.

Das Epigramm führt im Mai 1934 zur Verhaftung und zur Verbannung Mandelstams nach Woronesch im europäischen Teil der Sowjetunion. Das relativ milde Urteil wird damit erklärt, dass Bucharin (Jahre später ein Opfer der Großen Säuberungen) sich für ihn eingesetzt habe. Der Diktator selbst soll mit Pasternak in Sachen Mandelstam telefoniert haben.

Während der Verbannung in Woronesch schrieb Mandelstam viele jener Gedichte, die ihn Jahrzehnte später berühmt und populär gemacht haben. Hier entstand auch die Ode auf Stalin, von der sein Biograf Ralph Dutli sagt, sie sei in ihrer Ambivalenz Ausdruck „ einer wirren Dankbarkeit Stalin gegenüber, weil er nach diesem Epigramm nicht sofort erschossen wurde.“

Mandelstam wurde 1938 wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“ erneut verhaftet und diesmal zu fünf Jahren Arbeitslager im Fernen Osten verurteilt. In einem Durchgangslager des GULAG in der Nähe von Wladiwostok starb er am 27. Dezember 1938. Sein Biograf beschreibt das Ende:

„Als die Wäsche-Desinfizierung abgeschlossen war, wurde die Tür der Hitzekammer aufgerisssen und ein stechender Schwefelgeruch drang heraus. In dem Moment habe Mandelstam noch ein paar Schritte gemacht, den Kopf in den Nacken geworfen, sich ans Herz gegriffen und sei dann zusammengebrochen.“

An Mandelstam erinnern in Russland heute vier Denkmäler. Nach Medienberichten hat die Popularität Stalins in Russland in den letzten Jahren stark zugenommen.

Die Medien meldeten am Vortag des 60. Todestages Stalins, dass der geschäftsführende Vorstand der Partei DIE LINKE sich dafür ausgesprochen habe, an der Geschäftsstelle in Berlin an die Opfer des Stalinismus zu erinnern. Gut so. Wenn auch etwas spät.

18:04 06.03.2013
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