Tag 8 - Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert

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Meine Affäre mit den Gedichten von Karl Mickel begann in einer schlaflosen Nacht in 1995 in einem Krankenhaus in B.. Ich lag dort einen Sommer lang mit einer hartnäckigen Virusinfektion, langweilte mich, dachte über mein Leben nach und las, was mir unter die Augen kam. In der Wochenend-Ausgabe einer überregionalen Tageszeitung entdeckte ich eines Nachts ein Gedicht von Karl Mickel, das mich berührte und mir in den Jahren danach vage in Erinnerung blieb, weil es mit Leichtigkeit und Sarkasmus vom Altwerden sprach. Mit einer Krankenschwester, der ich bei einer gemeinsamen Zigarette nachts im Garten des Hospitals das Gedicht vorlas, sprach ich über die Zumutungen, die das Alter bereit hält. Sie war der Meinung, der Mickel mache es mit seiner Mischung aus Trauer und Trotz genau richtig.

Jahre später, ich hatte das Gedicht fast vergessen, fand ich es wieder im Band Geisterstunde. Gedichte von Karl Mickel.

Das Alter ( Auszug )

(…)

2

Ich rauche die Hälfte

Ich trinke ein Zehntel

Ich liebe tagtäglich

Ich habe (-Tennis:) den Aufschlag verbessert

Ich schwimme bisweilen im Meer, und es trägt mich

Im BergdorfCervione

Sah ich freischwirren den Kolibri

So beginne ich das sechzigste Jahr meines Alters

Das dreißigste Jahr der vernichteten Hoffnungen

Das fünfte Jahr der Aera Lenae

(…)

Ich erinnerte mich sofort an meine nächtlichen Lektüren und Gespräche im Krankenhaus in B. und entschied spontan, die schönsten Verse aus dem Gedicht auf die Einladung zu meinem 60.Geburtstag, den ich groß feiern wollte, zu drucken. Aber die Idee kam bei meiner Frau gar nicht gut an:

„Das kann nicht dein Ernst sein. Das Ich im Gedicht ist ein larmoyanter Typ, der sein Alter als eine narzisstische Kränkung sieht und mit seinem Tod kokettiert. Gut, wenn das Ich, das hier spricht, tatsächlich der Karl Mickel ist und der vielleicht wirklich auf „vernichtete Hoffnungen“, persönliche und politische, zurückblicken muss, dann respektiere ich das. Aber wenn du dieses Bekenntnis von Mickel zum Motto deines Geburtstags machst, dann gibst du dem Sprecher des Gedichts eine andere Bedeutung: eine zeitlose männliche Stimme, die von den zeitlosen Mühen eines zeitlosen Mannes schwadroniert und einen Trost in imaginierten sportlichen Erfolgen und kleinen Triumphen im Bett findet. Und indem du dieses Gedicht auf deine Einladung druckst, identifizierst du dich mit diesem zeitlosen männlichen Ich: Koslowski, der arme alte Mann, lässt noch mal die Puppen tanzen, bevor er den Löffel abgibt. Das glaubt dir eh keiner, der dich kennt. Schlechte Idee, vergiss sie!“

Ich leistete hinhaltenden Widerstand, indem ich auf die selbstironische Haltung des lyrischen Ichs aufmerksam machte und auf die Verdoppelung dieser selbstironischen Haltung verwies, die dadurch entstehe, dass ich, Koslowski, ein vom Glück Begünstigter, mir diese Rolle aneigne.

Die Sache wurde dann durch das Votum unserer Tochter B. entschieden: „Koslowski soll seinen Mickel weiterhin lesen und lieben, aber wir wollen seinen Geburtstag ohne literarische Gewährsleute feiern.“

Heute, wenn mein Blick auf die Gedichtbände im Regal fällt, nehme ich manchmal Mickels „Geisterstunde“ heraus, lese sein Gedicht „Das Alter“ und denke dabei an meine schlaflosen Sommernächte im Krankenhaus in B..


09:31 25.10.2010
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hibou | Community