Tag 9 – Das erste Buch, das du je gelesen hast

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„So lebten sie still und unverdrossen fort, und noch oft nachher, als Peter Munk schon graue Haare hatte, sagte er: »Es ist doch besser, zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter haben und ein kaltes Herz.“

Mit dieser moralischen Botschaft endet meine Lieblingsgeschichte aus einem Buch, das mir eine Tante zum 7.Geburtstag geschenkt hatte und das ich in den nächsten Wochen und Monaten, parallel zum Lesenlernen in meiner ostwestfälischen Zwergschule, zu entziffern und zu verstehen versuchte: Das kalte Herz von Wilhelm Hauff.

Ich las die Geschichte von Peter Munk mit roten Ohren. Der Text war so schwer mit vielen unbekannten Wörtern, aber die Geschichte, die er erzählte, war so spannend, und ihre Figuren waren so geheimnisvoll. Ich litt mit Peter Munk, der auf der Suche nach Geld, Anerkennung und Aufstieg sein Herz hergab, und war erleichtert, als er am Ende nach einigen Katastrophen ( er erschlägt seine Frau, die aber im Zuge des großen Happy Ends wieder von den Toten aufersteht ) mit Hilfe gütiger Wesen „ein fleißiger und wackerer Mann“ wurde.

Meine Mutter, die meine Lektüre zunächst mit Wohlwollen betrachtet hatte, wurde zunehmend genervt, weil sie meine Fragen ( Wo liegt Holland? Wie macht man Holzkohle? Gibt es böse Geister? Was ist der Nibelungenhort? ) häufig nicht beantworten konnte. Sie deckte mich mit Aufgaben im Haushalt ein und schickte mich zum Spielen nach draußen. Ihrer Schwägerin machte sie Vorwürfe, dass sie mir ein Buch mit solchen „Schauergeschichten“ geschenkt habe.

„Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff – blieb etwas von diesem ersten Buch, das ich gelesen habe?

Eine Erinnerung an lange, glückliche Lesestunden. Eine anhaltende Sehnsucht nach spannenden Geschichten mit glücklichem Ausgang. Eine Schwäche für den Schwarzwald. Und schließlich: eine grundsätzliche Sympathie für Hauffs moralische Botschaft: „Es ist doch besser, zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter haben und ein kaltes Herz.“

Dieses Eingeständnis ist mir etwas peinlich, denn diese Haltung ist natürlich kleinbürgerlich und reflektiert, historisch gesehen, das unpolitische Bewusstsein von Teilen des deutschen Bürgertums im Zeitalter des Biedermeier nach 1815. Könnte es sein, dass meine Sympathie für Hauffs selbstgenügsame Moral mich als Spießer demaskiert? Oder leben wir irgendwie in einem neuen Zeitalter der Restauration? Oder ist es eine Frage von Altersweisheit? Das wäre mir natürlich am liebsten.

12:34 28.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 1