Tante Frieda

Lesen und Leben Erinnerungen an 1913 und ein Problem der Gegenwart
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Nachher hole ich Tante Frieda. Sie ist 85 und die letzte Überlebende aus der Generation der Eltern. Wir werden auf der Terrasse Kuchen essen, Tee trinken und reden.

Am Morgen hatte ich beim Frühstück – in der aufsteigenden Sonne mit Blick auf den Farbenrausch von Felsenbirne, Essigbaum und Ahorn – in der Sonntagszeitung die Rezension eines Buches* gelesen, das vom Jahr 1913 erzählt. Ich erfuhr, dass in diesem Jahr zwei unbekannte junge Männer, der eine in Wien, der andere in München, ihren jeweiligen Beschäftigungen nachgingen ( der eine schrieb an einem Aufsatz über Marxismus und nationale Frage, der andere fertigte Aquarelle von den Sehenswürdigkeiten der Stadt an ) und Else Lasker-Schüler sich in Berlin in Gottfried Benn verliebte. Das Buch sei da am schönsten, wo es „von der Traurigkeit, der Langeweile, der Unruhe, dem Gefühl, dass womöglich alles sinnlos sei“, erzähle.

Tante Frieda will mit uns über L. reden, ihren Enkel, der 35 ist, mehrfach behindert, ein Pflegefall seit seiner Geburt, von der ganzen Familie umsorgt und geliebt. Nun geht es nicht mehr: Seine Mutter ist sehr krank, die Ehe der Eltern gescheitert, die finanziellen Verhältnisse sind zerrüttet. L. soll ins Heim. Oder gibt es Alternativen? Darüber will sie mit uns reden.

Ich weiß jetzt, dass Stalin und Hitler vor 99 Jahren ein unbeachtetes Leben am Rande der Gesellschaft führten und Lasker-Schüler und Benn mit Poesie sich umwarben. Aber was L. betrifft, bin ich ratlos.

Nachher hole ich Tante Frieda.

* Florian Illies, 1913. S.Fischer. 2012

14:30 21.10.2012
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