Tod eines Stürmers

Fußballgeschichte Vor 100 Jahren stürmte bei den Olympischen Spielen in Stockholm ein Mann für Deutschland, der drei Jahrzehnte später von seinen Landsleuten in Auschwitz ermordet wurde

Vermutlich wurde er am 2. März 1943 ermordet, gleich nachdem der Sammeltransport mit jüdischen Deutschen aus Süddeutschland sein Ziel  Auschwitz-Birkenau erreicht hatte. Während eines Zwischenaufenthalts in Dortmund hatte er noch auf einem Zettel eine letzte Nachricht verfasst: „Meine Lieben. Bin gut gelandet, es geht gut. Komme nach Oberschlesien, noch in Deutschland. Herzliche Grüße und Küsse euer Juller“.

„Juller“ – das war der Spitzname für Julius Hirsch aus Karlsruhe, der zwischen 1911 und 1913 sieben Mal für die deutsche Fußballnationalmannschaft gespielt hatte und mit dem Karlsruher FV, in den er 1902 als 10Jähriger eingetreten war, mehrmals deutscher Meister geworden war.

Hirsch war klein ( 1,68 m ), schnell und schussstark, im Spiel gegen die Niederlande am 24.03.1912 erzielte er vier Tore. Mit seinem Freund Gottfried Fuchs, ebenfalls Nationalspieler und Jude, bildete er über Jahre beim Karlsruher FV einen torgefährlichen Innensturm.

Hirsch kam aus einer assimilierten jüdischen Familie mit ausgeprägt deutschnationaler Haltung. Die schützte ihn und seine Familie nicht vor Diskriminierung und Entrechtung bereits unmittelbar nach der Machtübertragung auf die Faschisten. Am 10. April 1933 erklärt er seinen Austritt aus dem KFV, nachdem sich auch sein Verein mit der Auffassung des DFB solidarisiert hatte, „Angehörige der jüdischen Rasse, ebenso auch Personen, die sich als Mitglieder der marxistischen Bewegung herausgestellt haben,( seien ) in führenden Stellungen der Landesverbände und Vereine nicht … tragbar“.

In seinem Brief  an den Vorstand des KFV führt er als Beleg für seine Behauptung, dass es unter deutschen Juden viele deutsche Patrioten gebe, die Verdienste der Brüder Hirsch im 1.Weltkrieg an:

1. Leopold Hirsch, ehemals Karlsruher Fußballverein, aktiv beim 1. Badischen Leib Grenadier Regiment, auch auf dem Gefallenendenkmal des KFV stehend. Von 1914 bis 1918 im Felde beim 94. Reserve Infanterie Regiment. Besitzer Eisenkreuz II. Klasse und verschiedener anderer Orden. Gefallen auf dem Felde der Ehre am 30.6.1918 am Kemmel.

2. Max Hirsch, nicht aktiv gedient, meldet sich 1914, obwohl nur ein Auge, freiwillig aus der Schweiz zum Kriegsdienst. Im Felde von 1915/18 bei einer Ahrendt-Station in vorderster Front. Besitzer Eisenkreuz II. Klasse und der badischen Silbernen Verdienst-Medaille.

3. Rudolf Hirsch, aktiv gedient beim Telegrafenbataillon in Karlsruhe. Im Felde von 1914-1918 bei der bayrischen Fliegenden Division Kneisel. Besitzer Eisenkreuz I. Klasse und der bayrischen Tapferkeitsmedaille.

4. Julius Hirsch, aktiv beim 1. Badischen Leib Grenadier Regiment 109 1912/13. Von 1914 bis 1918 im Felde beim 12. bayrischen Landwehr Infanterie Regiment. Besitzer Eisenkreuz II. Klasse und der bayrischen Dienstauszeichnung.

Hirsch, der 1925 seine aktive Laufbahn beendet hatte und Geschäftsführer der väterlichen Firma geworden war, schlug sich nach deren Insolvenz im Jahr 1933 als Hilfsbuchhalter, Handelsvertreter und Holzschäler durch. Versuche, in der Schweiz und in Frankreich eine Anstellung als Fußballtrainer zu bekommen, scheiterten.

Er begeht 1938 in Frankreich einen Selbstmordversuch und wird nach seiner Rückkehr nach Deutschland längere Zeit in einer Heil- und Pflegeanstalt behandelt.

1939 lässt er sich von seiner „arischen“ Frau scheiden, um sie und die beiden Kinder vor Verfolgung zu schützen. Die Kinder werden im Januar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Sie überleben, ebenso seine Frau.

Nach 1945 erinnert sich der DFB nicht mehr an Julius Hirsch. Als der Alt-Bundestrainer Herberger 1972 den Vorschlag macht, Gottfried Fuchs, der rechtzeitig ins Exil gegangen war und in Kanada lebte, als Ehrengast zur Einweihung des Olympiastadions in München einzuladen, lehnte der DFB ab – aus Kostengründen. Zu diesem Zeitpunkt saßen zwei ehemalige Mitglieder der NSDAP im Vorstand des DFB, ein ehemaliges Mitglied einer SS-Totenkopfdivision war im Vorstand.

Seit 2005 vergibt der DFB einen „Julius-Hirsch-Preis“: „für die Unverletzbarkeit der Würde des Menschen und gegen Antisemitismus und Rassismus, für Verständigung und gegen Ausgrenzung von Menschen, für die Vielfalt aller Menschen und gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit.

Vor Beginn der EM 2012 besuchen Löw, Lahm, Klose und Podolski die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Die WAZ kommentierte:  „Die Fußballer haben… Ehre eingelegt für unser Land.“

Lesenswert:

1. Der Namenartikel in wikipedia

2.  Werner Skrentny: Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet. Biografie eines jüdischen Fußballers. Verlag Die Werkstatt, 352 Seiten. 24,90 Euro.

3. Die Rezension des Standardwerks von Schulze-Marmelink über den Fußball im faschistischen Deutschland im FREITAG: http://bit.ly/MzbBgR

15:40 26.06.2012
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