Triumph der Textanalyse

Karl Heinz Bohrer Die „klügste Stimme der konservativen Intelligenz“ erinnert sich, wie er einmal linksradikale Studenten sprachlos machte.
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„Statt zwanzig Studenten saßen da zweihundert, und man begrüßte mich mit leicht beifälligem Klatschen. Einige kommissarhaft auftretende Jünglinge in schwarzen Lederjacken versuchten mich in einer Art Schauprozess vorzuführen. Ich solle hier und jetzt endlich mal meine bürgerliche Identität klären! Das wies ich kühl ab und schmiss drei dieser großspurig auftretenden Jakobiner mit dem Satz raus, jetzt würden Texte analysiert.“

Die Anekdote zeigt einige Merkmale, die Bohrer (Journalist, Redakteur, Literaturwissenschaftler, u.a. in Bielefeld) kennzeichnen: die Neigung zur heroischen Selbstinszenierung, allerdings ironisch gebrochen, seine Abneigung gegen wirkliche und vermeintliche Revolutionäre ( 1789, 1917, 1968) und ein störrisches Insistieren auf den Primat der Texte und ihrer Ästhetik vor Moral und Didaktik. Bohrer sagt dazu:„Ich habe einen romantischen Blick.“

Dieser Blick machte den Merkur, dessen Mitherausgeber er zwanzig Jahre lang war, zu einer intelligenten und provokativen Zeitschrift. Ich kündigte mein Abo, als Bohrer begann, in den Physiognomien ihrer politischen Klasse die Durchschnittlichkeit der alten BRD zu lesen und mit dem neuen Deutschland die Hoffnung verknüpfte, es kämen wieder heroische, tragische Zeiten.

Mit 80 hat Bohrer seinen ersten Roman geschrieben:„Meine Knabenzeit in Krieg und Internat kam mir auf einmal sehr exotisch vor. Diese Epoche wollte ich bewahren.“ Die ersten Rezensionen sind positiv. Ich werde ihn lesen und hoffe, dass dort die Episode näher ausgeführt wird, die zeigt, wie Philosophie Spaß machen kann:

Dieser hoch gescheite und vor Gelächter sprühende Mann meinte, wir müssten das Leben leben lernen. Er erklärte uns nicht nur mit Feuer und Leidenschaft, was Sartres Existentialismus bedeutet, sondern erzählte auch, wie ihn einmal eine junge Pariser Prostituierte in einer Straße am Genital hinter sich hergezogen hatte. Eines Tages lud er einen Mitschüler und mich in seine Wohnung ein, um weiter über Sartre zu reden. Als wir in die unverschlossene Wohnung kamen, saß er mit zwei nackten Frauen im Bett. Unbekleidet wie er war, sprach er über Heidegger und die Schwierigkeiten, ihn ins Französische zu übersetzen.

1. Interview im Magazin der SZ vom 5.Oktober 2012

2. K.H. Bohrer, Granatsplitter. Hanser. 2012

23:34 10.10.2012
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