Über Spießer

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Bin ich eigentlich ein Spießer?“, fragte ich beim Frühstück meine Frau, als ich in der F.A.S. das Lob des Spießers von Volker Zastrow ( „Milieuschutz“, S.11 ) las: „Klar, keiner will sich selbst als Spießer sehen. Aber: Wir sind die Mehrheit im Lande.“

„ Eine rhetorische Frage“, sagte sie, „dein Spießertum ist evident. Denn 1. Du liest beim Frühstück die Zeitung, 2. du hoffst, kein Spießer zu sein, 3. du schwärmst beim Inder von Kotelett mit Bratkartoffeln und 4. du willst eine Jahreskarte für Arminia in der 3.Liga. Völlig klar, du bist ein Spießer.“

Ich nippte am Kaffee und dachte: „Aber dagegen spricht, dass ich 1. immer noch rauche, 2. im Unterschied zu dir noch nie die GRÜNEN gewählt habe und 3. langjähriger Abonnent eines unkonventionellen Meinungsmediums aus der Metropole bin.“ Aber ich hielt lieber meinen Mund.

„Donnerwetter“, dachte ich, als ich später auf der Terrasse im Feuilleton der o.g. Sonntagszeitung das Streitgespräch ( „Wir haben den besseren Weihrauch“, S. 21f ) zwischen Claudius Seidl und Matthias Matussek über dessen Buch „Das katholische Abenteuer“ las, „da hatte Maike Hank das Erregungspotential dieses Pamphlets doch richtig eingeschätzt, als sie dies der Community zur gemeinsamen Lektüre vorschlug.“ Im Streitgespräch lobt Matussek den Widerstand der katholischen Kirche im Dritten Reich und die katholische Soziallehre, die „dafür gesorgt“ habe, „dass der Kapitalismus nicht aus dem Ruder läuft“. „Spießer“, denke ich und lobe mich für meinen Entschluss, diesmal am Lesen&Bloggen der Community nicht teilzunehmen. Aber nur klammheimlich, denn ich weiß ja, dass Selbstlob eine Eigenschaft des Spießers ist.

Im selben Feuilleton lobt Nils Minkmar ( „Eine Sprache für unsere Lage“, S.26 ) die Performance von Peer Steinbrück in der ersten „Lecture de l’Academie de Berlin“, der die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen und die Zukunft Europas brilliant analysiert habe: „Peer Steinbrück belebt … eine vergessene europäische Tradition: die des lesenden und schreibenden Politikers.“

Minkmar ist auch angetan von der coolen Geistesgegenwart, mit der Steinbrück auf einen Kritiker außerhalb seiner Vorlesung reagiert:

„Kurz vor dem Beginn seiner Rede steht Peer Steinbrück noch vor dem Eingang des Französischen Doms am Berliner Gendarmenmarkt. Der Eingang liegt etwas höher, Steinbrück blickt wie von einem Balkon über das Treiben eines sommerlichen Abends in Mitte. So bekommt es gleich etwas Theatralisches, als sich ein zorniger, ganz in Schwarz gewandeter junger Mann nähert und von unten Verwünschungen ruft. Erst fällt ihm der Name des Politikers nicht ein, nur die erste Silbe. "Sie sind doch der Stein. .." - ,,Meier!", ergänzt Peer Steinbrück.

Dann wird er von dem Mann als Volksverräter, neoliberaler Schuft und dergleichen mehr tituliert.

Und erfährt, dass er sich "für seine Verbrechen noch werde verantworten müssen". Steinbrück antwortet ihm in gleicher Lautstärke: ,,Morgen früh um sechs im Grunewald!" Der Mann zieht fuchtelnd ab.“

Wer ist denn hier der Spießer:

der Journalist, der mit seiner Anekdote das Bild seines Helden ausmalt,

der junge Mann, der die unverhoffte Begegnung mit seinem Feindbild zu rhetorischen Fouls nutzt,

der Politiker, der in Hörweite des Journalisten seine Souveränität demonstriert oder

ich, der ich meine Morgenlektüre zum Anlass nehme, ein Blog über Spießer zu schreiben, das mich als belesenen und selbstironischen Zeitgenossen in Szene setzt?

Ich werde auf dem Pfingstspaziergang mal meine Frau fragen.

13:42 12.06.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 24

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community