Über Keuschheit

Lust in der Ehe Unterhaltungen älterer Menschen in der Mensa handeln manchmal von existentiellen Fragen.
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„Die Ehe führt auf direktem Weg in die Keuschheit, sagt Philip Roth.“ X. schaute mich erwartungsvoll an. "Habe ich gestern in der SZ gelesen."

Wir saßen in der Mensa und kauten an unseren Salaten. X. (61, Soziologe mit literarischen Interessen, seit zehn Jahren geschieden) hatte das Gespräch mit einer systemtheoretischen Analyse des letzten Heimspiels der Arminen begonnen und wechselte nun abrupt das Thema, weil er B.s Desinteresse bemerkt hatte.

B. verschüttete ihr Dressing und sagte: „Jetzt bin ich aber gespannt.“

Ich wandte mich X. zu und sagte so lässig wie möglich:„Das ist eine These alter Männer, die ihre persönlichen Probleme verallgemeinern, um sich zu entlasten. Oder ein Foul von alt gewordenen Junggesellen an ihren verheirateten Freunden.“

X. schüttelte den Kopf. „Weder, noch“, erwiderte er, „das Verschwinden der Lust in der Ehe ist einfach eine Tatsache, die in vielen empirischen Untersuchungen bestätigt wurde und die der alte Roth nur prägnant formuliert hat.“

B. schob den Radicchio an den Rand des Tellers.

X. ging zum Angriff über. „Und ihr? Habt ihr noch Lust aufeinander? Nach all den Jahrzehnten?“

Ich bediente mich am ausgemusterten Radicchio meiner Frau. Sie suchte auf meinem Teller nach Salatherzen.

X. lächelte fies und empfahl uns die Lektüre der Rothschen Romane.

Mal sehen. Eigentlich hat Luhmann schon alles gesagt: "Die Führung der Liebenden geht vom Roman über auf die Psychotherapeuten." (Aus: N.L., Liebe als Passion)


00:00 15.11.2012
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