Unterwegs mit M.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Heute Morgen beim Gang zum Bäcker begegnete ich M. aus unserer Straße, der mit Pflegerin und Rollator unterwegs war.

M. ist gut siebzig, leidet an fortgeschrittener Demenz und ist vor einigen Wochen an Krebs operiert worden. Die Nachbarn munkeln, er sei nach Hause zurückgekehrt, um zu sterben.

M. war in seinen jüngeren Jahren ein nerviger Nachbar, der sich mit den Abstandsvorschriften des Nachbarschaftsrechts auskannte, und ein konservativer Zeitgenosse, der in Bürgerinitiativen gegen eine neue Gesamtschule aktiv war und gegen die Präsentation der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" im historischen Museum der Stadt demonstrierte.

An diesem Morgen erkannte mich M. nicht. Er hielt mich für den Postboten und begann ein Gespräch über die guten alten Zeiten, als die Post noch die ,,Deutsche Bundespost" war und Oberposträte wie er dafür gesorgt hatten, dass der Laden lief. Ich machte die Scharade mit, und wir trennten uns nach wenigen Minuten im vollen Einvernehmen.

Als ich vom Bäcker zurück kam, wartete die Pflegerin auf mich. Herr M. brauche jemandem, der mit ihm drei-/viermal in der Woche etwas laufe. Die Familie könne das nicht organisieren, der Pflegedienst sei darauf nicht eingestellt. Sie habe den Eindruck gewonnen, M. käme mit mir gut aus.

Und da Frau M. ihr gesagt habe, ich sei nun auch in Rente gegangen, wolle sie mich bitten, in der nächsten Zeit, wenn das Wetter es zulasse, mit M. ...

Ich versprach, mich am Wochenende zu entscheiden. Eigentlich will ich nicht - habe schon andere ehrenamtliche Beschäftigungen und seine Not erinnert mich so sehr an das Sterben meiner Mutter.

Aber wäre es nicht kleinkariert, dem alten kranken Mann nicht zu helfen? Müsste nicht ein halblinker Gutmensch über seinen Schatten springen können? Solidarität predigen, aber, wenn es ernst wird, sich hinter Bedenken zurückziehen?

Am Sonntag werde ich mich entscheiden.

Das schrieb ich am Samstag.

Inzwischen gehe ich mit meinem Nachbarn um die Mittagszeit, wenn das Wetter es zulässt, etwa fünfzehn Minuten um den Block. Wir unterhalten uns gut. Wenn er mich erkennt, sprechen wir über unsere Kinder und Enkel und über andere Nachbarn.

Heute erkannte er mich nicht. Er hielt mich für einen Mitarbeiter seiner katholischen Kirchengemeinde und sprach von seiner Hoffnung, dass es ein Jenseits und ein ewiges Leben gebe. Ich hörte ihm zu und blieb stumm. Ich glaube nicht an die Erzählungen der Religion und wusste nicht, was ich ihm sagen sollte.

Als wir uns verabschiedeten, bedankte er sich für das gute Gespräch und bat mich, dem Pfarrer auszurichten, er freue sich auf die Begegnung mit Gott.

21:33 25.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 15

Avatar
lausemaedchen | Community
Avatar
matt-dillon | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
hibou | Community