Veteranen in Halbtrauer

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Zwei ältere Herren treffen sich nach fast einem halben Jahrhundert zufällig in Anklam (Vorpommern) wieder. Als Studenten Mitte der 60er Jahre in München waren sie sich beim Freitisch eines Versicherungskonzerns begegnet und in dieser Zeit zu eifrigen Lesern Arno Schmidts geworden. Plaudern bei Kaffee und Kuchen, erinnern, staunen über die jungen Männer, die sie einmal waren, verstehen, sich trennen und weitermachen, als pensionierter Lehrer und Antiquar mit dem Schwerpunkt '68 der eine, als Müllunternehmer der andere – mehr passiert nicht in der soeben bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Novelle Freitisch“ von Uwe Timm.

Das klingt nicht gerade spannend, dachte ich, als ich am Morgen in der FR eine Rezension des neuen Buches von Uwe Timm las. Nostalgisch bin ich selbst, und die Frage: Sind wir die geworden, die wir sein wollten?“ kommt mir ziemlich rhetorisch vor – natürlich nicht.

Ich bin ein wenig jünger als Timms Helden und hatte Mitte der 60er Jahre in der alten BRD gerade das Abitur gemacht. Mit viel Thukydides, Ovid und Goethe. Und ganz ohne junge deutsche Literatur. Nur Günter Grass und seine obszöne „Blechtrommel“, vor der uns unsere Lehrer warnten, hatte ich abends gemeinsam mit zwei Kumpeln in der Stammkneipe gelesen.

Arno Schmidt hatte ich erst in den frühen 70er kennengelernt, als ich auf einen Fan von „Zettel‘s Traum“ traf, der mir riet, zur Einstimmung „Kühe in Halbtrauer“ zu lesen. Das tat ich und bin seitdem ein geneigter Leser Arno Schmidts, dessen Sprachwitz und Wut über die Restauration der Adenauer-Jahre mir bis heute gefallen. Aus „Kühe in Halbtrauer“ war mir in Erinnerung geblieben, wie der Ich-Erzähler Carloß das ländliche Gasthaus und seine Besucher portraitiert: „: Das Leben des Menschen ist kurz; wer sich betrinken wilL hat keine Zeit zu verlieren! / Und die Abende in <ZIEBIG'S Gasthof> waren ja gar nicht unlebhaft. (Wir am Ecktisch fur die vornehmen Personen; dem einzigen, der etwas wie 'ne Decke drauf hatte. Und Bier & seriöse Stumpen.) Holen Knechtlein sich <Zie=eretten>. Pralle Dorfmädchen stapfen keck: nach Flaschenbier herein. (Desgleichen geplagte Eheweiber; schlampig=schürzig, mit tiefliegendem Metazentrum, wüste Zitzen mit buntem Zitz überspannt.) …“

Nun also eine Novelle des eher traditionellen Erzählers Uwe Timm mit zwei alt gewordenen Helden, die sich ihrer Leidenschaft für Arno Schmidt und seiner „Kühe in Halbtrauer“ erinnern, und mit vielen Splittern der westdeutschen Wirklichkeit vor '68 und RAF. Die Sache begann mich zu interessieren. Auf dem Weg zum Wochenmarkt ging ich in die kleine Buchhandlung, blätterte unentschlossen durch den neuen Timm und las auf Seite 78/79 dies:

„Eines Mittags überraschte uns der Jurist mit dem Satz: »Weißt du, dass Schwalben nie an Bismarckdenkmälern nisten?«. Zunächst fühlte sich niemand von uns angesprochen, da wir uns ja alle siezten. Noch war nicht die kumpelhafte Zeit des Du gekommen. Wie der Herr Kommilitone richtig sagte. Nein, der Jurist zitierte aus »Kühe in Halbtrauer« und fragte nach dem Wahrheitsgehalt der Aussage. Oder war es einfach nur Ulk?

Das rief sofort dich auf den Plan, genau an so einer Stelle könne man die Mehrschichtigkeit des Schreibens von Arno Schmidt erkennen, denn kein Denkmal zeigt Bismarck auf einem Pferd sitzend. Pferde waren den gekrönten Häuptern vorbehalten. Nur im demokratischen Bremen habe man Feldmarschall Moltke auf ein Pferd gesetzt als hanseatisch zarten Protest gegen diese menschliche Katastrophe, den Großkotz, Wilhelm II. Also denkbar wären Schwalbennester nur, wenn sie im Genitalbereich der Bronzepferde klebten, an allen anderen Stellen würden sie ja verhagelt oder weggeweht.“

Das überzeugte mich. Ich kaufte den Timm und suchte am Abend nach der Stelle, die vom Besuch der beiden Helden bei ihrem Idol in Bargfeld erzählt und in der Rezension der FR gelobt wird. Hier, auf Seite 132/133:

„Wir fuhren langsam durch Bargfeld hinaus auf die Landstraße und dann zur Autobahn. Er schwieg beharrlich.

Nun sag schon, was war?

Einsilbig murmelte er: Immerhin, er hat gelacht, und ich hab die Bude mal von innen gesehen. Gott, was da für 'n Nippes rumsteht. Musste gesehen haben, so eine grässliche Birkenscheibe, bemalt mit 'ner Heidelandschaft. Glaubste nicht.

Musste gesehen haben ist gut, giftete ich, ich stand ja draußen.

Ging nicht anders. Glaub mir. Hätt er gesagt, Ihr Kollege soll mal reinkommen, aber so, sagte nix. Ich fragte ihn dann auch gemeinerweise: Du hast ihm einen Text von dir geschickt?

Ja.

Was hat er denn gesagt?

Schweigen. Dann, geknurrt: Wackeres SchmidtImitat. Euler drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Wir krochen den Berg vor Kassel hoch. Und wieder roch es nach Bakelit. Und wieder schmorte etwas Überflüssiges durch.

Das war alles?

Ja. Das heißt, er hat noch gesagt: Ich kann bei der Sprachzerhacke nur abwehrend die gespreizten Hände aufstellen. Dann schon besser solide erzählen.

Wie wer, hätte ich ihn fragen sollen.

Alice Schmidt hat Apfelsaft gebracht. Hab ihr gesagt, dass du draußen auf die Geräte aufpasst, und da hat sie dir ja auch ein Glas gebracht. Er hat, als ich raus ging, noch gefragt: Gibt's was Gutes unter den Neueren?

Nee, hab ich trotzig gesagt. Bis jetzt nicht. Aber bald.“

Das gefiel mir. Heute Abend werde ich Zeit haben, die Novelle zu lesen, denn die Gattin hat angekündigt, dass sie mit den beiden Töchtern und der Enkelin ins Tanztheater gehen will. Ich freue mich drauf.

13:27 05.03.2011
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