Vom Zustand der Welt zu Beginn der 38.Woche

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Die Schlagzeilen meiner Lokalzeitung berichten an diesem Montag von einem Amoklauf, der Verhaftung eines mutmaßlichen Kinderschänders im Nachbarort und von Prämienzahlungen in Millionenhöhe an die Manager einer gescheiterten Bank. Für Melancholiker jede Menge Bestätigung für ihre Vermutung, dass der Mensch schlecht und die Welt böse sei. Auch die Community hat nichts Erfreuliches zu melden: -„Die Kultur der etablierten Parteien CDU/CSU/FDP/GRÜNEN ist derzeit völlig beschissen!“

"Wo, Koslowski, steckt nur das Positive?", frage ich mich, suche im Internet und werde fündig bei „HÖR ZU HEIMAT“, einem neuen Produkt aus dem Hause Springer: „Mit der Stärke, Kompetenz und Erfahrung der HÖRZU-Redaktion ermöglichen wir künftig einen neuen Blick auf Deutschland, der gleichzeitig auch dem wachsenden gesellschaftlichen Bedürfnis nach Nähe, Verbundenheit und Tradition gerecht wird.“

Der Gedanke, dass Springer und HÖR ZU mein Bedürfnis nach guten Nachrichten befriedigen, ist mir unangenehm. Ich mustere meinen persönlichen Kanon guter Lyrik nach Texten mit einer positiven Botschaft und stoße dabei auf ein Gedicht von H. M. Enzensberger , in dem er am Ende des letzten Jahrhunderts mit sanftem Spott über Kapitalismuskritiker und Kulturpessimisten ein idyllisches Bild unserer Gesellschaft skizziert:

Hans Magnus Enzensberger

Optimistisches Liedchen ( 1999 )*

Hie und da kommt es vor

daß einer um Hilfe schreit.

Schon springt ein andrer ins Wasser,

vollkommen kostenlos.

Mitten im dicksten Kapitalismus

kommt die schimmernde Feuerwehr

um die Ecke und löscht, oder im Hut

des Bettlers silbert es plötzlich.

Vormittags wimmelt es auf den Straßen

von Personen, die ohne gezücktes Messer

hin- und herlaufen, seelenruhig,

auf der Suche nach Milch und Radieschen.

Wie im tiefsten Frieden.

Ein herrlicher Anblick.


Endlich mal ein Dichter, der davon singt, was in der Welt gut ist und klappt.

„Sagen Sie mal, Herr Enzensberger, wie meinen Sie das: „Optimistisches Liedchen“, das ist doch pure Ironie? Wie funktioniert Ihr Gedicht?“ – „Mit der Apokalypse kann ich nicht viel anfangen. Und wenn ein Gedicht etwas taugt, dann ist es besser als alles, was darüber gesagt wird.“ **

Mein Bedürfnis nach Nachrichten, die Mut machen, ist nun gestillt, und ich warte auf den Versicherungsvertreter, der mir erklären soll, wie das Bildungssparen für meine Enkel funktioniert.


* In: H.M.E., Leichter als Luft. Moralische Gedichte. Frankfurt/M. 1999, S.7

**In: „99 Fragen an Hans Magnus Enzensberger“. ZEITmagazin v. 12.08.2010


21:12 20.09.2010
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lausemaedchen | Community
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walter-ter-linde | Community
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