Warten auf die Gattin

Bahnhofsvorplatz Gestern Abend gegen 22:00 Uhr
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Der Zug, mit dem sie kommt, hat voraussichtlich 15 Minuten Verspätung. Pünktlich hingegen ist der RE aus Köln, mit dem einige Dutzend Arminia-Fans eintreffen. Sie sind nüchtern, müde und friedlich. Vor dem Standaschenbecher am Eingang sammeln sie sich, stimmen zum letzten Mal an diesem Tag ihr Lied an

Walk on, walk on, with hope in your heart
And you'll never walk alone

recken die Fäuste dreimal in den Himmel und verschwinden in der Nacht.

Einige junge Frauen, etwa 10, betreten die Szene, sehr blond, sehr mini, sehr hochhackig. Neben dem Mahnmal für die jüdischen Deutschen aus Ostwestfalen, die zwischen 1941 und 1945 von hier aus in die Vernichtungslager im Osten Europas deportiert wurden, sammeln sie sich, trinken Sekt und singen. Junggesellinnenabschied. Sie warten hier auf die Stretchlimousine, die sie in den angesagten Club im Bahnhofsviertel bringen soll.

Die Braut mit Bauchladen kommt auf mich zu. Sie werde in der nächsten Woche heiraten und brauche, um die Feier zu finanzieren, noch etwa Geld. Für Männer in meinem Alter habe sie ein besonderes Angebot: eine rote Rose aus Papier, mit einem Stringtanga kunstvoll verflochten, ein schönes Geschenk für die Gattin, nur 2 €, mit einem Küsschen für 2,50 €. Ich zögere und gebe zu bedenken, dass meine Frau und ich nach gut vierzig Ehejahren…“Nein, nein“, sagt sie, sie wisse als gelernte Altenpflegerin, dass auch ältere Menschen ganz scharf seien auf Aufmerksamkeit und Komplimente. Ich schaue sie neugierig an, bemerke einen Sinn für Ironie auf ihrem Gesicht, greife zum Portemonnaie, werfe 2,50 € in den Bauchladen, bekomme einen züchtigen, doch feuchtwarmen Kuss auf die linke Wange und einen zweiten auf die rechte Wange…“Als Zugabe“, sagt sie, „weil Sie so ein netter älterer Herr im gelben Pullover sind“, und stöckelt zurück zu den Freundinnen.

Mir fällt ein Gedicht ein, von Borchert, glaube ich,

Es regnet - doch er merkt es kaum,
weil noch sein Herz vor Glück erzittert:
Im Kuß versank die Welt im Traum.
sein Hemd ist naß und ganz zerknittert

erinnere mich an dieses Gefühl von Lust und Glück und schaue mit etwas Neid auf die feiernden jungen Frauen.

Dann erscheint die Gattin auf der Rolltreppe. Wir begrüßen uns, ein langer Kuss auf die Lippen, und schon beginnt sie zu berichten von ihrem Seminar im Süden der Republik, auf dem sie jungen Kolleginnen und Kollegen zeigen wollte, wie man in heterogenen Lerngruppen erfolgreich unterrichten könne. Rose und Stringtanga („Made in China“) müssen warten.

Und nun weiter zu den gesellschaftlich relevanten Blogs.

13:06 06.04.2014
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