Willy war mein Held

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Willy mochte ich zunächst nur deshalb, weil die Menschen in meiner Umgebung ihn hassten: Ein uneheliches Kind, linksradikal, verpisste sich, als es ernst wurde, in die Emigration, war nun leider zurückgekommen und regierte mit seinen Sozis Berlin, wenn er nicht gerade Weinbrand trank und Journalistinnen vernaschte. „Ein Plebejer will an die Macht“, sagte mein Lateinlehrer, „das hatten wir schon in Deutschland und die Folgen sind bekannt, siehe 1945“.

Willy wurde mein Held, als er in den späten 60ern erst Außenminister und dann Kanzler wurde. „Mehr Demokratie wagen“, neue Ostpolitik – also ab in die SPD mit Mitgliedsbuch, pünktlichen Hausbesuchen vom Kassierer des Ortsvereins und Wahl zum Schriftführer („Der Genosse studiert. Der kann das!“).

Ziemliches Entsetzen bei linksradikalen Freunden ( „Koslowski ist zu den Sozialfaschisten übergelaufen“ ), bei Eltern, Ausbildern und Schuldirektoren ( „Denken Sie daran, Koslowski: Nazis und Sozis kommen aus derselben sozialistischen Sippe!“ ).

Willys Lack splitterte, als seine Regierung den „Radikalenerlass“ erfand. Dann stürzten die Stasi und Onkel Herbert meinen Helden. Eine Zeitlang vermisste ich ihn. Irgendwann merkte ich, dass es auch ohne ihn ging.

Später, 1989, sah ich im Fernsehen, wie er mit Kohl in Berlin die Nationalhymne sang. Seine Witwe, heute FrauKopper, erzählt, in seinen letzten Jahren habe er am liebsten, auf dem Sofa liegend, WDR4 („Schönes bleibt“) gehört.

09:27 07.10.2010
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