Wind of change

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In der Fußgängerzone traf ich heute Mittag meinen ehemaligen Schüler S. (heute 13.Klasse), der mit zwei anderen Aktivisten der Jungen Union mit Handzetteln für die “Pro-Guttenberg-Demo“ am Samstagmittag auf dem zentralen Platz der Stadt warb.

Er sagte, er schwänze die Doppelstunde Sport, weil er es für wichtiger halte, sich politisch zu engagieren. Es komme jetzt darauf an, Flagge zu zeigen, nachdem die Altfunktionäre seiner Partei eingeknickt seien. Das müsse mir doch im Prinzip gefallen, denn er erinnere sich, dass ich mich in den letzten Jahren immer wieder mal über das politische Desinteresse seiner Generation beklagt habe.“Na ja“, erwiderte ich, „aber sich für die schnelle Rückkehr eines Hochstaplers in politische Ämter einzusetzen, scheint mir ziemlich unpolitisch zu sein, mehr eine trotzige Reaktion von Fans auf den Fall ihres Stars.“

Drei Zeugen Jehovas kamen vorbei und riefen: „Guttenberg, Jesus vergibt dir und euch auch.“

S. steckte meine Kritik locker weg und erklärte, es mache ihm Spaß, der wind of change habe nach Nordafrika nun auch Deutschland erfasst, mal sehen, wann hier Facebook abgeschaltet werde. Er zeigte mir auf seinem Smartphone die neueste Parole: „Es riecht nach revolutionärem Umbruch auch in Deutschland.“

Ich schüttelte den Kopf, und wir verabschiedeten uns. „Eine Farce“, dachte ich, „grotesk. Zuletzt hatte ich auf dem Platz vor sieben Jahren gegen den Irak-Krieg demonstriert. Und jetzt demonstrieren meine Schüler für einen Mann, der als Verteidigungsminister die Bundeswehr zum Schutz ökonomischer Interessen weltweit einsetzen wollte." Aber ich nahm mir vor, am Samstag mal die Nase in den Wind zu halten. Alter ist ja kein Grund, nur zurück zu schauen.

15:13 03.03.2011
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