Zweimal Literatur

Deutschstunden Was kann Kunst? Ein weites Feld. Ein Bielefelder mit Zuwanderungsgeschichte zum Beispiel meint: »Das Wesen der Kunst…ist, den Nebel, der über der Welt liegt, zu lichten"
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Wir sitzen mit zehn anderen Zuhörern in der Bockwindmühle in O. und hören dem Schauspieler zu, der aus dem Roman „Die Deutschstunde“ von Siegfried Lenz liest:

Wie soll ich meine Lieblingsmühle vorstellen: auf künstlichem Hügel stand sie, stand erwartungsvoll- wenn auch flügellos gegen Westen, ihre Zwiebelkuppe war mit Schiefer besetzt, der achteckige, aus übereinandergenagelten Planken gebaute Turm hatte zwei Blitzschläge überstanden…

Zerzaust und angeschlagen, verkommen, mit trockenen Scheißhaufen garniert, war meine Mühle sich selbst überlassen, stand schwarz und untauglich im Blickfeld zwischen Rugbüll und Bleekenwarf, und wenn sie überhaupt noch zu etwas diente, dann dazu, unser Erstaunen darüber hervorzurufen, daß sie jeden Orkan im Frühjahr überstand und die Herbststürme.

Wir sind Teil eines Festivals, das Literatur als Event für Bildungsbürger inszeniert: Zwölf Schauspieler lesen in zwölf historischen Mühlen des Altkreises Lübbecke Abschnitte aus dem Roman, in denen die Mühle in Nordfriesland für den Ich-Erzähler, seinen Vater, den Maler Nansen und seine „entartete“ Kunst eine Hauptrolle spielt.

Die Idee dieser Inszenierung war wohl, dass die Aura des Ortes die Zuhörer empfänglich macht für die Schönheit der norddeutschen Landschaft, für die Konflikte der Figuren und die Botschaften des Autors.

Lenz , neben Grass und Böll, war einer der großen westdeutschen Erzähler, die in den 60er und 70er Jahren das Schweigen der Gesellschaft über ihre gar nicht ferne faschistische Vergangenheit beendeten – in Kurzgeschichten, Novellen und Romanen, die Kontroversen provozierten und beim Publikum sehr erfolgreich waren.

Siggi, Insasse einer Erziehungsanstalt, der einen Aufsatz über die „Freuden der Pflicht“ schreiben soll und daran geht, seine Erinnerungen als Sohn eines pflichtbewussten Dorfpolizisten aufzuschreiben, kommt mir während der neunzig Minuten der Lesung wie die Figur einer fernen Vergangenheit vor, die sie tatsächlich ist.

Die Eichenbalken unserer Mühle knarrten romantisch im leichten Wind des frühen Nachmittags, der Blick durch das Gestänge fiel auf eine ruhige, ereignislose Landschaft und der sonore, gleichmäßige Tonfall des Schauspielers versetzte uns in einen Zustand müder Gelassenheit. Der Sieg des Faschismus in der deutschen Provinz, die Kontinuität eines inhumanen Pflichtideals über dessen Zusammenbruch hinaus und die Mahnung des Romans, besser auf die Freiheit der Kunst und der Menschen zu achten – das alles kam mir an diesem lauschigen Platz ganz selbstverständlich und fast trivial vor.

Stunden später las Hannelore Hoger im vollbesetzten Theater der Nachbarstadt aus Lenz‘ „Geschichten aus Bollerup“ vor, deren gutgelaunter Humor im Publikum viel Beifall fand und zur Idylle des Nachmittags, die im gemeinsamen Spargelessen unter Bäumen ihren Fortgang fand, gut passten.

*

Ich war an einem schönen Maientag,
Ein halber Knabe noch, in einem Garten
Und fand auf einem Tisch ein altes Buch

… rezitiert mit großem Ernst ein junger Mann die Eingangsverse von Hebbels Nibelungen, der offenbar kein gelernter Schauspieler ist und sich die deutsche Sprache in harter Arbeit hatte aneignen müssen.

Das Stadttheater hatte seine jüngste Produktion „Blickwechsel. Die Nibelungen // Recht & Gewalt // Nichts als die Wahrheit“ als ein „soziokulturelles Theaterprojekt“ angekündigt, in dem Hauptschüler und Gymnasiasten, geborene und zugewanderte Deutsche, Junge und Alte ( aus der Theatergruppe des Deutschen Roten Kreuzes ) den Figuren aus Hebbels Trauerspiel den Prozess machen: „Wer hat denn nun Schuld an des Helden Tod?“

Wir waren hier, weil wir einer Freundin einen Gefallen tun wollten. Sie war früher didaktische Leiterin einer Bielefelder Reformschule, ist nun 70 und hat einen Verein gegründet, der „Initiativen gegen die Bildungsarmut“ entwickelt und fördert. Sie hatte erreicht, dass eine Hauptschule in das Theaterprojekt einbezogen wurde, und hatte selbst ein halbes Jahr lang mit den Schülerinnen und Schülern dieser Schule gearbeitet: Auszüge aus Hebbel gelesen, Texte geschrieben, Szenen geprobt, Videoclips hergestellt, motiviert, getröstet, Regeln vereinbart und durchgesetzt, gegen Vorwürfe der Gymnasien in Schutz genommen und immer wieder ermutigt.

Heute Abend also die Premiere im Kleinen Haus des Stadttheaters. Es ist rappelvoll, etwa 100 junge Leute, die sich fein gemacht hatten, Eltern, Lehrer und ein paar Passanten wie wir.

Es wurde ein vergnüglicher Abend: viel Action auf der Bühne ( Fechtkampf, Hip-Hop ), ergreifend schöne und komische Monologe (Dû bist mîn, ich bin dîn./ des solt dû gewis sîn./ dû bist beslozzen in mînem herzen,/ verlorn ist das sluzzelîn:/ dû muost ouch immêr darinne sîn, vorgetragen mit einem Augenzwinkern und einem schweren russischen Akzent ), leidenschaftlichen Dialogen, rhythmisierten chorischen Sprechgesängen und Videoeineinspielungen.

Am Ende: stürmischer Beifall, erschöpfte und stolze Darsteller, überraschte Eltern, sprachlose Lehrer.

Später beim Bier in der Theaterkneipe waren wir nicht ganz sicher, wem das Stück die Schuld am Tod des Helden gegeben hatte. Aber das war wohl auch egal. Wichtiger war: ein paar Dutzend junge Leute aus vieler Herren Länder und vielen sozialen Milieus hatten miteinander gearbeitet, an der Literatur und an der Sprache, hatten etwas auf die Beine gestellt, hatten Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden – jedenfalls an diesem Abend.

15:43 24.06.2012
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