Irrlehren der Wirtschaftswissenschaften

Banken und Geldschöpfung An den Universitäten werden betreffend der Rolle von Banken bei der Geldschöpfung Irrlehren verbreitet. Wie wird mit dieser Tatsache umgegangen?
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An die
Rektorin Wirtschaftsuniversität Wien
Frau Dr. Edeltraud Hanappi-Egger
Welthandelsplatz 1
1020 Wien

Wien, 15.06.2016


OFFENER BRIEF

Betrifft: Ihre Stellungnahme bzgl. der Lehre der Wirtschaftsuniversität betreffend der Funktionsweise von Banken


Sehr geehrte Frau Rektorin Dr. Hanappi-Egger!

Vielen Dank für Ihre Stellungnahme vom 02.03.2016 zu unserem offenen Brief vom 23.02.2016.

Es ist uns ein außerordentlich wichtiges Anliegen, eine umfassende wissenschaftliche Debatte über das Buchgeldschöpfungsprivileg privater Banken an den Universitäten einzuleiten. Aus diesem Grunde haben wir Ihre Stellungnahme auch zum Anlass genommen, eine Reihe von Experten um ihre Einschätzung bezüglich den Theorien zur Rolle von Banken bei der Geldschöpfung zu bitten. (Siehe beispielhaftes Schreiben in den Beilagen.) Freundlicherweise haben uns u.a. geantwortet:

  • Univ.Prof. em. Dr. Karl-Heinz Brodbeck
  • Univ.Prof. em. Dr. Hans Christoph Binswanger
  • Univ.Prof. Dr. Peter Bofinger; deutscher Wirtschaftsweiser
  • Univ.Prof. Dr. Richard Werner
  • Univ.Prof. Dr. Heiner Flassbeck
  • Univ.Prof. Dr. Jürgen Kremer
  • Prof. Dr. Thomas Mayer
  • Dr. Sahra Wagenknecht; Mitglied des Deutschen Bundestages, Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE
  • die Deutsche Bundesbank
  • Prof. Dr. Charles Goodhart
  • Frosti Sigurjónsson, MBA; Abgeordneter und Geldreform-Beauftragter des isländischen Parlaments

Bevor wir auf einige Aussagen in Ihrer Stellungnahme eingehen, möchten wir folgendes festhalten:

  1. Es gab nur ganz wenige Ökonom/innen, die die Krise 2008 vorhergesehen haben – so weit wir wissen, ist kein/e einzige/r österreichische/r Wissenschafter/in dabei. Spätestens seit dem offiziellen Ausbruch der Krise im Jahre 2008 ist das Ansehen der Wirtschaftswissenschaften als Forschungsdisziplin per se massiv beschädigt, wurde doch mit der Krise weithin sichtbar, dass die Wirtschaftswissenschaften dem Anspruch, der Politik praktische wirtschaftspolitische Leitlinien für eine zielführende Entscheidungsfindung liefern zu können, nicht im Entferntesten gerecht werden.
  2. Aus unserer Sicht liegt eine der Hauptursachen des kläglichen Versagens der Wirtschaftswissenschaften darin, dass die Buchgeldschöpfung durch private Geschäftsbanken (landläufig gerne als „Geld aus dem Nichts“ bezeichnet) einen riesengroßen blinden Fleck innerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung darstellt – und dies, obwohl einige bekannte Forscher sich intensiv mit der Geldschöpfung auseinandergesetzt haben. Genannt seien hier bspw. das Buch „100% Money“ von Irving Fisher (1935), als auch die fundierte IWF-Studie „Chicago Plan revisited“ (2012).
  3. Da deutlich über 90% des in der Wirtschaft zirkulierenden „Geldes“ von privaten Geschäftsbanken ohne gesetzliche Grundlage geschöpft wird (für sich genommen schon ein rechtsstaatlicher Skandal: es gibt weder im österreichischen Bankwesengesetz noch deutschen Kreditwesengesetz klärende Bestimmungen dazu!), ist die Frage, welche Rolle Banken bei der Geldschöpfung spielen, keine marginale Angelegenheit, sondern vielmehr von fundamentaler wissenschaftlicher und auch gesellschaftlicher Bedeutung. Nun sind mit den aktuellen empirischen Studien von Univ.Prof. Dr. Richard Werner erstmals in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften die zwei kontemporären Haupttheorien zur Funktionsweise von Banken, die die Basis der orthodoxen Geldtheorie darstellen – nämlich die Finanzintermediär- und die Teilreserve-Theorie, falsifiziert worden. Damit wurde der orthodoxen Geldtheorie das Fundament entzogen!
    Man kann die Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit und der derzeitigen wirtschaftswissenschaftlichen Lehre wohl kaum treffender ausdrücken als Univ.Prof. Dr. Peter Bofinger: „In den Standard-Lehrbüchern zur Volkswirtschaftslehre wie auch zur Theorie von Banken und Finanzmärkten wird der Bankensektor völlig unzureichend abgebildet. Das Grundproblem ist also, dass in der Standard-Ökonomie eine realwirtschaftliche Modellierung des Finanzsystems vorgenommen wird. Erforderlich wäre eine monetäre Modellierung. Mit der Realität hat dieses realwirtschaftliche Modell genauso wenig gemeinsam wie das geozentrische Weltbild mit dem heliozentrischen.
  4. Es ist uns wichtig, an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich auf die Bedeutungstiefe der empirischen Falsifikation durch Univ.Prof. Dr. Richard Werner hinzuweisen: Nach dem empirischen Falsifikationsprinzip nach Sir Karl Popper kann und darf nichts mehr als wissenschaftlich gelten, was empirisch falsifiziert wurde – das gilt auch für die Wirtschaftswissenschaften bzw. müssen wir aufgrund der Tatsachen vielmehr korrekt sagen: Das sollte auch für die Wirtschaftswissenschaften gelten!

Wir können nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, dass wir Ihre Antwort als nicht zufriedenstellend empfunden haben. Die Ansichten der Expert/innen bestärken uns in unserer Unzufriedenheit mit dem Status quo.

  • Betreffend der von Ihnen genannten Vorlesungen konnten wir keine Hinweise dafür finden, dass die empirischen Studien von Univ.Prof. Dr. Werner angemessen berücksichtigt werden.
  • Sie verweisen zurecht darauf, dass es die Aufgabe der wissenschaftlichen Gemeinschaft wäre, neue Forschungsergebnisse zu diskutieren. Nur können wir von einem solchen Diskurs leider nichts bemerken! Man muss also konstatieren: Entweder wird dieser Diskurs geschickt verborgen oder er findet einfach nicht statt. Es gibt allerdings ein starkes Indiz dafür, dass wohl zweiteres der Fall ist, konkret die Angelegenheit um die Diplomarbeit von Rudolf Sommer. In dieser Diplomarbeit wurde vorsichtig eine kritische Betrachtung der Rolle von Banken bei der Geldschöpfung versucht – was zur Folge hatte, dass die Wirtschaftsuniversität Wien dieser Diplomarbeit die Beurteilung verweigert hat. Zweifellos werden Sie zustimmen, dass dies im völligen Widerspruch zu einem kritischen Diskurs steht.
  • Wir teilen nicht Ihre Auffassung, dass die Lehrinhalte von den Lehrveranstaltungsverantwortlichen allein anzupassen sind – sondern sind der Ansicht, dass sehr wohl auch die Träger von Leitungsfunktionen der Universitäten eine Hauptverantwortung tragen, die Lehrinhalte in Hinblick auf falsifizierte Theorien zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Wir können diesbezüglich Univ.Prof. Dr. Werner nur zustimmen, wenn er schreibt, dass es ungenügend ist, „einfach zu erwarten, dass man davon ausgehen könne, dass sich neue Erkenntnisse auch in den Lerninhalten niederschlagen werden, oder dass Vorlesungsinhalte laufend vom Lehrpersonal auf den neuesten Entwicklungsstand gebracht werden. Dies sollte aktiv geprüft und sichergestellt werden, insbesondere wenn von der Öffentlichkeit oder anderen Wissenschaftlern darauf hingewiesen wird, dass Missstände vorhanden sein können.
  • Wir gestatten uns, Sie daran zu erinnern, dass Sie gelobt haben, „der Wissenschaft zu dienen, ihre Ziele zu fördern und dadurch verantwortlich zur Lösung der Probleme der menschlichen Gesellschaft und deren gedeihlicher Weiterentwicklung beizutragen“. Wenn das Rektorat jedoch weiterhin die Verbreitung von Irrlehren an der Wirtschaftsuniversität Wien zulässt und in der Folge dann deren Absolventen, die später in Beratungs- und Entscheidungsfunktionen aufsteigen, Krisen nicht vorhersehen bzw. zu Scheinlösungen raten, welche die Gesellschaft fatal schädigen – wie das die kritischen Befunde der befragten Expert/innen nahelegen, so ist dies das absolute Gegenteil von einem verantwortlichen Beitrag „zur Lösung der Probleme der menschlichen Gesellschaft und deren gedeihlicher Weiterentwicklung“. Aus diesem Grunde appellieren wir an Sie, entsprechend diesem Gelöbnis zu handeln und im Rahmen Ihrer Funktion als Rektorin bestmöglich dafür Sorge zu tragen, dass auch tatsächlich ein offener wissenschaftlicher Diskurs zu diesem fundamental wichtigen Thema zustande kommt!


Mit freundlichen Grüßen,

der Vorstand des KOV Kreditopfervereins:
Isabella Heydarfadai
Joya Marschnig
Reinhold Mannsberger
Rudolf Sommer


Beilagen:

02:20 16.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

KOV Kreditopferverein

Der Kreditopferverein versteht sich als eine Vernetzungsplattform für Menschen, die sich für eine Veränderung der aktuellen Geldordnung einsetzen.
KOV Kreditopferverein

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