KOV Kreditopferverein
16.06.2016 | 02:20 14

Irrlehren der Wirtschaftswissenschaften

Banken und Geldschöpfung An den Universitäten werden betreffend der Rolle von Banken bei der Geldschöpfung Irrlehren verbreitet. Wie wird mit dieser Tatsache umgegangen?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied KOV Kreditopferverein

An die
Rektorin Wirtschaftsuniversität Wien
Frau Dr. Edeltraud Hanappi-Egger
Welthandelsplatz 1
1020 Wien

Wien, 15.06.2016


OFFENER BRIEF

Betrifft: Ihre Stellungnahme bzgl. der Lehre der Wirtschaftsuniversität betreffend der Funktionsweise von Banken


Sehr geehrte Frau Rektorin Dr. Hanappi-Egger!

Vielen Dank für Ihre Stellungnahme vom 02.03.2016 zu unserem offenen Brief vom 23.02.2016.

Es ist uns ein außerordentlich wichtiges Anliegen, eine umfassende wissenschaftliche Debatte über das Buchgeldschöpfungsprivileg privater Banken an den Universitäten einzuleiten. Aus diesem Grunde haben wir Ihre Stellungnahme auch zum Anlass genommen, eine Reihe von Experten um ihre Einschätzung bezüglich den Theorien zur Rolle von Banken bei der Geldschöpfung zu bitten. (Siehe beispielhaftes Schreiben in den Beilagen.) Freundlicherweise haben uns u.a. geantwortet:

  • Univ.Prof. em. Dr. Karl-Heinz Brodbeck
  • Univ.Prof. em. Dr. Hans Christoph Binswanger
  • Univ.Prof. Dr. Peter Bofinger; deutscher Wirtschaftsweiser
  • Univ.Prof. Dr. Richard Werner
  • Univ.Prof. Dr. Heiner Flassbeck
  • Univ.Prof. Dr. Jürgen Kremer
  • Prof. Dr. Thomas Mayer
  • Dr. Sahra Wagenknecht; Mitglied des Deutschen Bundestages, Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE
  • die Deutsche Bundesbank
  • Prof. Dr. Charles Goodhart
  • Frosti Sigurjónsson, MBA; Abgeordneter und Geldreform-Beauftragter des isländischen Parlaments

Bevor wir auf einige Aussagen in Ihrer Stellungnahme eingehen, möchten wir folgendes festhalten:

  1. Es gab nur ganz wenige Ökonom/innen, die die Krise 2008 vorhergesehen haben – so weit wir wissen, ist kein/e einzige/r österreichische/r Wissenschafter/in dabei. Spätestens seit dem offiziellen Ausbruch der Krise im Jahre 2008 ist das Ansehen der Wirtschaftswissenschaften als Forschungsdisziplin per se massiv beschädigt, wurde doch mit der Krise weithin sichtbar, dass die Wirtschaftswissenschaften dem Anspruch, der Politik praktische wirtschaftspolitische Leitlinien für eine zielführende Entscheidungsfindung liefern zu können, nicht im Entferntesten gerecht werden.
  2. Aus unserer Sicht liegt eine der Hauptursachen des kläglichen Versagens der Wirtschaftswissenschaften darin, dass die Buchgeldschöpfung durch private Geschäftsbanken (landläufig gerne als „Geld aus dem Nichts“ bezeichnet) einen riesengroßen blinden Fleck innerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung darstellt – und dies, obwohl einige bekannte Forscher sich intensiv mit der Geldschöpfung auseinandergesetzt haben. Genannt seien hier bspw. das Buch „100% Money“ von Irving Fisher (1935), als auch die fundierte IWF-Studie „Chicago Plan revisited“ (2012).
  3. Da deutlich über 90% des in der Wirtschaft zirkulierenden „Geldes“ von privaten Geschäftsbanken ohne gesetzliche Grundlage geschöpft wird (für sich genommen schon ein rechtsstaatlicher Skandal: es gibt weder im österreichischen Bankwesengesetz noch deutschen Kreditwesengesetz klärende Bestimmungen dazu!), ist die Frage, welche Rolle Banken bei der Geldschöpfung spielen, keine marginale Angelegenheit, sondern vielmehr von fundamentaler wissenschaftlicher und auch gesellschaftlicher Bedeutung. Nun sind mit den aktuellen empirischen Studien von Univ.Prof. Dr. Richard Werner erstmals in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften die zwei kontemporären Haupttheorien zur Funktionsweise von Banken, die die Basis der orthodoxen Geldtheorie darstellen – nämlich die Finanzintermediär- und die Teilreserve-Theorie, falsifiziert worden. Damit wurde der orthodoxen Geldtheorie das Fundament entzogen!
    Man kann die Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit und der derzeitigen wirtschaftswissenschaftlichen Lehre wohl kaum treffender ausdrücken als Univ.Prof. Dr. Peter Bofinger: „In den Standard-Lehrbüchern zur Volkswirtschaftslehre wie auch zur Theorie von Banken und Finanzmärkten wird der Bankensektor völlig unzureichend abgebildet. Das Grundproblem ist also, dass in der Standard-Ökonomie eine realwirtschaftliche Modellierung des Finanzsystems vorgenommen wird. Erforderlich wäre eine monetäre Modellierung. Mit der Realität hat dieses realwirtschaftliche Modell genauso wenig gemeinsam wie das geozentrische Weltbild mit dem heliozentrischen.
  4. Es ist uns wichtig, an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich auf die Bedeutungstiefe der empirischen Falsifikation durch Univ.Prof. Dr. Richard Werner hinzuweisen: Nach dem empirischen Falsifikationsprinzip nach Sir Karl Popper kann und darf nichts mehr als wissenschaftlich gelten, was empirisch falsifiziert wurde – das gilt auch für die Wirtschaftswissenschaften bzw. müssen wir aufgrund der Tatsachen vielmehr korrekt sagen: Das sollte auch für die Wirtschaftswissenschaften gelten!

Wir können nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, dass wir Ihre Antwort als nicht zufriedenstellend empfunden haben. Die Ansichten der Expert/innen bestärken uns in unserer Unzufriedenheit mit dem Status quo.

  • Betreffend der von Ihnen genannten Vorlesungen konnten wir keine Hinweise dafür finden, dass die empirischen Studien von Univ.Prof. Dr. Werner angemessen berücksichtigt werden.
  • Sie verweisen zurecht darauf, dass es die Aufgabe der wissenschaftlichen Gemeinschaft wäre, neue Forschungsergebnisse zu diskutieren. Nur können wir von einem solchen Diskurs leider nichts bemerken! Man muss also konstatieren: Entweder wird dieser Diskurs geschickt verborgen oder er findet einfach nicht statt. Es gibt allerdings ein starkes Indiz dafür, dass wohl zweiteres der Fall ist, konkret die Angelegenheit um die Diplomarbeit von Rudolf Sommer. In dieser Diplomarbeit wurde vorsichtig eine kritische Betrachtung der Rolle von Banken bei der Geldschöpfung versucht – was zur Folge hatte, dass die Wirtschaftsuniversität Wien dieser Diplomarbeit die Beurteilung verweigert hat. Zweifellos werden Sie zustimmen, dass dies im völligen Widerspruch zu einem kritischen Diskurs steht.
  • Wir teilen nicht Ihre Auffassung, dass die Lehrinhalte von den Lehrveranstaltungsverantwortlichen allein anzupassen sind – sondern sind der Ansicht, dass sehr wohl auch die Träger von Leitungsfunktionen der Universitäten eine Hauptverantwortung tragen, die Lehrinhalte in Hinblick auf falsifizierte Theorien zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Wir können diesbezüglich Univ.Prof. Dr. Werner nur zustimmen, wenn er schreibt, dass es ungenügend ist, „einfach zu erwarten, dass man davon ausgehen könne, dass sich neue Erkenntnisse auch in den Lerninhalten niederschlagen werden, oder dass Vorlesungsinhalte laufend vom Lehrpersonal auf den neuesten Entwicklungsstand gebracht werden. Dies sollte aktiv geprüft und sichergestellt werden, insbesondere wenn von der Öffentlichkeit oder anderen Wissenschaftlern darauf hingewiesen wird, dass Missstände vorhanden sein können.
  • Wir gestatten uns, Sie daran zu erinnern, dass Sie gelobt haben, „der Wissenschaft zu dienen, ihre Ziele zu fördern und dadurch verantwortlich zur Lösung der Probleme der menschlichen Gesellschaft und deren gedeihlicher Weiterentwicklung beizutragen“. Wenn das Rektorat jedoch weiterhin die Verbreitung von Irrlehren an der Wirtschaftsuniversität Wien zulässt und in der Folge dann deren Absolventen, die später in Beratungs- und Entscheidungsfunktionen aufsteigen, Krisen nicht vorhersehen bzw. zu Scheinlösungen raten, welche die Gesellschaft fatal schädigen – wie das die kritischen Befunde der befragten Expert/innen nahelegen, so ist dies das absolute Gegenteil von einem verantwortlichen Beitrag „zur Lösung der Probleme der menschlichen Gesellschaft und deren gedeihlicher Weiterentwicklung“. Aus diesem Grunde appellieren wir an Sie, entsprechend diesem Gelöbnis zu handeln und im Rahmen Ihrer Funktion als Rektorin bestmöglich dafür Sorge zu tragen, dass auch tatsächlich ein offener wissenschaftlicher Diskurs zu diesem fundamental wichtigen Thema zustande kommt!


Mit freundlichen Grüßen,

der Vorstand des KOV Kreditopfervereins:
Isabella Heydarfadai
Joya Marschnig
Reinhold Mannsberger
Rudolf Sommer


Beilagen:

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (14)

smukster 16.06.2016 | 08:57

Ach, wenn das Problem nur die Frage der Geldschöpfung (die in Zeiten von Nullzins und LTROs ihre Relevanz verliert) wäre...dann wäre in der Lehre so ziemlich Alles in Ordnung! Allein, es ist nur die alleroberste Spitze des Eisberges.

Dennoch natürlich sehr gut, wenn Druck auf die Unis ausgeübt wird, die Lehrinhalte der Realität zumindest ein wenig anzunähern!

iDog 16.06.2016 | 09:54

"Ach, wenn das Problem nur die Frage der Geldschöpfung (die in Zeiten von Nullzins und LTROs ihre Relevanz verliert) wäre."

sie irren sich mit dieser Aussage leider seitdem sie sich dazu hier äußeren. Das Problem ist, abgesehen von den irrealen Lehrinhalten selbst, an sich tatsächlich wie ichmeine nicht die Geldschöpfung ex-nihilo, sondern der Umstand, dass damit eine Zinsforderung von seitend er Geschäftsbanken entsteht, deren Umfang als Girageld nicht geschöpft wurde. Und daran ändert nun auch der "Nullzins" der ZB nichts.

smukster 16.06.2016 | 10:03

Sie meinen, dass die Zinsforderung nicht (mit)geschöpft wurde? Das stimmt - aber 1. fällt ein Teil der Kredite immer aus (was auch einen Teil der Zinshöhe ausmacht), und 2. wächst die Geldmenge ständig, d.h. es wird dann eben bei Fälligkeit geschöpft. Zumindest solange die Wirtschaft wächst und damit ein positiver Zins möglich ist...

Das hat aber mit der Frage, wer das Geld schöpft, recht wenig zu tun.

iDog 16.06.2016 | 11:52

"d.h. es wird dann eben bei Fälligkeit geschöpft." ... durch neu Kredite...und fertig ist das Hamsterrad à la Ponzi.

"Das hat aber mit der Frage, wer das Geld schöpft, recht wenig zu tun."

Doch, doch, eine andere Geldschöpfungspolitik beschneidet die Einflusssphären der Finanzeliten und Bankaktionäre, welche durch das privatisierte Zinsgeldsytem etabliert sind, ganz erheblich. Die Geiselhaft durch "Finanzdiktatur" wäre in der gegenwärtigen Variante zumindest nicht mehr möglich, wenn die unendliche Girageldschöpfung dieser Art entfiele. Entscheident ist eben wessen und welcher Kontrolle die Geldschöpfung unterliegt. Da aber wollen wir an sich doch eine privaten, sondern eher kollektive Interessen unterstützt sehen , oder?

smukster 16.06.2016 | 20:36

und fertig ist das Hamsterrad à la Ponzi

Nicht mehr (oder weniger) als ein Spezialfall der ganz normalen kapitalistischen Akkumulation. Hat mit Geld nur insofern zu tun, als es eben *eine* Ausprägung dessen ist. Der Schwanz wedelt nicht mit dem Hund. 'Ponzi' ist eine Kreditaufnahme zur Zinszahlung deutlich über die Wachstumsrate hinaus, die eben realwirtschaftlich nicht erbracht wird und daher früher oder später zusammenbrechen muss.

Danach verwechseln Sie zwei Dinge: Geldschöpfungspolitik und den technischen Vorgang der Schöpfung selbst. Was Sie schreiben ist völlig richtig, und natürlich unterstütze ich den letzten Satz. Davon unberührt ist aber die Frage, wer letztlich den Knopf zur Geldschöpfung betätigt. Wenn das die ZB tut und in beliebiger Menge den GB (zu Nullzinsen) zur Verfügung stellt, können diese immer noch dieselben Geschäfte machen. Oder?

iDog 17.06.2016 | 00:52

"Wenn das die ZB tut und in beliebiger Menge den GB (zu Nullzinsen) zur Verfügung stellt, können diese immer noch dieselben Geschäfte machen. Oder?"

Die Frage ob private Geschäftsbanken Geld schöpfen dürfen oder nicht ist nur in Bezug auf die Frage der Kontrolle über die Geldschöpfung relevant. Liegt die Kontrolle nicht mehr in privater Hand, was noch der Fall ist, sind auch wieder Regulierungen möglich, sogar andere Geldsysteme, andere ökonomische Strukturen, in denen nicht alles zur Ware wird und werden muss, inklusive der Mensch und seine Lebenszeit, sondern das sebstbestimmte Tun und Tätigsein im Vordergrund des Lebens stehen kann - mit Marx gesagt : freie Arbeit , freie Menschen statt Charaktermasken.

Dem destruktiven "Hamsterrad" des kaitalistischen Systems ist nicht ohne Abschaffung des "Privilegs" der privaten Geldschöpfung beizukommen. Demokratie ist damit nicht kompatibel. Also kann sich nur eine freiheitliche Gesellschaft auf demokratischen Grundlagen dann herausbilden , wenn die ökonomischen Abhängigkeiten , die über das Geldsystem aufrecht erhalten werden, wegfallen.

Wir müssen aus dem Verschuldungskarussel bzw. Kettenbriefmodell raus; das ja erwiesenermaßen auch die Kapitalisten vor sich herjagt und gnadenlos jeden bestraft, der nicht nach den aktuellen , immer neune Regeln derer spielt, die den Kapitalfluss maßgeblich inszenieren und auch kontrollieren, wie ja aus einigen Verurteilungen mit lächerlich niederigen Bestrafungen als bekannt vorausgesetzt werden muss.

Es kommt also darauf an wer das Sagen hat . Eine ZB wird letztendlich immer zum Diesentleister derer , die die maßgebliche Kontrolle über die Geldschöpfung haben. Sind es die Privatbanken, werden die damit entstehnden Finanzelieten zum Souverän. Ist es tatsächlich der Staat, und nicht nur vorgeblich wird es den privaten Banken noch möglich sein Kredite zu vergeben, aber eben zu den staalich festgelegten Konditionen - zB mit 100% Reserve wie in Island diskutiert und wie es demnächst in der Schweiz per Referendum zur Abstimmung ansteht.

Von Privatbanken können wir nur die industriell erzeugte Handelsware Geld erwarten. Geld selbst sollte aber keine Ware sein, genausowenig wie Zeit oder Land.

Da ich vom Staat und seinem Gewaltmonopol als Beschützer des Konstrukts Eigentum(stitel) nicht viel halte - er ist immer nur zusammen mit einem unnatürlichen und protegierten und mafiaratigen Markt zu haben, durch den sich der Staat und seine Bürokratie finanziert, und ohne den es also auch keinen Markt in dem heutigen Sinne geben kann, meine ich , dass der Schritt über die privaten Geschäftsbanken in jedem Fall überflüssig ist. Wem nützen diese ausser sich selbst? Geld kann auch direkt von einer kontrollierten "ZB" - wenn wir mal bei der Bezeichnung bleiben wollen, ausgegeben werden. Dass der angbelich souveräne Staat sich bei Privatbanken verschulden muss, ist die lächerlichste Geschichte, die es jemals gab. Dass der Staat in Person seiner höchsten Angestellten sich zum besten Angestellten dieser Banken macht, ist im Grunde so unglaublich lustig und absurd , dass es daher kaum noch jemand als solches erfassen kann. Wie gebrainwashed sind wir eigentlich alle? Hallo , jemand zu Hause? Anscheinend nicht.

Wer oder was dann die "ZB" ist bzw. sein sollte , ist eine andere Frage, die sich erst dann stellt, wenn die private Geldschöpfung vom Tisch ist. Und das ist erst dann der Fall, wenn Gesachäftsbanken nicht mehr "gerettet" bzw. als systemrelevant angesehen werden. Man fragt sich ja dabei immer zu recht : Für welches System sind die relevant? Sollte das wolmöglich das akute Herrschaftssytem sein? Ich meine ja, denn wirtschaften und tätig sein kann man ohne Zweifel auch ohne Geschäftdbanken. Das einzige was man dann nicht mehr kann, ist die Menschen so leicht im Hamsterrad laufen lassen bzw. dazu nötigen eine Menge Dreck herzustelle, zu konsumieren und Dinge zu tun - zB Kriege führen, mit dem sie rein gar nichts zu tun hätten, wenn sie nur einen Moment Zeit hätten sich eigene Gedanken zu machen, anstatt sich vom Geld hinter dem Geld hertreiben zu lassen. Du siehst schon, das ist ein Karrussell. Und das wir durch das Zinssystem angetrieben, das wiederum das kapitalistische Krisenmodell mit allen Risiken und Nebenwirkungen selbst ist, die Grundlage der Spekualtion usw. usf. ... also weg damit.

Und nur so nebenbei, deinen ewigen Hinweis auf den akuten Zinsatzt von Null bei der ZB, den kannst Du ruhig stecken lassen. Der ändert rein gar nichts an all dem... : einen Kredit bekommt man zwar im Moment billig, aber nicht ohne Zinsen. Die wenigsten werden also unter dieser Maßnahme mit irgendwelchen Konsequenzen zu rechenen haben. Ein paar reiche und ratlose Investorinnen müsse heute für selbst langjährige Bonds was bezahlen anstatt was rauszubekommen, aber das ist auch alles und doch auch nur eine Symptom des Krisenmodells Zinswirtschaft.

Zinswirtschaft ist reine Besitzstandswahrung und Machtpolitik in einer durch Gewalt geschützen Ideologie. Die Zeiten als man die Gläubiger einfach geköpft hat, wenn die Schulden zu hoch, unbezahlbar waren, sind vorbei. Heute nennt man das elegant Haircut. Nur dass das Volk längst mit Glatze rumläuft, eher einer der Gläubiger ein Haar lässt. Man schaue sich nur um in den us-amerikanischen Steuerparadiesen.

smukster 17.06.2016 | 03:46

Sehe ich alles genauso im Prinzip, außer das Verhältnis von Geld und Realwirtschaft. Ersteres bildet gewissermaßen das reale Wirtschaftssystem ab und verändert sich, wenn sich Letztere auch verändert. Vor dem K war Geld Wertaufbewahrungsobjekt und musste daher aus Gold sein, im K musste die Geldmenge mit der Wirtschaftsleistung steigen. Solange es im K. Wachstum gab, konnte es auch Zinsen geben; das ist vorbei. Dem neuen System enstpricht eben ein ZIRP-NIRP-Fiatgeld.

Irgendwo schreiben Sie es ja: Es ist letztlich eben das kapitalistische System, und 'Zins' ist nur eine von vielen Ausprägungen der Kapitalvermehrung.

Und auch wenn es Sie nervt: Ich werde weiterhin betonen, dass die Nullzinsen einen fundamentalen Unterschied machen. Es stimmt nämlich nicht, dass "man einen Kredit nicht ohne Zinsen bekommt" - negativ notierende Unternehmensanleihen, Negativzins für Hypotheken...das wird sich weiter ausdehnen und dazu führen, dass Menschen ein grundsätzlich anderes Verhältnis zu Geld entwickeln.

Aktuell teilen sich ZB und GB die Geldschöpfung, und bei Nullzinsen sehe ich keinen Grund, warum das nicht so bleiben sollte. Solange die Banken für damit einhergehende Risiken selbst geradestehen müssen.

(längere Antwort folgt, könnte aber ein paar Tage dauern)

iDog 17.06.2016 | 13:45

erstmal nur das:

"Solange es im K. Wachstum gab, konnte es auch Zinsen geben;"

Sie müssen schon genauer sein. Man könnte meinen , dass das Wachstum die Zinszahlungen aus sichsebst heraus ermögliche. Das halte ich für nicht beweisbar. Ich halte dagegen : solange es im K ausreichend Wachstum gab , ist es nicht aufgefallen , dass der Zins ein Krisenmodell, weil PonziSystem" ist, das duch immer neue und größere Kredite alimentiert wurde, dies vor allem, weil die programmatischen Verliererfälle dieses Systems meistens durch ausreichend zeitlicher und lokaler Versetzung - zB in der sogenannten 3. Welt (in den letzten 50 Jahren) - anonymisiert, bzw. der ideologisch bereinigten Wahrnehmung derer entzogen waren bzw. freiwillig entgingen, die sich ideologisch wie selbstverständlich auf der Gewinnerseite wähnten. Das genau ist jetzt oder seit 2008 definitiv zu Ende gegeangen. Jetzt seiht man auch auf der eiugnen Fußmatte was dieses System anrichtet. Die Verliererfälle sind nicjht mehr anonym , sondern immer deutlicher wir selbst, zugunsten einer Kapitalstarken Minderheit von der dreisterweise immer noch behauptet wird , diese seine wir. Sind wir aber nicht und nie gewesen.

Die Tatsache , dass das zinsgetriebene Verschuldungsprinzip ohne rettenden Ausweg erst dazu führen konnte , dass die kapitalistischen Kernländer auf Kosten der restlichen Welt leben, wie es auch immer noch der Fall ist, gründet sich alleine auf die Zinswirtschaft als ein ideologisch getarnter Kolonialismus oder ökonomischer Wirtschaftkrieg gegen schwächere Wirtschaftsräume. Wie diese Wirtschaftsräume dann angegeangen werden, wenn sie es schaffen sich der monopolisierten Verschuldungspolitik zu entziehen kann man nicht nur am Beispiel Argentinien sehr schön sehen , sondern auch an den Kriegen gegen zB. Libyen oder Syrien.

smukster 13.07.2016 | 18:47

Here goes :-)

Liegt die Kontrolle nicht mehr in privater Hand, was noch der Fall ist, sind auch wieder Regulierungen möglich, sogar andere Geldsysteme, andere ökonomische Strukturen, in denen nicht alles zur Ware wird und werden muss

Warum soll das bei privater Geldschöpfung nicht möglich sein? Das sind doch alles politische Fragen, keine des Finanzsystems. Die Banken sind politisch dereguliert worden, also können sie auch re-reguliert werden, z.B. was das Ausmaß der Geldschöpfung angeht. Diese ist nur ein Problem, wenn sie unkontrolliert expandiert und/ oder zu risikolosen Gewinnen führt. Auf der anderen Seite ändert ohne entsprechende Regulierung auch eine Schöpfung durch die ZB nichts an der TBTF-Risikofreude der Banken.

Wir müssen aus dem Verschuldungskarussel bzw. Kettenbriefmodell raus

D hat soeben Staatsanleihen mit Nullcoupon ausgegeben, Immobilienkredite gibts ebenfalls de fakto umsonst. Von wegen "die Wenigsten spüren Konsequenzen"...!

Von Privatbanken können wir nur die industriell erzeugte Handelsware Geld erwarten.

Das ist sehr schön gesagt - und genau die industrielle Massenproduktion von Waren ist die Stärke der Privatwirtschaft. Der technische Vorgang ist das eine, die maßgebliche Kontrolle das andere und eben Frage der Regulierung.

Ohne Staat kein Markt und kein Eigentum - jedenfalls nicht im regulierten d.h. regelbasierten Sinne, sondern im Sinne eines Rechts des Stärkeren. Eigentum über ein Haus, einen Computer und einige Werkzeuge kann es dann immer noch geben, aber um darüber hinausgehende Eigentumsrechte durchzusetzen, bräuchte es eine Privatarmee.

Die ZB - wenn es keine Geschäftsbanken gäbe, müsste die ZB in jedem Dorf Zweigstellen haben, jeden elektronischen Zahlungsvorgang verwalten und jeden Kreditnehmer prüfen. Dass das effizienter oder demokratischer wäre, wage ich zu bezweifeln, denn damit würde eine tatsächliche Monsterinstitution geschaffen, die das gesamte Wirtschaftssystem kontrolliert. Wer soll die noch beaufsichtigen, und was passiert wenn das Vertrauen in sie verlorengeht?

Die Wirtschaft braucht Kredite, und der Sinn des kapitalistischen Akkumulations- bzw. Zins-Modells war die Entwicklung der Produktivkräfte (übermäßige 'Spekulation' ist ein Leerlaufsymptom). Operation gelungen, Zeit für etwas Neues! Wirklich interessant wird die Frage erst wieder, wenn es so offensichtlich genug Waren für Alle gibt, dass Geld überflüssig wird. Oder sind wir da schon?

Wir müssen das kapitalistische System mit seinen Schwächen und mit seinen Stärken verstehen, um es nachhaltig kritisieren zu können. Es ist zwar nicht falsch, hier von Besitzstandswahrung, Machtpolitik und Gewaltbewehrtheit zu sprechen, aber eben nur die halbe Wahrheit. Und die restliche Hälfte gilt eben heute nicht mehr, weshalb der K. am Ende ist.

smukster 13.07.2016 | 19:01

Man könnte meinen , dass das Wachstum die Zinszahlungen aus sich selbst heraus ermögliche...dass der Zins ein Krisenmodell, weil Ponzi ist

Tut es auch, aber eben nur bis in Höhe des nominellen Wachstums: Solange die Realwirtschaft wächst, ist auch eine darauf aufbauende (Sicherheiten) Kreditausweitung gedeckt. Da das Kapital unersättlich ist, sucht es sich aber wenn irgend möglich höhere Renditen und wird damit zum Ponzi - was dann als erstes die Schwächsten z.B. im Globalen Süden zu spüren bekommen.

Völlig d'accord bin ich, dass heute die kapitalistischen Zentren davon immer stärker betroffen sind und sich das System erst durch deren Unter-, dann durch die Mittel- und schließlich auch durch die Oberschicht frisst. Inzwischen "enteignen" die Millionäre sich gegenseitig, auch weil sich die Schwellenländer zunehmend abkoppeln.

Die "Zinswirtschaft" ist einfach eine von vielen Manifestationen des Kapitalismus, kein System an sich. Die Ausbeutung des Globalen Südens würde auch ohne Zins funktionieren, einfach durch das Schüren von Krisen und dadurch ausgelösten Währungsverfall (Alle wollen Dollar oder Euro - nationale Währung im Keller - Importe teuer - müssen Alles billig verscherbeln). Argentinien hat sich ja eben nicht der Verschuldung entziehen können, wohl aber z.B. Libyen oder Botswana.

Ich bleibe dabei: Der Hund wedelt mit dem Schwanz.

Joachim Weiß 15.07.2016 | 17:55

[...] Dass der angbelich souveräne Staat sich bei Privatbanken verschulden muss, ist die lächerlichste Geschichte, die es jemals gab[...] Nö, denn indirekt verschuldet sich der Staat ( als Institution) bei uns allen bzw. wir als Staat verschulden uns bei uns selbst. Denn wir Privaten sind es, die das Geld schöpfen über unsere vertraglichen Leistungsverprechen gekoppelt mit privater Haftung. Das ist erst mal das grundlegendste Prinzip der Freiheit. Der Kapitalismus ist eine private Planwirtschaft, (Kreditnehmer planen bzw. stellen Verschuldungspläne auf) und dieses dezentrale Prinzip ist mir allemal lieber als eine staatliche Planwirtschaft bzw. staatliche Geldschöpfung. Nur die Haftung sollte dann auch tatsächlich privat bleiben und das Bankensystem so reformiert werden, dass keine Systemrelevanz entsteht und die Mehrheit von einer Minderheit erpressbar wird. Der Staat sollte sich eigentlich gar nicht verschulden, und wenn, dann nur von dem Geld, was die Privaten schon geschöpft haben (durch ihre privaten Leistungsverprechen) Und das geschieht heute über die privaten Banken. (Staatsanleihenkauf durch Banken geht nur mit bereits vorhandenem Zentralbankgeld sprich ERST die private Geldschöpfung und dann Verpfändung von Schuldtiteln bei der ZB im Rahmen von Pensionsgeschäften. Und aus diesen Reserven im System werden Staatsanleihen von Banken gekauft. Ausnahme: Banken verkaufen Staatsanleihen an Nichtbanken ( = Bilanzverkürzung) Gruß