Camillo Torres: Ein Priester, katholisch wie die IRA

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vor 45 Jahren wurde der linke Priester Camilo Torres in Kolumbien ermordet. Für progressive Katholiken in Zeiten der Reaktion eine Gelegenheit für unreflektierte Hagiographie.

Als Katholik mit einigermaßen progressivem Anspruch hat man es nicht leicht, in den letzten Jahren. Da führt ein Papst das Karfreitags-Gebet für Juden wieder ein, rehabilitiert einseitig reaktionäre Ex-Mitglieder der Kirche und holt sie in deren Schoß zurück. Da werden Kindesmissbräuche in katholischen Einrichtungen aufgedeckt und die Amtskirche, die sich doch als moralische Instanz versteht, verweist in erster Linie darauf, dass es das ja auch bei „anderen“ Institutionen, etwa in der Odenwaldschule gegeben habe. Und da erklärt ein Bischof, der noch zu jedem Waffenexport brav geschwiegen hat, öffentlich, Homosexualität sei eine Sünde. 2010.

Abgesehen von all den nicht gerade unproblematischen Dingen, die unabhängig von jedweder Aktualität dastehen und stören: Zölibat, Sexismus, latenter Rassismus.

Als Katholik mit einigermaßen traditionellem Anspruch hat man es aber auch mit den Toten, den Heiligen und ihren Todestagen. Und wenn sich der Tod des „Guerilla-Priesters“ Camilo Torres in diesem Monat zum 45. Mal jährt, ist das vielleicht ein Grund, auf die progressive Botschaft Jesu Christi zu verweisen, die von Leuten wie ihm, Torres, eben gelebt wurde und die heute unter den langen Schatten der konservativen Kirchenteile verschwindet.

Torres, Jahrgang 1929, war Soziologie-Dozent, später Guerilla-Kämpfer in der kolumbianischen ELN - und Priester. Torres ist sicher auch die Miniatur-Varianter eines Che Guevara, ein Abziehbild, eine Projektionsfläche, ein geronnener Mythos – spätestens seit der niederländische Schriftsteller Wim Hornman ihm ein ebenso lesenswertes wie oberflächlich-unkritisches literarisches Denkmal setzte.

Sicher, man könnte über seinen Gewaltbegriff debattieren, über naiven Marxismus und die üblichen abendfüllenden Diskussionsthemen an WG-Tischen vor 20 Jahren. Doch an Torres sind nicht solche Detailfragen interessant, sondern dass er es schaffte, katholisches Christentum und linken Anspruch in einer besonders radikalen Form zu verbinden. Noch drastischer als andere Befreiungstheologen versuchte er, seine Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit in seinem lateinamerikanischen Heimatland zu verwirklichen: Mit der Waffe in der Hand. Katholisch wie die IRA, sozusagen.

Eine Waffe war es auch, die ihn am 15. Februar 1966 tötete – eine Waffe der kolumbianischen Armee. Und hier, viel mehr als in der eben diskutablen Gewaltanwendung, zeigt sich die Radikalität Torres': Durch seinen Tod lebte er genau das, was an jedem Festtag der katholischen Kirche gefeiert wird – das Martyrium. Nur sind die, die im 20. Jahrhundert für ihren katholischen Glauben sterben mussten heute oftmals zu progressiv, zu gefährlich, um entsprechend offiziös verehrt zu werden. Oscar Romero etwa oder eben Camilo Torres.

Dieser kämpfte nämlich für grundlegende Veränderung und wollte hinaus über die ehrenwerte, aber wenig nachhaltige caritas, also die christliche Nächstenliebe oder kritisch gesprochen: Almosenverteilung.
Dafür entwickelte er eine viel zu wenig rezipierte Theologie, die sogar den tendenziellen Systemerhalter Paulus für umstürzlerische Gedanken nutzbar machte. Und hier liegt sein Verdienst: Den Christen zeigen, dass es der Glaube gebietet, für tiefgreifende Veränderungen zu kämpfen. Und den Marxisten, mit denen man als linker Katholik dann doch immer wieder Grundsatzdebatten führen muss, zeigen, dass konsequent gelebtes Christentum eben keine Sklavenreligion ist, sondern Ketten sprengen kann und soll. Oder mit seinen versöhnlichen Worten gesprochen: „Warum sollen wir streiten, ob die Seele sterblich oder unsterblich ist, wenn wir beide wissen, dass Hunger tödlich ist?“

In diesem Sinne könnte man am 15. Februar vielleicht einmal wieder eine Kerze anzünden.

09:11 15.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

krankheit und konsum

die dicken sind die märtyrer der religionslosen gesellschaft (m. walser)
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 3