Irgendwo auch Kindergarten: Zur Plastikwelt deutscher Burschenschafter

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Die momentane Debatte in der Deutschen Burschenschaft (DB) zeigt neben dem dort verbreiteten Rassismus vor allem eines: Die selbsternannten Eliten von morgen leben in einer Plastikwelt des 19. Jahrhunderts.

Es herrscht dicke Luft auf dem diesjährigen „Burschentag“ in Eisenach: Die „Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks“, deren prominentestes Ex-Mitglied übrigens ausgerechnet Ferdinand Lassalle sein dürfte, will ihre Bundesbrüder der Mannheimer Burschenschaft „Hansea“ aus dem gemeinsamen Dachverband, der Deutschen Burschenschaft (DB) ausschließen. Der Grund: Die Mannheimer hatten einen Studenten in ihre Reihen aufgenommen, der chinesische Eltern hat.

Grundlage ist ein obskures internes Rechtsgutachten, dass nicht nur einen offenbar verbreiteten Rassismus in der DB zeigt, sondern auch, dass der ein oder andere Burschenschafter und Alte Herr, wie die Ehemaligen genannt werden, ästhetisch zwischen dem 19. Jahrhundert und der Mitte des 20. Jahrhunderts hängengeblieben ist.

Das öffentliche Bild deutscher Burschenschaften und der politisch weit liberaleren Studentenverbindungen ist geprägt von einem für Außenstehende oft karnevalesk erscheinenden Habitus, den man in seiner Uniformität und konservativen Ästhetik dennoch wohlmeinend als „Retro-Chique“ bezeichnen könnte. Oder als zeitlos.

Diese Zeitlosigkeit scheint auch das Selbstbild der so Gekleideten zu prägen, wie nicht nur ihr öffentliches Auftreten auf den Straßen und in den Gassen deutscher Universitäts-Städte, sondern auch in der digitalen Welt zeigt. Doch mit der Realität hat das nur bedingt zu tun, wie ein Blick hinter den Kulissen deutlich macht.

Wer einmal auf einem Verbindungshaus war, sieht hier, was sich in jeder unspektakulären WG beobachten lässt: Junge Männer in nerdigen Heavy Metal-Shirts sitzen vorm Fernseher und kurieren ihren Kater aus. Fettige Strähnen mit einer in den 1950er Jahren unzulässigen Länge hängen im Gesicht, Tennissocken und Jogginghose runden das Bild ab. Dass das Eliten von morgen sein sollen, ist ein bisschen beängstigend. Dass dies auch gestern schon beängstigend war, erklärt vielleicht den momentanen Zustand der Bundesrepublik. Anderes Thema. Andererseits verkörpern diese Studenten in Jogginghosen eben eine herrliche Normalität, die nichts (mehr) mit dem Eindruck zu tun hat, der deutsche Burschenschafter würde – ganz im Sinne Barney Stinsons – im Anzug zu Bett gehen.

Es sind aber genau diese katzenjammernden Studenten, die am Vorabend noch Reiterhose, Band und Mütze trugen. Vielleicht, so könnte man vermuten, geht es bei der Debatte eben auch darum: Dass äußerlich andere Studenten das burschenschaftliche Selbstbild irritieren, dass sich – wie angemerkt – (ästhetisch) irgendwo zwischen 1850 und 1950 befindet. Die Lektüre der offiziellen Begründung für den gewünschten Ausschluss von Studenten mit außereuropäischen Wurzeln verdeutlicht dies: "Beispielsweise weist eine nichteuropäische Gesichts- und Körpermorphologie auf die Zugehörigkeit zu einer außereuropäischen populationsgenetischen Gruppierung und damit auf eine nicht deutsche Abstammung hin.“

Als 1815 die Urburschenschaft in Jena gegründet wurde, waren Studenten mit nichteuropäischer Gesichts- und Körpermorphologie kaum bis gar nicht existent; später repräsentierten vor allem Menschen aus den kolonisierten Gebieten in Afrika, China und der Südsee diesen Typus. Als mit der Achsenpolitik zwischen Tokio und Berlin zur Zeit des Nationalsozialismus auch Rechtsradikale mit „Artfremden“ paktierten, war die Deutsche Burschenschaft schon fast vier Jahre verboten. Ohne den zu Recht hohe Wellen schlagenden Rassismus, der hinter der momentanen Burschenschaftler-Debatte steckt, bagatellisieren zu wollen: Im Hinblick auf den Körpermorphologie-Bezug der zumindest oberflächlich von einer gestrigen Ästhetik geprägten Burschenschafter, sperrt man sich hier vielleicht auch gegen eine neue Optik, so wie sich einst ein CDU-Abgeordneter über die Einführung neu gezeichneter Mainzelmännchen in den Werbepause des ZDF beschwerte. Kindergarten.

10:58 17.06.2011
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Geschrieben von

krankheit und konsum

die dicken sind die märtyrer der religionslosen gesellschaft (m. walser)
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