Weitere Anmerkungen zu Matusseks "Das katholische Abenteuer"

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Viel ist über Matusseks Buch „Das katholische Abenteuer“ und die darin behandelten Aspekte schon geschrieben worden. Doch ebenso spannend wie das Gesagte sind die Leerstellen in Matusseks „Provokation“, wenn es um die Theologie der Befreiung geht, die sich zwar streckenweise mit seinen politischen Ansprüchen deckt, aber von seinen klerikalen Helden systematisch zugrunde gerichtet wurde.

Als Katholik mit progressivem Anspruch kann man sich über das „Katholische Abenteuer“ von Matthias Matussek streckenweise nur aufregen. Wenn sich der SPIEGEL-Journalist über Muslime auslässt und Homophobie als Teil der „katholischen Hausordnung“ bagatellisiert, gelingt die Provokation. Und wenn einerseits die katholische Sozialethik gelobt, verteidigt, hervorgehoben wird und sich Matussek andererseits als Claqueur der rückwärstgewandtesten Kleriker inszeniert, dem offensichtlich die Distanz zum Gegenüber (hier etwa: Bischof Dyba) abhanden gekommen ist, reibt man sich verwundert die Augen. In diesen Widersprüchen deutet sich an: Genauso interessant wie das, was Matussek sagt ist das, was er nicht sagt. Dann nämlich, wenn es um die Befreiungstheologie geht.

Der primär in Lateinamerika entwickelte Versuch, die Botschaft Jesu insofern ernst zu nehmen, als dass man Kirche als Kirche für die Unterdrückten, Armen, Ausgeschlossenen verstand („Option für die Armen“), geriet nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges unter die Räder der Machtpolitik und wurde als „Marxismus“ verdammt. Viele wichtige Akteure verloren im weiteren Verlauf ihr Leben (etwa der Kolumbianer Camillo Torres oder Oscar Romero in El Salvador) - andere nur – temporär oder für immer – ihr Amt (etwa der Brasilianer Leonardo Boff). Erstere wurden meist Opfer rechtsgerichteter Regierungen und ihrer Lakaien, denen die Kirche als solche nicht entschieden genug entgegen getreten war – was sie später nicht an vereinzelten Instrumentalisierungsversuchen hinderte. Oscar Romero ist beispielsweise bis heute Spielball vatikanischer (Außen-)politik.

Die Gruppe der aus dem Amt entfernten Theologen hatte ihren Zustand hingegen ganz direkt der Kirche selbst zu verdanken. Dabei ging es in manchen Fällen um theologische, häufig aber um ganz handfeste politische Fragen. Dass Marx die Religion kritisierte, so könnte man jedenfalls annehmen, prägte bei machen Klerikern das Gesamtbild und kontaminierte somit jedwede Theologie, die mit einer tiefgehenden Sozialkritik verbunden war. Dabei hätte man im Vatikan viel von den Befreiungstheologen lernen können, die obschon aus einem universitären Umfeld kommend, oftmals einen direkten Bezug zu den ausgeschlossenen Teilen der Bevölkerung hatten und ihre Theologie entsprechend ausrichteten. Heute, knappe dreißig Jahre nach den Säuberingswellen, sind es Pfingstkirchen und andere nicht-katholische Glaubensgemeinschaften, die in Lateinamerika allmählich den religiösen Diskurs erobern.

Bei Matussek klingt das – in den wenigen Sätzen, die sich auf den knapp 350 Seiten seines „Abenteuers“ damit beschäftigen – etwa so: „Ja, er [Johannes Paul II.], er hat die marxistisch bewegten Befreiungstheologen kaltgestellt, weil er die Seelsorge dann doch für dringlicher hielt als sozialistische Erfolge.“ Und weiter im Text.

Es ist merkwürdig, dass Matussek, der andernorts schwärmerisch von „christlicher Opfersymbolik“ sozialer Widerstandsgruppen in Lateinamerika berichtet, die Befreiungstheologe en passant abtut, mit Euphemismen wie „kaltstellen“ arbeitet und Widersprüche aufmacht, wo keine sind. Die Kongruenz in Wort und Tat, die für mache Theologen Christus erst ausmacht, wäre doch gerade eine Seelsorge, die eben auch konsequent nach der Ungerechtigkeit der Verhältnisse fragt. Wo Seelsorge im Gegensatz zu „sozialistischen Erfolgen“ steht – es bleibt unklar.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass Matussek hier ein Thema übergeht, das im Prinzip seinen eigenen Ansichten entlang verläuft, weil er sich als loyalen Laien inszenieren will. Einen Katholizismus zu vertreten, der sich hier gegen die Linie eines für Matussek offenbar allzu charismatischen Papstes richtet und eine Brücke zu progressiven Atheisten bauen könnte – das wäre dann wohl nicht mehr provokant genug. Schade.

15:40 07.09.2011
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Geschrieben von

krankheit und konsum

die dicken sind die märtyrer der religionslosen gesellschaft (m. walser)
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