Bundesliga – Premier League 1:0

Fußball Wie die demokratischere Bundesliga die neoliberale Premiere League abhängt
Bundesliga – Premier League 1:0

Illustration: Der Freitag, Material: AFP/Getty Images

Im ersten Spiel der Saison schlug Chelsea, die Mannschaft des Oligarchen Roman Abramowitsch, den Gegner aus Reading mit 4:2. Das Spiel sahen 41.733 Zuschauer (ausschließlich auf Sitzplätzen). Die billigste Jahreskarte kostet umgerechnet 941 Euro. Den Auftaktsieg des deutschen Meisters Borussia Dortmund gegen Werder Bremen sahen 80.645 Zuschauer, 24.454 davon auf Stehplätzen. Der Durchschnittspreis für die Saisonkarte liegt bei 187 Euro.

Die Zahlen zeigen zwei völlig unterschiedliche Philosophien: Hier der hochkommerzialisierte, neoliberale englische Fußball, dort der demokratische deutsche Ansatz. Beiden Ländern gemeinsam ist eine anhaltend große Fußballeuphorie. Vergessen sind die 1980er, als England mit den Tragödien von Hillsborough und Brüssel assoziiert wurde, und in der Bundesliga durchschnittlich müde 17.291 Zuschauer zu den Spielen kamen.

Das Besondere am deutschen Weg: Die Begeisterung für den Sport ging, anders als in England, nicht auf Kosten großartiger Traditionen wie Stehplätzen und günstigen Eintrittskarten. Fußball sollte ein Volkssport bleiben. Um zu verstehen, wie anders England denkt, braucht man nur dem Generalsekretär des Fußballverbandes, Alex Horne, zuhören. Kürzlich erklärte er, Eintrittspreise, fielen nicht in den Aufgabenbereich des Fußballverbands, es gälten die Regeln des freien Marktes. Während in der Premier League die Klubs in den Händen von Hedgefonds und Oligarchen liegen, sind Bundesligavereine tatsächlich Vereine, kontrolliert durch ihre Mitglieder. Es gibt drei Ausnahmen: Wolfsburg, Bayer Leverkusen und Hoffenheim, das Spielzeug des SAP-Milliardärs Dietmar Hopp. Eine Regelung sieht vor, dass alle Vereine mehrheitlich im Besitz der Mitglieder sein müssen, die sogenannte 50 + 1-Regel. Der erfolgreichste deutsche Klub, Bayern München, hat 185.000 Mitglieder, die 82 Prozent des Vereins besitzen; 9 Prozent wurden für viel Geld an Audi und Adidas veräußert.

Erstaunliche Haushaltsdisziplin

Die meisten Bundesligavereine werden geführt wie vernünftige deutsche Unternehmen. Sie haben eine Geschäftsführung und einen Vorstand, der jährlich von den Mitgliedern gewählt wird. Vor drei Jahren wurde die 50 + 1-Regel von Hannover 96 in Frage gestellt. Man wollte eine marktorientiertere Premier-League-artige Struktur einführen. Hannover stimmte dafür, drei Vereine enthielten sich, 32 waren dagegen. So ernst meinen es die Vereine.

Neben der demokratischen Struktur ist die Haushaltsdisziplin das Erstaunlichste an der Bundesliga. Seit der Gründung 1963 hat die Liga ihren Vereine beigebracht, keine Schulden zu machen. Das strenge Regelwerk bildet die Grundlage für den Vorstoß der UEFA, 2015 das „Financial Fairplay“ in Europa einzuführen. Die Idee orientiert sich am gesunden Menschenverstand: Vereine dürfen nicht mehr ausgeben als sie einnehmen. Etwas, das britischen Vereinen schwerfallen wird.

Aber nicht alle Bundesligavereine wirtschaften deutsch. Ende der Neunziger stand Dortmund nach hysterischen Neuverpflichtungen vor dem Bankrott und musste sein Stadion verkaufen. Nach harten Jahren verzeichnete der Verein letztes Jahr wieder einen Gewinn: 52,5 Millionen Euro.

Die Bundesliga hat im Durchschnitt 44.293 Zuschauer. Nirgends in der Welt kommen mehr Zuschauer in die Stadien. Die Vereine sind sportlich erfolgreich und wirtschaftlich gesund. Jeder ehrliche britische Fußballfan schaut mit Neid und Bewunderung auf die Bundesliga.

Übersetzung: Zilla Hofmann, Holger Hutt
09:00 29.09.2012
Geschrieben von

David Conn | Kraut Sourcing

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