Melancholie und Pessimismus

Identität Bernhard Schlink über die Gegenwart der Vergangenheit in Deutschland
Melancholie und Pessimismus
Der Schriftsteller Bernhard Schlink empfindet sein Deutschsein manchmal als riesige Belastung
Foto: Sean Gallup/Getty images

Wer sind die Deutschen? Ein Volk, das allen Bemühungen zum Trotz weiterhin an seine Vergangenheit gefesselt ist. Dessen geschichtliches Trauma noch immer den Umgang mit dem Rest der Welt prägt. Sagt Bernhard Schlink.

Wahrscheinlich ist die momentane Krise für die Deutschen deshalb so schmerzhaft, weil sie sich ursprünglich so enthusiastisch in das Projekt Europa gestürzt haben. Sie haben die europäischen Idee auch als eine „Flucht vor sich selbst“ begriffen.

„Ich kann nicht sagen, dass ich dankbar bin deutsch zu sein. Manchmal empfinde ich es als eine riesige Belastung“, sagt Bernhard Schlink, einer der wenigen deutschen Schriftsteller, die auch im Ausland ein großes Publikum erreichen. Er weiß auch von Freunden und Kollegen, die andere Identitäten angenommen haben, um ihr Deutschsein zu verstecken und sich so der übergroßen historischen Verantwortung zu entziehen.

Diese Belastung habe viel damit zu tun, wie die Deutschen sich selber und ihre Verantwortung gegenüber Europa sehen würden, glaubt er. In seinem Essayband Vergangenheitsschuld hat er geschrieben: „Wir Deutschen neigen dazu, uns als Weltbürger einer Weltgesellschaft zu sehen, als freie Bürger einer freien Welt, als Atlantiker oder Europäer eher als Deutsche.“ Dieser Wunsch sei charakteristisch für das Verlangen, der eigenen Identität zu entkommen.

Angst vor Rache

Deutscher Fatalismus und eine gewisse melancholische Ader beeinflussen die Deutschen außerdem darin, wie sie auf die aktuelle Krise reagieren. „Ich fühle eine Art von Angst vor Rache dafür, dass wir es – historisch gesehen und im Vergleich zu vielen anderen Teilen der Welt – jetzt gut haben“, sagt Schlink am Telefon aus Massachusetts, wo er stets ein paar Monate des Jahres verbringt. „Mein Sohn ist 40 Jahre alt, ein Zahnarzt, mit einem guten Leben, zwei schönen Kinder, einer schönen Frau, und alles läuft gut für ihn, aber sogar er sagte zu mir: ‚Denkst du nicht, dass wir es zu lange zu gut hatten?‘“

Jene deutsche Melancholie und dieser Pessimismus wird oft verhöhnt, aber dennoch prägen sie den deutschen Nationalcharakter, wenn man das so sagen kann. Die Deutshcen können ihr Leben kaum genießen, ohne den lauernden Untergang zu erahnen.

„Es gibt diese schönen Vergleiche von deutschen, englischen und französischen Soldaten; die englischen und französischen Kriegslieder handeln alle von Hoffnung und Sieg; in den Liedern der deutschen Soldaten geht es um verlorene Kameraden oder dem bevorstehenden Tod.“

Die meisten Werke von Bernhard Schlink befassen sich mit der deutschen Vergangenheit: Vom Vorleser über seine Krimi-Trilogie mit der Hauptfigur Selbs und dessen dunkler Nazi-Vergangenheit, bis zu dem Roman Die Heimkehr, dessen Protagonist auf die Suche nach einem Vater geht, den er nie kannte. Auch die Geschichten in seinem neuesten Werk, Sommerlügen, drehen sich um die Geschichten, die Menschen erzählen, um ihre wahre Vergangenheit zu verstecken.

Die Erwartung aber, Deutschland solle mehr Führungsqualitäten zeigen, sei problematisch. „Europa ist so aufgebaut, dass Deutschland nicht führen kann. Die verfassungsrechtliche Struktur Europas ist so gestaltet, dass ein Land alleine nicht die Führung übernehmen kann. Ich denke, bei der Forderung geht es in Wirklichkeit um die Erwartung, dass Deutschland das, was es hat, noch großzügiger teilt, in einer noch selbstloseren Weise, als es das jetzt tut. Und ich denke, dass es ist richtig ist für Deutschland zu sagen: ‚Ja, wir sind bereit zu teilen, aber nur in dem Kontext einer politischen Union, wo die Verantwortungen auch geteilt werden‘“.

Schlink glaubt dass die Deutschen ihrer Vergangenheit nicht so schnell entkommen werden, auch wenn die Belastung von Generation zu Generation geringer wird. „Es macht jetzt schon einen Unterschied, ob es dein Vater war, der in der SS war, oder dein Großvater. War es ein Großvater den man kennengelernt hat oder sogar geliebt hat, oder nur ein Foto an der Wand mit anderen Familienfotos?“

Weitere Artikel der Guardian-Serie über die britische Sicht auf Deutschland, u.a. wie der Werbeslogan "Vorsprung durch Technik" die Briten verändert hat oder wie die Bundesliga die Premier League abhängt, lesen Sie hier

09:00 30.09.2012
Geschrieben von

Kate Connolly | Kraut Sourcing

Der Guardian hat sich bei uns umgeschaut und gefragt: Was ist das eigentlich für ein Land? Wir haben einige Texte für Sie ausgewählt
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