Merkel, noch immer ein Mysterium

Politik Sie ist pragmatisch und unideologisch – wie viele Deutsche. Nur wofür die Kanzlerin steht, weiß keiner
Merkel, noch immer ein Mysterium
Collage: Der Freitag; Foto: Adam Berry / Getty Images

„Sie ist eine ungemein gerissene Partei- und Innenpolitikerin, hat sich aber außenpolitisch wiederholt ausmanövrieren lassen“

Als Angela Merkel sich an den ärgerlichsten Fehler ihrer Kindheit erinnerte, erinnerte sie sich weder an eine Lüge noch an einen Betrug. Nicht, dass sie einmal böswillig gelästert oder sich geprügelt hatte, sondern sie dachte an jenen Augenblick, als sie als junges Mädchen aus der DDR in einem neuen Trainingsanzug aus dem Westen in eine harzige Baumhöhle geklettert war.

Die Anekdote spricht Bände über eine pflichtbewusste, gewissenhafte und etwas unbeholfene Frau, die, obwohl sie das Land seit mittlerweile sieben Jahren anführt, ihren Landsleuten immer noch ziemliche Rätsel aufgibt. Viele fragen sich: Wer ist dieser Mensch, der unser Land regiert?

Die Antwort: Eine Frau, die es bedauert, nicht unerkannt einkaufen gehen zu können; die am liebsten einmal mit Vicente del Bosque, dem Trainer der spanischen Fußballnationalmannschaft, zu Abend essen würde; die beim Wandern, Kochen und Lachen abschalten kann und deren größte Angst nicht der Zusammenbruch des Euro ist, sondern schutzlos in ein Gewitter zu geraten.

Erfolgreich gewöhnlich

Ein Mann, der Merkel besser kennt als die meisten und zugibt, als ihr „Schoßhund“ bezeichnet zu werden, ist der 41-jährige niedersächsische Ministerpräsident David McAllister, der als zukünftiger Kanzlerkandidat gehandelt wird. Er führt ihren Erfolg darauf zurück, dass sie so gewöhnlich ist. „Mit ihr gibt es keinen Wirbel. Sie ist direkt und bodenständig. Die Deutschen lieben es, sie am Freitag in Brüssel mit Leuten wie François Hollande, David Cameron oder gar mit Barack Obama zu sehen und dann in der Zeitung zu lesen, wie sie gleich darauf im Supermarkt einkaufen war. Das dazugehörende Foto ist nicht gestellt. Jeder weiß, dass sie so ist.“

Er schreibt ihr auch das Verdienst zu, die CDU modernisiert zu haben – eine Partei, deren Mitglieder typischerweise katholisch, männlich, aus dem Westen und familienorientiert sind, wird nun von einer protestantischen, kinderlosen Frau aus dem Osten geführt. „Ich denke, es gibt Hunderttausende von Wählern, die heute CDU wählen und das früher niemals getan hätten“, meint McAllister. Obwohl die Deutschen eher für eine Partei als für eine Person stimmen würden, versuche die CDU alles, um die Leute davon zu überzeugen, dass sie CDU wählen müssen, wenn sie Merkel wollen – so stark sei der Merkel-Faktor.

Schweigsames Kanzleramt

Andere sind da weniger wohlwollend. Gertrud Höhler beschreibt die deutsche Kanzlerin als hinterhältig, gefährlich und als Gefahr für Europa. Doch Höhler findet für diese Meinung keine Mehrheit. Der letzten Umfrage zufolge machen Zustimmungswerte von 61 Prozent Angela Merkel zu Deutschlands beliebtester Politikerin.

Aber woher kommt dieses Misstrauen gegen die Politikerin bei gleichzeitiger hoher Beliebtheit? Der ehemalige Schröder-Berater Wolfgang Nowak meint, der Grund dafür liege darin, dass sie viel für sich behalte: „Das Kanzleramt hält zum ersten Mal so dicht, dass nichts herausdringt. Merkel redet nur mit einem sehr kleinen Kreis enger Vertrauter. Wer nicht dazugehört, ist oftmals neidisch oder vor den Kopf gestoßen.“

Manche sagen, dass Merkel nach der Strategie verfahre: Je mehr du sagst, je mehr du schreibst, desto mehr kann es gegen dich verwendet werden. Nowak fügt hinzu, es stimme tatsächlich, dass wie Höhler schreibe, viele Männer, die eine hochrangige Positionen innerhalb der Partei innehatten, nicht mehr da seien. „Aber nicht weil Merkel sie abserviert hätte, sie vernichtet hätte, sondern weil sie als CDU-Karrierepolitiker, Marionetten oder Betrüger demaskiert wurden.“

Außenpolitische Mängel

Gunnar Beck, ein EU-Rechtsprofessor, der an der University of London unterrichtet, ist da skeptischer. Er meint, Merkel werde nur deshalb so hoch geschätzt, weil ihr Umfeld den Anforderungen oft nicht gerecht werde. Er ist kritisch, was Merkels diplomatische Fähigkeiten und ihre Menschenkenntnis angeht.

Im Vergleich zu einer Reihe von Politikern, die Unregelmäßigkeiten verschiedenster Art überführt wurden (wie auch der ehemalige Bundespräsident und der ehemalige Verteidigungsminister), erscheint Merkel, so Beck, wie der Inbegriff der Tugend. So sehen sie die Wähler, auch wenn der Kontext einer mit einem relativ niedrigem Standard ist. Was ihr Privatleben und ihr Arbeitsethos betrifft, stehe sie über jeder Kritik. Man müsse das aber in die richtige Perspektive rücken. Sie sei zwar eine relativ gute innenpolitische Akteurin, im Ausland aber sei sie hilflos. Außerdem sei sie spektakulär schlecht darin, andere Menschen einzuschätzen.

Beck ist auch skeptisch in Bezug auf die Vorstellung, Merkel würde über einen Plan verfügen. „Sie ist eine ungemein gerissene Partei- und Innenpolitikerin, hat sich aber wiederholt von Leuten wie Draghi, Monti, Hollande und anderen ausmanövrieren lassen. Es spricht nichts dafür, dass sie in Bezug auf den Euro einen Masterplan hat.“ Für Hans Kundnani, Direktor des European Council on Foreign Relations, ist Merkels fehlende Vision das Hauptproblem. „Merkel muss die Vorteile des Euros für Deutschlands zeigen. Anstatt Deutschland als Opfer des Euros darzustellen. Sie ist weder visionär noch mutig.“

Wie die Deutschen

Aber genau das, sagt Gerd Langguth, Verfasser der Merkel-Biografie, ist es, was den Deutschen an ihr gefällt. „Sie ist extrem pragmatisch und unideologisch – genauso wie die meisten Deutschen.“ Je mehr sie im Ausland attackiert wird, desto stärker wird die Solidarität der Deutschen mit ihr.

Auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt, ein Jahr vor den Wahlen, viele davon ausgehen, dass Merkel wiedergewählt wird, könnte sich die öffentliche Meinung gegen sie wenden, wenn die deutsche Wirtschaft merklich abkühlen oder der Euro in noch größere Schwierigkeiten geraten sollte.

Sicher scheint allein, dass Merkel, sollte sie nicht wiedergewählt werden, komplett von der politischen Bühne verschwinden wird. Langguth kann sich auch nicht vorstellen, dass sie, wie ihr Vorgänger und Putin-Freund Gerhard Schröder, zu Gazprom gehen könnte.

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Ihre Freitag-Redaktion

13:24 01.10.2012
Geschrieben von

Kate Connolly | Kraut Sourcing

Der Guardian hat sich bei uns umgeschaut und gefragt: Was ist das eigentlich für ein Land? Wir haben einige Texte für Sie ausgewählt
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