"Vo de Reicha lernt mr´s Schpara"

Schwaben Durch die deutsche Sparkanzlerin hat es die von ihr vielzitierte schwäbische Hausfrau zu europaweitem Ruhm gebracht. Der Guardian hat sich auf die Suche nach ihr gemacht

In den verschlafenen, pittoresken Städten und Dörfern im Südwesten Deutschlands machen die Musterschüler der Sparsamkeit das, was sie am besten können. Sie halten beim Einkaufen Maß, benutzen kaum einmal Kreditkarten und sparen bis zu einem Drittel der Kaufsumme einer Immobilie, bevor sie sich um einen Kredit bemühen. Angela Merkel verweist des Öfteren auf die schwäbische Hausfrau als Inbegriff der Sparsamkeit. Die deutsche Kanzlerin argumentiert, Europa habe über seine Verhältnisse gelebt und könne von der Haushaltsführung dieser Frauen etwas lernen.

Qualität spielt die entscheidende Rolle

Heide Sickinger und Waltraud Maier, zwei Hausfrauen aus Gerlingen in der Nähe von Stuttgart, stimmen zu: „Eine Hausfrau hält die Familie und das Geld zusammen. Ich kaufe nicht auf Kredit. Die Leute hier hend no nie über ihre Verhältnisse geläbt“, sagt Maier, bevor sie hinzufügt, dass die jüngere Generation da heute schon etwas freizügiger sei. Sie und ihre Freundin benutzten Kreditkarten eigentlich nur, wenn sie im Urlaub sind, und stellen sicher, dass sie genügend Geld auf dem Konto haben, um ihre Schuld unverzüglich begleichen zu können. Beide Frauen glauben, dass Südeuropäer da anders seien – leichtlebiger. Sie selbst würden für gewöhnlich nur das kaufen, was sie auch wirklich brauchen (einzige Ausnahme sei der Flachbildfernseher). Selbst ein Kleiderschrank gilt ihnen als Luxusanschaffung – denn Schwaben kaufen nicht billig. Sie wissen Qualität zu schätzen. Ein Schrank muss aus Massivholz sein, damit er ein Leben lang hält.

Beide Frauen kaufen ihr Fleisch eher beim Metzger, auf Höfen und Märkten in der Umgebung als bei Discountern wie Aldi und Lidl. „Die Qualität isch besser“, sagt Maier. „Und man kann zwei gelbe Rüben kaufen, ned gleich ein ganzes Kilo“. Wegwerfen würde sie nie etwas – aus altem Brot macht sie beispielsweise Semmelknödel. Viele Leute hier bauen ihr eigenes Obst und Gemüse an, und machen sie ein. Diese Haltung wurde durch die Erfahrung der Schuldenberge und Hyperinflation der Weimarer Republik geprägt, wo die Leute das Geld schubkarrenweise durch die Straßen schoben.

Nach Luxus-Boutiquen wird man in Gerlingen vergeblich suchen, obwohl seine 20.000 Einwohner mit 500 Millionen Euro über eine höhere Kaufkraft verfügen als irgendeine andere Stadt in Baden-Württemberg. Selbst die nahe gelegene Bundeshauptstadt, Stuttgart, hat verglichen mit der Münchner Theatinerstraße, wo sich Dolce & Gabbana, Armani und Swarovski ein Stelldichein geben, nur wenig Luxusgeschäfte. „Bayern leben einen barocken Lebensstil“, sagt Angela Schmid, Vorsitzende des württembergischen Landesverbandes des Deutschen Hausfrauenbundes. „Schwaben kaufen zwar Luxustextilien und andere teure Dinge, aber sie geben nicht gerne damit an. Sie können sehen, wie schwäbische Hausfrauen eine Luxusboutique betreten, die aussehen wie ihre Putzfrauen. Sie werden auf der Straße auch keine extravaganten Hüte oder Schmuck sehen – die Leute zeigen sich solche Dinge nur, wenn sie unter sich sind. Schwaben haben sogar einen Begriff dafür – hälenga reich (heimlich reich).

Reichtum zeigt man nicht

Catharina Raible, Direktorin des Gerlinger Stadtmuseums, meint dazu, wenn Schwäbinnen einen Pelzmantel geschenkt bekämen, würden sie ihn mit dem Pelz nach innen tragen, damit man ihn nicht sieht. Sie erzählt, dass Robert Bosch, der Gründer des Elektrounternehmens, dessen Familie immer noch in Gerlingen lebt, einen dicken Lodenmantel getragen habe, der innen mit Pelz ausgefüttert gewesen sei: „ein typischer Schwabe“. Trotz des Reichtums der Familie hätten die Kinder geflickte Sachen aufgetragen. Sickinger sagt dazu: „Vo de Reicha lernt mr´s Schpara.“

Gerlingen ist wohlhabend, weil viele Bosch-Manager dort leben – die Firmenzentrale befindet sich hier – und die Häuser mit Handlage sind unter den in Stuttgart Arbeitenden sehr beliebt. Mit der Stadtbahn ist man in 25 Minuten dort. Baden-Württembergs früherer Ministerpräsident, Lothar Späth, lebt ebenfalls in Gerlingen.

Sowohl Sickinger als auch Maier fahren einen Mercedes, aber Sickinger erinnert sich, dass sie und ihr Mann bis zum Tod ihres Schwiegervaters immer nur zerbeulte, alte Wagen fuhren. Dann kauften sie einen Jahreswagen. Ihre Schwiegermutter habe damals gesagt: „Dr Großvadder hätt nia a Audo g'kauft, sondern an Agger.“ Maier ergänzt: „Die Leute hend nie Land verkauft. Die ältere Generation war viel sparsamer als mir.“

Anschaffungen fürs Leben

Die Sparsamkeit der Süddeutschen hat ihre Ursprünge im 19. Jahrhundert. Damals war die Gegend sehr arm. Ein weiterer Einfluss war der Pietismus – eine Bewegung innerhalb des Protestantismus, die besonderen Wert auf harte Arbeit legte und weltliche Vergnügungen schmähte. Die schwäbische Redensart „Schaffa, schaffa, Heisle baua“ geht auf diese Zeit zurück. „Mr fühlt sich schuldig, wenn mr ned arbeitet“, sagt Sickinger. Viele Schwaben kaufen oder bauen sich mit Ende Zwanzig/Anfang Dreißig ein Haus und fangen auch schon früh an, für die Rente zu sparen.

Kredite werden in Deutschland traditioneller Weise von Bausparkassen vergeben und es gilt die Faustregel, dass die Leute zuerst ein Drittel der benötigten Summe zusammensparen, um sich den Rest dann für bis zu 25 Jahre zu einem festen Preis zu leihen. Anders als in Großbritannien, wo die Leute für gewöhnlich in ein größeres Haus umziehen, sobald sie es sich leisten können, ist ein Haus hier eine Anschaffung fürs Leben.

Deutsche Familie legen laut einem Lloyds TSB-Bericht aus diesem Jahr fast doppelt so viel beiseite wie britische Haushalte. Der typische deutsche Haushalt verfügt über Ersparnisse in Höhe von 10.790 Euro, der britische hingegen nur über 6.280 Euro. Der Anteil ihres Einkommens, den die Deutschen auf die hohe Kante legen, ist in den vergangen Jahren konstant bei zehn Prozent geblieben, während der Trend bis zur Rezession in Großbritannien rückläufig war. Seitdem ist er wieder auf um die sieben Prozent angestiegen. Wenn es ums Sparen geht, sind die Schwaben in Deutschland führend. „Baden-Württemberg hat viel Industrie, also haben die Leute eine solide Planungsgrundlage – es ist nicht das reine Elend.“, sagt Schmid. Heute ist der Süden die reichste Gegend des ganzen Landes.

Kurse in Haushaltsführung

Der Deutsche Hausfrauenbund, für den sie arbeitet, bietet Kurse in Haushaltsführung – von praktischen Fertigkeiten bis hin zu Fragen, wie man jungen Leuten beibringt, wie man sparsam mit seinem Budget umgeht. Für die Ehrgeizigeren gibt es auch die Möglichkeit, sich zum/zur „Meister/in der Hauswirtschaft“ ausbilden zu lassen. Früher war das ein schlecht bezahlter Job, aber das ändert sich jetzt. Krankenhäuser, Altersheime und Rehabilitationszentren brauchen nach einem Bundesgesetz, das vor fünf Jahren verabschiedet wurde, immer mehr Leute mit diesen Qualifikationen, Hospitals. Andere Hauswirtschaftsmeisterinnen betreiben Geschäfte für Bio-Lebensmittel.

Gerlingen für seinen Teil bietet sogar Hausfrauenführungen durch die Stadt an. Die erfreuen sich großer Beliebtheit – die Führerin Diana Schneider verkleidet sich als schwäbische Hausfrau, komplett mit Arbeitskleidung, Schürze und Besen. „Ich bin die Erna Schwätzele – die kann putzen, arbeiten und das Geld zusammenhalten. Von nichts kommt nichts.“

Weitere Artikel der Guardian-Serie über die britische Sicht auf Deutschland, u.a. wie den Schriftsteller Bernhard Schlink die Vergangenheit belastet oder wie die Bundesliga die Premier League abhängt, lesen Sie in den kommenden Tagen hier

Übersetzung: Holger Hutt
10:42 28.09.2012
Geschrieben von

Julia Kollewe | Kraut Sourcing

Der Guardian hat sich bei uns umgeschaut und gefragt: Was ist das eigentlich für ein Land? Wir haben einige Texte für Sie ausgewählt
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