Die Kraft der zwei Herzen - eine Weihnachtsgeschichte

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Der erste Weihnachtsfeiertag. Über den Berliner Straßen hängt ein nieseliges Grau. Die Menschen haben ihr Feiertagsmenü schon hinter sich und ich habe John gerade zurück in seine Seniorenwohnung gebracht, wo er vorübergehend untergekommen ist.

Alles war gut. Wir hatten in meiner kleinen Wohnung Ente mit Rotkohl und Klößen gegessen. Laura und Ilja hatten mich vom Kochen entbunden und selbst alles zubereitet, während ich im Auto meiner neuen Bekannten den Vater dieser meiner Kinder abholte, der nicht mehr so gut zu Fuß war.

Ich hatte ihm noch einen Spiegel im Bad aufgehängt, um seinen kleinen Haushalt zu komplettieren. Viel braucht man ja nicht. Neben der Teetasse hatte ich eine Zweittasse zum Kaffeetrinken mitgebracht, einen kleinen Teller und einen großen. Wozu, fragt John. Ich esse doch in der Küche und das Essen wird auf hauseigenen Tellern serviert. Wie auch immer.

Am Fenster hängt ein beleuchteter Weihnachtsstern, auf der Kommode stehen Familienbilder – er selbst als süßer blondgelockter Dreijähriger und Fotos von unserer großen Tochter und dem Sohn. Laura, die ihrem Vater recht ähnlich sieht und Ilja. Ilja ist jetzt 20 und 1,89 groß. Sie studieren, sind talentiert und erfolgreich.

Laura war am Vortag von einem Semester in Washington DC zurückgekehrt und noch ein bisschen müde. Wir konnten mit Recht stolz auf die beiden sein.

Im Seniorenzentrum, einem riesigen gelbgestrichenen Komplex in Lichtenrade, hatte ich die russisch-lettische Pflegerin Natascha in den Arm genommen, der die Tränen gekommen waren, als sie John so sah, in Hemd und Schlips, wie er mit den Kragenknöpfen kämpfte, um die Krawatte abzunehmen. I help you, sagte sie. Aber John wollte es selber schaffen.

Zur Bescherung hatte ich ihm ein Handy in die Socke gesteckt, die an der Türklinke baumelte, weil wir ja keinen Kamin haben und keinen Schornstein.

Auf meiner Rückfahrt mit der S-Bahn hatte ich versucht ihn anzuklingeln, aber das Gespräch kam nicht zustande. Ich hatte vergessen zu erklären, dass er zur Annahme des Anrufs auf den grünen Hörer drücken musste. Irgendwas vergisst man immer.

Schön ruhig war es da in Lichtenrade mit den dunkelgrünen Tannen. Es fühlte sich an wie am Ende der Stadt. Kein Café und kein Laden in der Nähe, nur eine Tankstelle. Aber da gehen alte Leute ja nicht hin.

In den beige gestrichenen Korridoren irrten einige Bewohner umher, die ihre Apartmentnummer nicht kannten und sich ständig zwischen den völlig gleich aussehenden Etagen verirrten. Die kleinen Wohnungen waren alle zweckmäßig eingerichtet und frisch renoviert, aber Zuhause war doch etwas anderes. Der Begriff Apartment schien hier seine ursprüngliche Bedeutung herauszustellen – jeder Bewohner war für sich allein, wenn er die Tür zumachte.

Ich ging zum Taxi zurück. Es stand noch vor dem Eingang und es waren um die sechs Euro fürs Warten dazu gekommen. Der Fahrer sagt, er hätte gezweifelt, ob ich wieder runter käme.

Ich sage, dass irgendjemand die Marktlücke erkennen und eine kleine Kantine für die Alten aufmachen müsste, treues Publikum, denke ich.

Er fragt, mit Currybratwurst und Dönern ? Nö, sage ich, Kaffee und Kuchen und ein Friseurladen mit Pediküre. Komisch eigentlich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist.

Im Haus war es nicht nur ruhig, sondern auf beklemmende Weise still.

Ich hatte mein Kofferradio auf das Fenstersims gestellt und John den Power-Button gezeigt. Nur BBC hatte ich nicht finden können. Das hätte ihm am besten gefallen. Ohne Radio, sage ich zu dem südländisch aussehenden Fahrer, kann man da glatt tot umfallen. Echt.

Ich fahre also von Priesterweg zum Potsdamer Platz. Das dauert tatsächlich nur 10 Minuten. Weiter geht es mit der U2. Ich verlaufe mich immer im grauen Kasten des S-Bahnhofs. Deshalb gehe ich erst mal zu dem einzigen beleuchteten Kiosk, der offen hat am Feiertag. Ich nehme mir einen Krimi aus der Bücherkiste mit den Mängelexemplaren und eine Weihnachtskarte, die ein bisschen kitschig ist, zwei Hunde mit Knautschgesicht und Weihnachtsoutfit machen ein Nickerchen. Der junge Verkäufer sagt, er schicke keine Weihnachtskarten. Die Leute, die man mag, solle man besser besuchen gehen. Ich gebe ihm recht und erkläre, dass ich die Karte bestimmt nicht beschreiben würde. Aber man müsse schließlich einen Vorrat an Karten für die verschiedenen potentiellen Adressaten haben, selbst wenn man die Weihnachtsgrüße dann doch nicht der Post anvertraut.

Wir wünschen uns einen schönen Abend.

Ich wähle einen Ausgang, an dem das U-Bahn-Symbol angebracht ist, muss aber trotzdem noch um die Ecke und über die Straße, bis ich zum U-Bahn-Eingang links vom Balzac-Café komme.

Ich gehe die Treppe runter und sehe zwei Straßenmusiker. Einer ist ein guter Bekannter von mir. Er spielt Akkordeon und Dombra (eine ukrainische Variante der Balalaika). Sein Gesicht ist gerötet und er lächelt mich selig an. Die erste kleine Schnapsflasche am Feiertag hat er schon intus.

Ich leiste ihm und seinem jüngeren Kumpel ein bisschen Gesellschaft. Anatoly geht zum Kiosk, um mir einen Tee im Pappbecher zu holen.

Das ist meine Kristinotchka, erklärt er dem jungen Musikanten, meine Freundin. Ein Ausdruck von Glückseligkeit und Stolz liegt auf seinem Gesicht. Man könnte ihn - so wie er ist – nehmen, denke ich für mich, und ihn in einem Film über die besondere Typologie des russischen Dorfes spielen lassen. Ein musikalisch begabter stämmiger Bauernsohn und Charakter, wie es ihn so nur in Russland gab oder den benachbarten Republiken.

Der junge Ukrainer zeigt Interesse. Woher sprichst du so gut Russisch, fragt er. Alles Übungssache. Wenn man soviel mit Russen zu tun hat wie ich.

Nur für die Deutschen reicht meine Zeit nicht immer.

Anatoly küsst meine Hand mit seinen weichen Lippen. Ich sage doch, die Frau hat zwei Herzen. Großes Herz für alle, die Hilfe brauchen.

Wie jetzt, zwei Herzen, fragt Oleg. Ich sage, doch irgendwie stimmt es.

Ich habe ein deutsches Herz und ein russisches Herz in meiner Brust.

Ich bin in Berlin geboren und in Leningrad gezeugt. Wenn ich Russen sehe, fühlt sich das Herz, das Sehnsucht nach meinem Vater hat, zu ihnen hingezogen. Mein deutsches Herz aber sagt ein bisschen streng: Wie sieht es denn hier bei euch aus ?Auf dem Akkordeonkoffer liegen Pappteller mit Senf und Ketschupresten.Ordnung muss sein am Arbeitsplatz – Anatoly sieht natürlich, dass ich es nicht besonders ernst meine, entsorgt aber doch die Reste im Abfalleimer aus Edelstahl.Oleg sagt, das sei doch keine Unordnung, sondern nur ein schöpferisches Stillleben. Und die Deutschen finde er gut, aber das Allerbeste sei Berlin.

Mein Straßenmusiker zeigt noch immer seine Bewunderung mit einem verzückten Grinsen. Sie ist wie eine Mutter für mich, sagt er. Das ist mir dann doch nicht recht. Immerhin bin ich ein gutes Dutzend Jahre jünger als Anatoly. Dann schon lieber Freundin. Das hatte er auch letzte Woche dem Sachbearbeiter bei der Ausländerbehörde erklärt, als wir den Aufenthaltstitel für ihn bekamen. Ich fühlte mich etwas überrumpelt, aber sagte ja, das sei schon richtig. Eine gute Freundin war ich, wenn auch nicht in der umfassenden Bedeutung.

Oleg will auch zu mir ins Büro kommen, es gebe da ein Anliegen, wenn er das tèt à tèt mit mir bereden könne. Warum nicht, sage ich, im neuen Jahr und diktiere ihm meine Nummer. Die U-Bahn nach Ruhleben fährt ein und wir beeilen uns ein bisschen um mitzukommen, Oleg, sein väterlicher Freund Anatoly und ich.
10:44 26.12.2011
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Geschrieben von

krislei

Ostberlinerin, 45 Jahre, Interessen: Philosophie, Psychologie, Literatur
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