Nachdenken über Geben und Nehmen

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Anmerkungen zu Sloterdijks Artikel in der FAZ vom 10.6.09


Sloterdijk ist immer für eine Provokation gut. Und weil es in Deutschland nicht viele Querdenker gibt, die etwas zu sagen haben, ist jeder Artikel, der nicht nur in hübschen Worten wiederkäut, was sowieso schon klar ist, willkommen.

Der Aufsatz gehört zu denen, die zum Streit herausfordern, aber auch zum Nachdenken. Die Fragen, die hier so forsch abgehandelt werden, sind so grundlegend, dass sie keinen kalt lassen, egal auf welcher Seite des Rousseauschen Zaunes er sich befindet.

Verhandelt wird die Zukunft des Kapitalismus, also irgendwie überhaupt die Zukunft der Gesellschaft, die Natur des Eigentums, der moderne nehmend-gebende (schröpfend-umverteilende) Staat, die linke und liberale Gesellschaftskritik und -in zwei, drei Sätzen- ein wenig überzeugender Gegenentwurf zum Status quo.

Von einem FAZ-Artikel wird man keine ausformulierte Gesellschaftsanalyse erwarten dürfen: erstens reicht der Platz nicht und zweitens will der durchschnittliche Leser wohl keine staubtrockene, genau durchdachte und streng formulierte Abhandlung à la Habermas zum Frühstück.

Trotzdem: die Melange aus einer anfangs scheinbar tiefgründigen Argumentation – die Zitate reihen sich wie Perlen, ans Licht geholt aus der Tiefe der Geschichte – einer mit etwas Theaterdonner veranstalteten Exekution aller linken Gesellschaftskritik und einem Szenario derfälligen nächsten Revolte, mit „postdemokratischen Konsequenzen... deren Ausmalung man sich zur Stunde lieber erspart“ – das klingt, als wolle man gerade dies, den „antifiskalischen Bürgerkrieg“ und „Desolidarisierungen großen Stils“ - zwischen den Produktiven und den Unproduktiven nämlich - erst kaltschnäuzig herbeireden.

Hat sich der Gegensatz von Kapital und Arbeit erledigt, umdefiniert in eine „antagonistische Liaison von Gläubigern und Schuldnern“? Verläuft hier der neue Zaun? Strebt der Unternehmer nur noch nach Mehrwert, um seine Schulden zu bedienen? Wohl kaum.

Die Schuldenkrise ist eine Krise der Bewertung, das Ergebnis einer zu großen Entfernung der spekulativen Wertzuschreibung von den realen Werten, die den Krediten, Aktien und Wertderivaten aller Art zugrunde liegen.

Der Crash folgt dem Muster früherer Krisen, die eine marktbereinigende Wirkung haben, allerdings zum Preis der Vernichtung des Werts nicht nur von Aktienpapieren, sondern auch des Werts realer Immobilien, von Rohstoffen und Unternehmen und der Umverteilung aus den Händen derer, die jetzt nicht mehr kreditwürdig sind, in die Hände derer, die Geld, Kapital, Eigentum, Sicherheit als Gegenleistung anbieten können.

Der Staat ist nicht unbeteiligt, er nimmt Schulden auf, in seinen Versuchen gegenzusteuern, antizyklische Konjunkturprogramme aufzulegen, kann er selbst ins Schlingern geraten, schon weil Politik vorausschauendes, planvolles Handeln sein will und alle Vorhersagen gerade gründlich überholt sind.

Die Ebenen der gedanklichen Durchdringung des Problems „Geben und Nehmen“ müssen widersprüchliche Grundaspekte berücksichtigen, die sich partout nicht alle artig in Gegensatzpaaren anstellen wollen.Statt dessen schneiden und überschneiden sich die Sphären des Produzierens, Wirtschaftens, Finanzierens und Konsumierens mit staatlichen und überstaatlichen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Tendenzen der Bevölkerungsentwicklung wie z.B. der sich ändernden Altersstruktur.

Sloterdijks Unproduktive sind aufzuteilen in:

Noch-nicht-Produktive, Nicht-mehr-Produktive, nichtproduktive Nutznießer und Verwalter des Sozialsystems.

Schaffen wir den Umverteilungsstaat ab und überlassen die „Hälfte der Bevölkerung moderner Staaten“ (nach Sloterdijk) der privaten Wohlfahrt der Unternehmer und Leistungsträger, die statt Zwangssteuern zu zahlen „Geschenke an die Allgemeinheit“ verteilt?

Ganz schön anarchistisch und gruselig dazu.

Die berechtigte Kritik an einer aufgeblasenen und übermächtigen Staatsmaschine, die ja nicht nur den Elan des Unternehmers begrenzt (manchmal vielleicht zurecht) sondern auch bei der Aufrechterhaltung des sozialen Friedens Leistungsbezieher massenhaft in ihrer Initiative lähmt und bevormundet, muss in sinnvolle Gegenvorschläge münden.

Je geringer der Abstand zwischen einem auf Leistung beruhendem Einkommen (Arbeit, von der man leben kann) und einer Arbeitsersatzleistung ist, desto weniger Anreiz besteht, sich dem Stress einer Arbeit auszusetzen, die zudem kaum Prestige verspricht.

Wo man den Ausweg aus einer unbefriedigenden Situation sucht, das wiederum kennzeichnet den Autor, der sich seine Seite des Zauns aussucht.

Sloterdijk verteidigt die Eigentümer und „Leistungsträger“ (die derzeit gerade dem Generalverdacht der Gier und der Fehlspekulation ausgesetzt sind) gegen die Ausgegrenzten, die von Steuermitteln leben.

Welche rationale, nachhaltige und demokratische Perspektive können wir als Gesellschaft entwickeln?

Eine Gesellschaft ohne Eigentum und Unternehmer wäre eine Absage an die Errungenschaften der modernen wissenschaftlich-technischen Zivilisation und ist sicher nicht mehrheitsfähig.

Eine Gesellschaft ohne Staat, der die Rahmenbedingungen der Produktion und Verteilung des Reichtums aushandelt, der zwischen den Interessen der Jungen und Alten, Gesunden und Kranken, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Armen und Reichen vermittelt, wäre chaotisch und würde Zustände hervorrufen, die wir dort besichtigen können, wo der Staat schlecht funktioniert.

Das Bewusstsein, in einer komplexen, dynamischen, global verbundenen, bedrohten aber noch gestaltbaren Welt zu leben, widerspiegelt die wahrnehmbare und medial vermittelte Realität, in der sich der einzelne nach seinen Möglichkeiten einrichten muss.

Um die Fülle widersprüchlicher Informationen zu ordnen, die Komplexität auf ein überschaubares Maß zu reduzieren, sucht er nach sinnvollen Erklärungen, die ihm den Weg weisen, die er in Beziehung zu seiner eigenen Erfahrungswelt setzen kann, die zu seinen Vorurteilen passen.

Wir brauchen dazu auch Philosophie, die den Blick auf das große Ganze und die Grundzusammenhänge öffnet, wir brauchen eine aus dieser Philosophie begründete Ethik der Nachhaltigkeit und Verantwortung. Wir brauchen eine gut argumentierte Gesellschaftskritik, die aus der Perspektive der Nachhaltigkeit und Verantwortung die Rolle des Eigentums, Unternehmertums, des Staates, die Funktion der Medien und vieles mehrbeleuchten muss. Diese Kritik soll die alten ideologischen Gräben überwinden und nicht denunzieren (auch den Kapitalisten als solchen nicht, sondern immer nur die Unternehmer, Banker, die über ihrem Streben nach Quartalszahlen und Boni das Maß und den Maßstab der Verantwortung verlieren).

Kapitalisten, die Profit und Marktposition nachhaltig erreichen wollen, die der Natur das zurückgeben, was sie entnommen haben, die ihr möglichst wenig Schaden zufügen, die von kritischen Verbrauchern „überredet“ wurden, ökologisch zu produzieren, die faire Löhne zahlen oder die Produzenten an Gewinnen beteiligen, die die Bedürfnisse der Konsumenten im Blick haben, können in positivem Sinne Zukunft gestalten.

Sie tragen unternehmerisches Risiko, ihr Unternehmertum soll, soweit das sinnvoll ist, auf Eigentumsrechten, auf Sicherheiten beruhen.


Die Fragen der sozialen Gerechtigkeit stellen sich im Licht der Nachhaltigkeit immer wieder neu. Sie sind nicht obsolet. Auch der Unternehmer und Eigentümer darf Gerechtigkeit einfordern, er darf fragen, was mit seinen Steuern passiert, wofür sie verwendet werden.

Er soll darauf hinwirken, dass Ideen, Initiative, Mut zum Risiko und Leistung als positive Werte der Gesellschaft zum Tragen kommen. Er soll mit real finanzierbaren Modellen auch Gegenentwürfe machen.

Grundeinkommen für alle unter maximaler Einsparung bürokratischer Verwaltung und Bevormundung könnte ein liberales und nachhaltiges Projekt sein, den Staat real verkleinern und Initiative belohnen.

Das Grundeinkommen sollte für die Erwerbsfähigen aber gerade nicht so hoch sein, dass sie keinen Anreiz zu Arbeit oder Unternehmertum mehr haben.

Machbare mehrheitsfähige Vorschläge zu den Fragen des Gebens und Nehmens sind dann gut, wenn sie nachhaltig funktionieren.

Einfache Antworten wie Steuern abschaffen, den Staat lahm legen und dergleichen hören sich am Stammtisch interessant an, sind aber kein Beitrag zu einer ernsthaften Diskussion.


Kristine Leithold 14.6.09

15:24 14.06.2009
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Geschrieben von

krislei

Ostberlinerin, 45 Jahre, Interessen: Philosophie, Psychologie, Literatur
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