Verirrungen des deutschen Gemeinwesens (I)

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Nicht immer, aber immer öfter ruft der deutsche Bürokratismus, oder besser gesagt, die eine oder andere besondere und konkrete Ausformung dieser das ganze Leben durchdringenden Erscheinung, heftigste Abwehrreaktionen und ungläubige Verwunderung bei mir hervor.

Ich muss zugeben, dass ich beruflich vorbelastet bin, ich arbeite an der vordersten Front der Kommunikation mit und der Verteidigung der Bürger gegen die „Bürokratenkaste“. Ich verstehe, dass diese allgemeine abwertende Bezeichnung nicht auf alle passt, die in den deutschen Amtsstuben ihren Bürojob verrichten und wahrscheinlich sind auch nicht alle bösartige Monster, die den Menschen das Leben schwer machen wollen.

Das Problem besteht ja auch gar nicht so sehr in der Abartigkeit des Einzelnen, es ist das System, das krank ist und uns immer kränker macht.


Meine Kollegin Natascha, eine sehr adrette, sportliche und literarisch begabte Person hat es neulich erwischt. Ohne Vorwarnung und offenbar ohne konkreten Anlass erlitt sie einen Hinterwandherzinfarkt und kippte um, gerade als die Rettungssanitäter eintrafen. Sie war dann klinisch tot, lag im Koma, rappelte sich aber dennoch nach zwei Wochen Intensivmedizin wieder auf. Alle Mitarbeiter waren natürlich geschockt von diesem Ereignis.

Als sie wieder im Büro auftauchte, sahen wir sie an wie einen Geist, der eine Message aus der jenseitigen Welt zu überbringen hatte.

Ins Office kam sie nicht einfach nur so, sondern mit jeder Menge Formularen, die sich alle um ihren Antrag auf Krankengeld drehten.

Dazu muss ich sagen, dass meine Kollegin viele Jahre „ausfallfrei“ und zuverlässig ihren Dienst verrichtet hatte, sie war nie krank und gehörte zu den beneidenswerten Frauen, deren Alter man erst erfuhr, wenn man in ihren Pass guckte.

Nun also, bei der ersten Krankheit, die sie ereilt hatte, seit sie bei uns arbeitete, musste sie sich mit unserer Hilfe erst mal durch einen Wust von Papieren kämpfen: nicht nur ihre Krankenkasse, sondern auch die Rentenversicherung wollten detaillierte Angaben über dieses und jenes und selbst die Buchhalterin schlug die Hände über dem Kopf zusammen.


Anderes Beispiel: Eine der von unserem Pflegedienst betreuten Patientinnen erhält ein 16-seitiges Schreiben der Rentenbehörde darüber, dass sich ihre Rente durch Neuberechnung um 60 Cent pro Monat erhöht hatte.

So weit so schön. Dieses Schreiben ist an die Grundsicherung zu leiten, wird dort mit ihrem Regelanspruch verrechnet, was einen neuen Bescheid erforderlich macht und hat im Weiteren keinen Effekt für die Frau, die zufällig gerade im Krankenhaus liegt.

Ich wende mich an den Ehemann, der das Schreiben vorbei bringt: seine Emilia solle auf keinen Fall übermütig werden und sich aus Freude über die Rentenerhöhung drei zusätzliche Brötchen kaufen. Im Endeffekt hat sie ja gar keine Erhöhung, die sich auf ihr Einkommen auswirkt. Ich erkläre ihm also geduldig die Einzelheiten des Behördenbriefs, in dem es außerdem heißt: „Die Neuberechnung führt zu einer Nachzahlung in Höhe von 1,80 €. Die Nachzahlung wird wegen Geringfügigkeit einbehalten.“ Das schlägt nun dem Fass den Boden aus. Wenn der Bürokrat noch selbst begriffen hat, dass es sich um eine lächerliche Erhöhung handelt (meist denkt ja nur noch der Computer, der zusammen mit der automatisierten Berechnung auch gleich die Mitteilung an den Empfänger verfasst), warum schickt er dann das Geld nicht an die Frau oder redet wenigstens mit seinem Teamleiter über Sinn und Unsinn solcher Neuberechnungen. Für einen Augenblick dachte ich daran, einen Widerspruch zu schreiben und auf der Auszahlung zu bestehen, nicht des Geldes wegen natürlich, sondern um die Beamten „mit ihren eigenen Waffen zu schlagen“ und vielleicht einen erzieherischen Effekt zu erzielen. Dann winkte ich resigniert ab.

Ich hatte auch so schon die übliche Anzahl unerledigter Schreiben auf meinem Schreibtisch, der mir wie immer zu klein erschien. Trotz aller Plastikschalen zur Ablage konnte ich vor lauter Erinnerungszetteln und Wiedervorlagen nie reinen Tisch machen. Aber das ist wohl eher meine Schuld – ich brauche noch immer die handgeschriebenen Zettel, um nicht die Übersicht zu verlieren und kann mit piepsenden elektronischen Remindern nichts anfangen. Ich hab es mal mit Outlook versucht, ist aber nicht mein Ding. It doesn’t appeal to me. Bis zur Datensynchronisation per Cloud werde ich auch noch ein paar Jährchen brauchen.


Besonders heftig reagieren die Berliner Ämter gerade auf das Thema russische Renten bei Hilfeempfängern. Das ist jetzt mal eine echte Herausforderung. Geld, das ein anderer Staat irgendwem irgendwohin zahlt und keiner hat den Durchblick. Erstens kriegt ja nicht jeder eine Rente und nicht jeder, der eine bezieht, teilt dem Amt dies mit. Und wenn er dann gefragt wird und mitteilt, kann man nicht wissen, ob die Auskunft, die er erteilt, richtig und vollständig ist. Bei der russischen Behörde nachfragen geht gar nicht. Russischer Datenschutz, haha.

Da stößt der gläserne Bürger, von dem jeder Verwaltungsmitarbeiter träumt – jedenfalls wenn es in seiner Macht steht, Geldleistungen zu bewilligen oder zu versagen – an die Systemgrenze.

Das deutsche Amt erhöht die Drehzahl und läuft heiß, bestellt den Bürger zum Verhör, führt Ermittlungen durch – diesen Kripojargon gibt es tatsächlich schon bei Sozialämtern, Kindergeldkassen etc. – und tut, was es am besten kann, es überschüttet den Verdächtigen mit Schreiben, setzt Fristen und droht mit der Kürzung oder dem Versagen der Leistung.

Das trifft dann auch gern die Falschen. Eine der von uns betreuten Patientinnen, eine gebildete, grundehrliche und sehr gut deutsch sprechende Frau, lag buchstäblich schwerstkrank und unfähig, sich zu bewegen, im Pflegebett. Noch in der Woche ihres Todes bekam sie Schreiben, die sie aufforderten, unverzüglich eine Rentenbescheinigung vorzulegen. Wenn nicht, dann ....

Liebe Irina – wenn es denn so ist, dass deine Seele von irgendwo, unsichtbar für uns, zusehen und fühlen kann, wir haben dich nicht vergessen. Es wäre schön, wenn eine bestimmte Mitarbeiterin dies liest und sich leise schämt.

Ich sage nur: Geheimcode Charlottengrad.


Und noch was zum Schluss. Man braucht ja immer irgend einen Stachel, der einen zum Schreiben treibt. Bei mir ist es das Helfersyndrom in seiner verschärften Form – dem Retterkomplex. Aber nicht nur. Ich fühle mich auch beleidigt von einer Phrase, die ich vor Monaten in einer Zeitschrift las. War es der SPIEGEL? Keine Ahnung. Es ging jedenfalls um die Aufdeckung irgendwelcher Missstände und da stand es schwarz auf weiß: niemand könne so richtig abhelfen, vor allem nicht der Typ „überforderter Sozialarbeiter.“ Na wenn das kein Schimpfwort ist. Es hört sich an wie „überforderte alleinerziehende Mutter“ und sonstige Opfer, die sich für kleines Geld abrackern und aufopfern. Und am Ende gar nicht cool rüberkommen – mit ihren Augenringen und der nicht fashionablen Erscheinung und schlechtgefärbten Haaren, die wohl ein Billigfriseur geschnitten hat.

Ja, das hat gesessen. Das trifft auf mich zu. Das bin ich: gebildet und engagiert, aber irgendwie ein Systemopfer. Ein Don Quijote, der mit den Windmühlen des Bürokratismus kämpft. Weiblich, mit Angela-Merkel-Figur. Auch aus dem Osten. Oft erfolgreich, aber furchtbar ausgebrannt.


Berlin, drei Tage vor Weihnachten 2011. Kristine Leithold

07:54 21.12.2011
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Geschrieben von

krislei

Ostberlinerin, 45 Jahre, Interessen: Philosophie, Psychologie, Literatur
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