Was soll das Theater?

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Mit dieser Frage verlasse ich das Theater „Szena“ in der Schöneberger Kurfürstenstraße. Ich habe mir Puschkins „Kleine Tragödien“ angesehen - ein neues Stück der in Berlin lebenden Moskauer Regisseurin Inna Sokolova.

Punkt acht betrete ich den kleinen Saal und bin positiv überrascht. Es gibt keine freien Plätze und für die Zuschauer, die mit leichter Verspätung eintreffen,schafft man eiligst Sitzgelegenheiten.

Die Bühne bietet nicht viel Platz, trotzdem gibt es reichlich Bewegung und Action, die Schauspieler agieren in unmittelbarer Nähe zum Publikum, das aus älteren und jüngeren „Russen“ zusammengesetzt ist. Ein paar Deutsche schauen in die Zusammenfassung des Stücks.

Nach einem Jahr des Bestehens an diesem Ort hat sich das kleine russischsprachige Theater etabliert.

Ist es ein Off-Theater? Eher nicht: man spielt klassisch bis modern. In der Bühnenausstattung nicht opulent sondern eher funktional, in einem Ensemble, das sich sichtlich gefunden und eingespielt hat und dessen Leistung durchaus überzeugend ist.

Die Regisseurin brauchte etwas Zeit, um die Berliner Migranten für sich zu gewinnen. Fast scheint es, als sei es ihr durch ein buntes Programm von Stücken und durch das Theaterstudio für die Jüngeren und Jüngsten letztlich gelungen, auch bei den Erwachsenen Interesse zu wecken, die zunächst eher skeptisch an der neuen Spielstätte vorbeiliefen.

Auch ihr Ehemann Ilja Gordon hat durch seine beharrliche Arbeit Anteil daran, dass man nicht mehr vor halbleerem Zuschauerraum spielt. Er ist Direktor und Organisator und wirbelt unermüdlich, um das Projekt bekannt zu machen.


Was braucht der russische Zuschauer, der in kultureller Hinsicht irgendwie zwischen zwei oder mehr Stühlen sitzt?Im Hinterkopf hat er die sowjetische und klassische Theaterkunst, zur aktuellen russischen Szene hat er kaum Kontakt und oftauch nicht zum Berliner Theater.

Die Angebote der Migrantenkultur, deren Niveau zwischen Laienspiel und Professionellem pendelt, das russische Fernsehen per Satellit, die im Rahmen von Integrationsarbeitfinanzierten Gemeindeveranstaltungen mit verbilligten Tickets und das eine oder andere Gastspiel altbekannter Künstler aus Russland.

Geht es um Nostalgie, um den Widerstand gegen die drohende Leere und Kulturlosigkeit oder um die Identität zwischen Gestern und Heute, zwischen Dort und Hier? Sucht er einfach Unterhaltung und Erbauung? Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.


Gerade den hiesigen Migranten hat man mehr als einmal vorgeworfen, sie seien nach Deutschland gekommen, weil ihnen hier niemand die Wurst vom Brot nimmt, weil man hier bequem und ruhig leben kann.

Ein Leben jenseits existenzieller Not, oft aber ohne Arbeit und ohne das Gefühl gebraucht und willkommen zu sein.


Man hat viel Zeit für sich, viel Zeit auch für Fragen. Wozu das Ganze? Was mache ich hier? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?

Die russischen Klassiker – wissen sie Antwort auf unsere Fragen?

Ich schaue ins Programm der Berliner Bühnen, es ist voll von russischen Werken. Die Deutschen lieben Puschkin, Tschechow und Dostojewski.

Dramatischer Stoff aus der Vergangenheit, der aus irgendwelchen Gründen doch in unsere moderne Welt passt. Die Stücke und die Themen sind nicht angestaubt, noch sind die Figuren Exoten aus einer uns fernen Welt. Im Osten bleiben die Grundkonstellationen der Verhältnisse konstant – die Macht und ihre korrupten Statthalter, die Intellektuellen mit originell-kritischer, aber hilfloser Geste, der Wodka, Liebe und Leben als Trotzhandlungen in einer lebensfeindlichen und der Hoffnung auf Verbesserung beraubten Umwelt.


Und die Russen? Wen lieben sie? Frau Sokolova hat es am Anfang mit Brechts „Die jüdische Frau“ versucht, ein Stück darüber, wie die Liebe eines deutschen Mannes zu seiner Frau unter dem Druck der öffentlichen Meinung und des Hitler-Regimes umschlägt in Verrat. Sie hat Byrons „Kain“ in der Übersetzung von Iwan Bunin inszeniert – auch ein Stück mit ewiger Brisanz. Dazu eine Sage des Griechen Äsop und einiges mehr.

Trotzdem, scheint mir, ist Theater für sie kein Spiel, mit dem man auf irgendwelche tagespolitischen Realitäten reagiert. Theater das ist in erster Linie Respekt vor dem Autor und seinem Stück und zweitens Umsetzung eines Textes in einem Spielraum, der durch die Bühne und die Möglichkeiten des Ensembles umrissen ist, ein begrenzter Raum, eine kleine Truppe und ein immer knappes Budget. Unter diesen Bedingungen muss man Solidität beweisen und Improvisationsgabe, denn trotz ‚Low Budget’ ist der russische Zuschauer kritisch und alles nur Gewollte und nicht Gekonnte ist verpönt.


Puschkins „Kleine Tragödien“ kommen historisch-klassisch daher, es sind bestimmt nicht unsere heutigen Alltagsprobleme, um die es hier geht.

Neid und Mord, eitle Liebelei, Gier, Geiz und Totschlag – die Helden sind selbstverliebt und ruppig, sie wollen Ruhm und Spaß und Geld und sind zu jeder Schandtat bereit, aber ein paar Tote machen noch kein Drama. Es fehlt das bedeutende Thema, der tiefe Konflikt, das Pathos und die geschichtliche Dimension. Für die große Tragödie reicht der Stoff nicht.


Ist gerade das die Diagnose und die Botschaft? Das Leben geht immer weiter: mal grob und mal hysterisch, eher Schein als Sein, mit gewandtem Wortspiel, vergnügungssüchtig und ohne tiefen Sinn. Das Theater ist Spiegel des Daseins, Spiel ist Bewegung, ist Steigerung und Konzentration, Ausdruck und Emotion, ist Präsenz und Unruhe. Der Akteur ist selbst schon illusionslos, aber er spielt den anderen und uns noch etwas vor.

Vielleicht besteht der Sinn darin, dass ich mir Fragen zum Sinn stelle, die ich selbst nie endgültig beantworten kann und dass ich mit meinen ewigen Fragen leben muss. Das Theater hat keine Antworten und spielt doch immer weiter, denn es muss uns zeigen, wie wir sind. Helden gibt es nicht. Alles ist wie im richtigen Leben.


Berlin, 29.4.09Kristine Leithold

19:31 29.04.2009
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Geschrieben von

krislei

Ostberlinerin, 45 Jahre, Interessen: Philosophie, Psychologie, Literatur
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