"Eine Klippe, die immer näher rückt"

Brexit Warum die europäische Zukunft nach dem Brexit davon abhängt, ob und worauf sich EU und Vereinigtes Königreich einigen – und die Zeit drängt
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"Eine Klippe, die immer näher rückt"
Am Ende der Klippe droht der Sprung ins kalte Wasser

Foto: Carl Court/Getty Images

Der ehemalige britische Außenminister Boris Johnson soll seinen mazedonischen Amtskollegen einmal gefragt haben, warum das Land eigentlich unbedingt der Europäischen Union beitreten wolle. Der erwiderte: „Ihr habt wohl vergessen, wie kalt es draußen ist.“ Auf die Motivationen zum Brexit angesprochen, berichtet der Bundestagsabgeordnete Jens Zimmermann (SPD) von diesem Wortwechsel.

Wie kalt es für das Vereinigte Königreich nach dem 29. März 2019 tatsächlich wird, hängt maßgeblich davon ab, welche Absprachen das scheidende EU-Mitglied mit dem Staatenbund treffen kann. Über die Auswirkungen des Brexit für Unternehmen, Bürgerinnen und Bürger und diplomatische Beziehungen in Deutschland, dem Vereinigten Königreich und ganz Europa diskutierten die Gäste beim Netzwerktreffen young+restless am 12. September in Berlin.

Der beste Brexit ist kein Brexit

Aus wirtschaftlicher Sicht ist der Fall klar: „Der beste Brexit ist kein Brexit.“ Mit diesem Satz spricht Kevin Heidenreich vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag den meisten deutschen und wohl fast allen Unternehmen aus der Seele. Die Zahlen des Online-Umfrageinstituts Civey unterstreichen das: Demnach wünschen sich 54,2 Prozent der Deutschen, dass der Brexit doch noch verhindert wird. Nur ein Drittel der Befragten möchte den EU-Ausstieg der Briten durchziehen.

Wirtschaftlich gesehen geht der Brexit vor allem auf Kosten der Briten, betont Heidenreich. Schon jetzt sei das Vereinigte Königreich unter den wichtigsten Exportländern der Bundesrepublik von Platz 3 auf Platz 5 „abgeschmiert“ – bevor der Austritt überhaupt passiert ist. Deutsche Unternehmen planten in Zukunft wieder mehr Investitionen in Deutschland oder anderen EU-Staaten statt auf der britischen Insel – der Binnenmarkt sei das entscheidende Gebiet.

Ein Wirtschaftszweig, den der Brexit besonders hart trifft, ist die Datenökonomie. Der Handel mit Daten macht inzwischen 2,8 Billionen des globalen Bruttoinlandsprodukts aus, erklärt Paul-Jasper Dittrich vom Jacques Delors Institut in Berlin. „Sektoren wie Finanzen, Telekommunikation oder Unterhaltung, in denen das Vereinigte Königreich traditionell stark ist, sind besonders auf Datenaustausch angewiesen“, sagt Dittrich. Wenn die Austrittsverhandlungen in den nächsten Monaten keine Einigung auf Sonderregelungen bringen sollten, würde UK nach dem 29. März 2019 als Drittland gelten. Für die Datenökonomie wäre dies besonders verheerend, betont Dittrich: „Daten dürften dann nicht mehr so einfach ausgetauscht und verarbeitet werden.“

Hard, soft oder gar kein Deal?

Gerade deshalb hängt die Zukunft der Beziehungen zwischen Vereinigtem Königreich und den verbleibenden Mitgliedsländern – und damit auch die Zukunft vieler Unternehmen und Arbeitsplätze – wesentlich von den Verhandlungen der nächsten Monate ab. Laut Zeitplan soll in rund sechs Wochen Konsens über die Art des Brexit herrschen. Dann soll feststehen: Wird es eine harte Trennung geben oder werden individuelle Vereinbarungen geschlossen, die das Fortbestehen einer engen Bindung ermöglichen? Wird es ein harter oder ein softer Brexit?

Der beste Fall nach dem Empfinden der Deutschen ist bereits erwähnt. Das Horrorszenario wäre überhaupt keine Einigung – „no deal“. Dann könnte völliges Chaos ausbrechen, befürchten Politiker und Wirtschaftsexperten. Das Problem: Die Zeit drängt und bisher ist noch fast alles unklar. „Das No-Deal-Szenario ist eine große Klippe, die immer näher rückt“, sagt der Bundestagsabgeordnete Thomas Hacker (FDP). Er sei was den Brexit angehe früher wesentlich optimistischer gewesen. „Die Zeit schwindet und wir kommen uns in wesentlichen Fragen nicht näher“, sagt das Ausschussmitglied für die Angelegenheiten der Europäischen Union.

Auch der SPD-Politiker Zimmermann mahnt: „Wir müssen jetzt wirklich Hirnschmalz in diesen Scheidungsvertrag stecken, damit das zukünftige Verhältnis klar abgesteckt werden kann.“ Was der Brexit für das Leben der Bürgerinnen und Bürger bedeutet, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt, ob es Visa-Freiheit geben wird – all diese Fragen hingen davon ab, ob der Ausstieg geordnet oder ungeordnet stattfinde, so Zimmermann.

Was bedeutet der Brexit für die britische Identität?

Wenigstens in Identitätsfragen scheint der Brexit keine einschneidenden Folgen zu haben. Für die Briten gilt die Maxime: England verlässt die EU, aber nicht Europa. Die Direktorin des British Council in Berlin Rachel Launay glaubt nicht, dass sich das Land wirklich von Europa abkehren will. „Sehr viele Briten fühlen sich als Europäer.“

Das bestätigt auch Robbie Bulloch, der stellvertretende Britische Botschafter in Berlin. Wenngleich er seinen Landsleuten auch eine gewisse Inselmentalität zuschreibt – man fühle sich als Brite manchmal doch etwas weiter außerhalb. „Erst wenn man Europa verlässt, merkt man, dass man europäisch ist“, sagt Bulloch. Die Identität sei geklärt, doch was er besonders bei jungen Britinnen und Briten beobachte, sei eine tiefe Verunsicherung darüber, wie es in ihrem Land nach dem Brexit weitergehe, so der Diplomat.

„Es wird weiter Handel geben, die Frage ist: Wie kompliziert wird es?“

Fest steht: Auf allen Seiten herrscht Verunsicherung. Die gewagteste Zukunftsprognose in puncto Brexit wagt Jens Zimmermann: Alles werde sich so lange verzögern, dass die Frist nicht mehr zu halten sei und die Beziehungen über einen längeren Zeitraum in einem Schwebezustand verharren werden. Es werde natürlich auch nach dem Brexit Handel zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich geben. Die Frage sei, wie kompliziert es wird.

Laut Zimmermanns Prognose ziemlich kompliziert: „In dem Moment, in dem der Brexit Realität wird, werden tausende Fragen aufploppen, an die vorher niemand gedacht hat und auf die niemand eine Antwort weiß“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der deutsch-britischen Parlamentariergruppe im Bundestag. Ein positives Zukunftsbild sieht anders aus. Der Brexit – er bleibt eine Expedition in unsichere Gewässer.

Teilnehmende

Chart des Monats: Paul-Jasper Dittrich, Jacques Delors Institut Berlin

Dr. Birgit Bujard, stellvertretende Vorsitzende Young Königswinter Alumni

Thomas Hacker, MdB Fraktion FDP

Robbie Bulloch, stellvertretender Britischer Botschafter in Berlin

Rachel Launay, Direktorin British Council

Jens Zimmermann, MdB SPD

Kopf des Monats: Kevin Heidenreich, DIHK

30-sec-Pitch: Miriam Sufraga, Berlin Partner für Witschaft und Technologie GmbH

18:00 14.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kristina Auer

Kristina Auer ist freie Journalistin in Berlin und schreibt meistens über Lokales. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
Kristina Auer

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