Arbeitszeit-Splitting bringt Arbeit für Alle

Gestaltung Arbeitsmarkt. Arbeitnehmer stehen gewaltig unter Druck: Roboter als Konkurrenz, Umschulung auf Digitales, mehr Rentner weniger Netto. Arbeitszeit-Splitting nimmt den Druck.
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Der Arbeitsmarkt nimmt eine Sonderstellung ein, denn er liefert die Lebensgrundlage für die meisten Menschen. Menschen ohne Arbeit haben keine Einkünfte und geraten in eine soziale Schieflage. Betroffen sind auch deren Familienangehörigen. Hier ist der Staat gefordert. In Demokratien sind die Leistungen für die Arbeitslosen zur politischen Messlatte geworden.

In Deutschland sind die Arbeitnehmer die Lastesel der Gesellschaft:

  • Arbeitnehmer zahlen in nationale Sozial-Töpfe ein; die Abgaben dafür werden regelmäßig erhöht. Die Arbeitnehmer tragen damit die Last, dass genug Geld in die Rentenkasse und die Krankenkassen fließt. Sie zahlen auch für die Arbeitslosen, die Pflegeversicherung und andere Sozial-Töpfe. Die Beschäftigten müssen immer mehr Stunden dafür leisten, ihre Abgaben für die Sozial-Töpfe zu erwirtschaften – im Gegenzug schrumpfen die Nettoeinkommen der Beschäftigten.
  • Der internationale Wettbewerb zwingt die Unternehmen kostengünstiger zu arbeiten. Die Folge: Arbeitsplätze wandern ins Ausland oder die Unternehmen entlasten sich über Minijobs und Zeitarbeit. Die Arbeitnehmer zahlen die Zeche, immer mehr landen im Niedriglohnsektor oder in der Arbeitslosigkeit.
  • Die Anforderungen an die Beschäftigten ändern sich schnell. Wissen und Erfahrungen verlagern sich in die Informatik; Wissen und Erfahrungen aus früheren Zeiten werden unbrauchbar. Umschulung und Weiterbildung werden immer dringlicher. Arbeitnehmer, die nicht mitziehen, sind die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt.
  • Die technologische Entwicklung verändert die Arbeitsorganisation. Beschäftigte werden zunehmend ersetzt: Früher waren es die Maschinen, heute sind es die Roboter und die Softwaresysteme, die die Aufgaben der Beschäftigten übernehmen – Stichwort Digitalisierung. Das belegt auch die Produktivitätssteigerung: Heute erwirtschaftet eine Arbeiterstunde etwa das 6-fache als vor 50 Jahren. Die Steigerung wird sich beschleunigen.

Die Folgen belasten die Gesellschaft:

  • Seit den 70er Jahren gibt es mehr Arbeitsuchende als freie Arbeitsstellen. Das lässt sich an der Arbeitslosenquote ablesen. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen nimmt zu und jeder Fünfte arbeitet im Niedriglohnsektor.
  • Gleichzeitig wächst die Zahl der Arbeitssuchenden, die regelmäßig als Bittsteller bei der Sozialhilfe antreten müssen. Nicht nur das Verfahren ist für sie demütigend, auch die Gesellschaft brandmarkt diese „Schicht“, vornehm als Prekariat oder abschätzig als Sozialschmarotzer.
  • Das Umverteilungssystem droht zu platzen. Da die Zwangs-Abgaben nicht mehr ausreichen, wird jährlich ein wachsender Zuschuss aus dem Steueraufkommen in die Sozial-Töpfe gegeben. Die Summe aller Sozialleistungen ist inzwischen größer als die Summe aller Nettoentgelte an die Arbeitnehmer.

Was sind die Antworten der Politik?

Die Politiker diskutieren das Problem, aber es bleibt bei den alten Ansätzen, die weiter in die Sackgasse führen:

  • Die einen setzen auf Wirtschaftswachstum, um auf diesem Weg mehr Arbeit zu schaffen.
  • Die anderen setzen auf mehr Umverteilung und fordern mehr Abgaben oder höhere Steuerzuschüsse.

Beide Ansätze überbrücken das Problem nur. Daher wiederholt sich Jahr für Jahr das gleiche Ritual des Löcherstopfens: Ankurbeln der Wirtschaft versus noch mehr Umverteilen.

Gibt es eine dritte Lösung? Ja.

Der dritte Weg setzt auf die Gestaltungskräfte der Marktwirtschaft – man kann auch von der Mitwirkung der Märkte über Anreize sprechen.

Wir müssen überlegen, wie der Arbeitsmarkt so beeinflusst werden kann, damit die Arbeit gleichmäßiger auf alle Erwerbswilligen verteilt wird.
Die Kern-Frage lautet: Wie können Arbeitgeber beeinflusst werden, damit sie ihre Arbeitsmodelle anpassen?
Der Ansatzpunkt: Unternehmen passen die Arbeitsorganisation dann an, wenn Kosten eingespart werden können. Ein typisches Beispiel für die Reaktion der Unternehmen ist der Minijob mit reduzierten Abgaben. Dieses Vertragsmodell wird - wo immer möglich - als Beschäftigungsvariante genutzt. Der Minijob ist nicht die Lösung, zeigt aber das Reaktionsmuster der Arbeitgeber.

Zunächst eine theoretische Vorüberlegung:

Würde man die Arbeit zwangsweise gleichmäßig auf alle Erwerbswilligen verteilen, müssten die Arbeitnehmer je nach Höhe der Arbeitslosenquote auf 5 bis 10% ihrer Arbeitszeit verzichten und damit Einkommen abgeben. Dies als Auflage an die Unternehmen ist nicht umsetzbar. Der gesetzliche Zwang würde die Unternehmen strangulieren und die Märkte überfordern.

Und wie geht es praktisch?

Arbeitgeber suchen immer nach Kosteneinsparungen. Die Arbeitsplatz-Abgaben betragen ca. 50% der Arbeitsplatz-Kosten. Heute verursacht jede Arbeitsstunde gleich hohe Abgaben. Das kann man ändern – die Abgaben werden nach Zeitabschnitten gestaffelt.

Das nennt sich Arbeitszeit-Splitting.

Die Arbeitszeit eines Beschäftigten wird in Kontingente aufgeteilt.
Ein Beispiel: Von 160 Monatsstunden fallen die ersten 80 Stunden in Kontingent A, die weiteren 40 Stunden in Kontingent B und die letzten 40 Stunden in Kontingent C.
Die Arbeitsplatz-Abgaben werden nun gestaffelt: Kontingent A kostet deutlich weniger Abgaben pro Stunde, Kontingent B genauso viel wie heute und Kontingent C deutlich mehr Abgaben als heute.

Worin liegt der Anreiz für die Unternehmen?

Organisiert ein Arbeitgeber die Arbeit verstärkt mit Teilzeitstellen, so kann er statt einer Vollzeitkraft zwei Teilzeitkräfte mit dem Zeit-Kontingent A, also mit niedrigeren Abgaben, einstellen. Damit reduziert der Arbeitgeber seine Arbeitsplatzkosten, wenn er Arbeitnehmer mit Zeit-Kontingent A bevorzugt.

Was ist der Vorteil für die Arbeitslosen?

Arbeitslose bekommen mit ihrem Zeit-Kontingent A eine erhöhte Chance auf einen Teilzeit-Arbeitsplatz. Besonders hilft dies Jugendlichen, Alleinerziehenden, Älteren und Langzeitarbeitslosen, den klassischen Verlierern am heutigen Arbeitsmarkt. Es entsteht ein Nachfrage-Überhang nach Bewerbern mit dem abgabenniedrigen Zeitkontingent A. Damit lohnt sich für Kontingent-A-Bewerber erstmals Umschulung und Weiterbildung und die Anstrengung verpufft nicht mehr, wie es heute meist der Fall ist.
Die bisherigen Verlierer am Arbeitsmarkt haben wieder eine greifbare Perspektive, sie verdienen ihren Lebensunterhalt selbst und fühlen sich wieder als Teil der Gesellschaft.

Was sind die Folge für Arbeitsmarkt und Sozialkassen?

Erstens. Die Zahl der Arbeitslosen wird drastisch zurückgehen. Die Arbeitsämter können sich auf Qualifizierungsmaßnahmen konzentrieren. Die Aufwendungen für Arbeitslosigkeit und für Familienhilfen gehen stark zurück. Es entstehen Überschüsse im Sozialbudget.

Zweitens. Die Überschüsse der Sozialbudgets sollten in nationale Beteiligungsfonds der Arbeitnehmer fließen. Die Gewinne daraus erhöhen das Einkommen der Beschäftigten - ein zweites Einkommens-Standbein. Die Gewinne sollten aber zuerst in die Rentenkasse fließen und damit die Rente der Arbeitnehmer aufbessern.

Drittens. Das Arbeitszeit-Splitting wirkt wie ein soziales Ausgleichspendel: Beim Wirtschaftsabschwung schmelzen die Arbeitgeber vorrangig das Arbeitsvolumen im teuren Arbeitszeitkontingent C ab und im Aufschwung wächst die Nachfrage entlang der Arbeitszeitkontingente, beginnend beim günstigen A-Kontingent.

Die Politik gewinnt an Handlungsspielraum.

Einen, nicht unbedeutenden Nebeneffekt hat das Arbeitszeit-Splitting für die Politik. Sie ist von der Wirtschaft weniger erpressbar. Der Kampf um Wirtschaftswachstum verliert an Bedeutung und der Abbau von Arbeitsplätzen kann besser verkraftet werden und führt nicht mehr zu unbedachten Rettungsmaßnahmen. Andere Themen rücken in der Politik nach vorne.

16:55 17.12.2016
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