Raus aus dem Corona-Dilemma - ein Fluchtweg

Coronavirus: Gesundheit geht vor, Ausgangssperren sollen die Ausbreitung verlangsamen. Dauert der Ausnahmezustand zu lange, geht die Wirtschaft in die Knie. Gibt es Alternativen?
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"Die Coronavirus-Krise wird die deutsche Wirtschaft hart treffen. Nach Einschätzung des Münchner Ifo-Instituts wird sie in eine Rezession stürzen." schreibt die ZEIT.

Wir müssen eine andere Strategie fahren, wenn wir den Zusammenbruch der Wirtschaft verhindern wollen. Die aktuellen Beschränkungen des gesellschaftlichen Lebens und vieler Wirtschaftstätigkeiten sind der richtige Einstieg, liefern aber keine Perspektive für die nächsten Monate.

Derzeit werden in den vom Coronavirus geplagten Ländern 2 alternative Strategien gefahren, um die Pandemie einzudämmen:

  1. Das sofortige Ausmerzen der Viren (Stamping-out-Methode) bei allen Infizierten - also möglichst die Zahl der Infizierten auf NULL bringen.

  2. Das Reduzieren der Kontakte zwischen Menschen bis hin zur Ausgangsperre (Lockdown), um die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus zu senken - also die Infizierungskette auf der Zeitachse strecken.

Die erste Strategie funktioniert – ohne Impfstoff – offensichtlich in Hongkong und Singapur, auch in Japan. In Deutschland und Europa ist es dafür zu spät und es fehlen auch die technischen Voraussetzungen, die Kontaktketten so konsequent wie in Singapur zu verfolgen.

Die zweite Strategie hat in China zu einem Rückgang der täglichen Zuwächse an Infizierten geführt - hilft also einzudämmen. Aber wie geht es dort und später bei uns weiter? Wann kann die Wirtschaft wieder hochgefahren werden?

„Es ist paradox: Je besser wir die sprunghafte Ausbreitung des Coronavirus eindämmen, umso länger müssen wir uns restriktiven Maßnahmen fügen“, schreibt der Spiegel. Und umso stärker wird die Wirtschaft belastet und fällt in ein tiefes Loch. Die Kern-Frage heißt: Wie lange kann der Staat dieses Loch durch Hilfen abfedern? Es geht um die Dauer des Durchhaltens, des "Aussitzens" der Krise mit Staatsknete.

Die Dauer der Corona-Krise beschert uns ein Dilemma:
Eine langsame Ausbreitung des Virus hilft der medizinischen Fürsorge, schadet aber enorm der Wirtschaft; die schnelle Ausbreitung wirkt umgekehrt, sie hilft der Wirtschaft und schadet der medizinischen Behandlung.

Die Virologen des RKI sagen, ohne Impfstoff (und die gibt es derzeit nicht) müssen rund 50 Millionen Menschen in Deutschland infiziert werden, bis die Ausbreitung zurückgeht.
OHNE Isolierungs-Maßnahmen wird die Ausbreitung schnell gehen (Wochen, Monate), aber gleichzeitig werden die Krankenhäuser überlastet und viele Corona-Infizierte unnötig sterben.
MIT Isolierungs-Maßnahmen wird die Ausbreitung sehr viel länger dauern. Das entlastet die Krankenhäuser, aber nach drei, vier Monaten wird die Wirtschaft zusammenbrechen, weil nicht nur einige Branchen wie Handel, Gastronomie, Tourismus und Kultur ausbluten. Es entsteht ein Dominoeffekt: Immer mehr Arbeitslose und insolvente Unternehmen lassen die Nachfrage zusammenbrechen. Die gesamte Volkswirtschaft geht in die Knie.

Wenn der Shutdown Monate dauert, dann helfen auch keine staatlichen Hilfspakete mehr.

Es gibt einen dritten Weg.

Soweit wir heute wissen, gelten folgende Infizierungs-Prinzipien: Der Virus kommt bei vielen (etwa 50 %) nicht an bzw. die Infizierung wird nicht bemerkt. Von den restlichen 50 % wird jeder Fünfte schwer erkranken und letztlich werden einige (die Prozente je Land sehr unterschiedlich) daran sterben. Die gesundheitlich nachhaltig Gefährdeten machen also rund 10 % der Bevölkerung aus. Dabei trifft es besonders Menschen mit Vorerkrankung, davon die meisten im Alter über 60 Jahre.

Anders ausgedrückt:
> Für 90 % der Bevölkerung ist der Corona-Virus wie die übliche Grippe weniger gefährlich und zu Hause kurierbar.
> 10 % der Bevölkerung stellen die kritische Gruppe dar, die unser Gesundheitssystem vor große Herausforderungen stellt und es ggf. überfordern könnte.

Diese 10 % können mit Hilfe der Krankenkassen ausfindig gemacht und besonders behandelt werden z.B. von regionalen "Corona-Vorsorgestellen". Dazu sind die richtigen Such-Kriterien erforderlich, damit die wirklich Gefährdeten selektiert werden. Die Gefundenen werden dann für die weitere Behandlung nach einer ABC-Analyse priorisiert.
Sie müssen alle getestet werden, auch solche ohne Symptome. Und alle Gefährdeten müssen in Quarantäne isoliert werden. Für Gefährdete ohne Symptome könnten die „Gast-befreiten" Hotels genutzt werden.
Diese Maßnahmen greifen solange, bis Medikamente für schwersterkrankte Corona-Infizierte verfügbar sind.

Die restlichen 90 % können wieder ihrem Beruf nachgehen und die Ökonomie am Laufen halten bzw. wieder anschieben. So können die meisten Branchen wieder in den Normalbetrieb zurückkehren.

Besondere Behandlung benötigen jedoch Einreisende aus dem Ausland, auch der EU. Diese würden das Verfahren unterlaufen, wenn im Ausland andere Strategien verfolgt werden. D.h. jeder, der nach Deutschland einreist, muss hinsichtlich der neuen Strategie überprüft werden. Gefährdete müssen zurück oder in die Isolierung.

Die alternative Strategie in einem Satz:
Alle stark Gefährdeten - auch die ohne Infizierung - herausfiltern und isolieren.

Dieser Weg ähnelt der Strategie der Herdenimmunität (zeitweise verfolgt in NL und GB), unterscheidet sich aber wesentlich in einem Punkt, der Isolierung der stark Gefährdeten.

Die hier beschriebene Strategie schafft eine Perspektive, mit der die Wirtschaft wieder hochgefahren und damit gerettet werden kann. Die aktuellen Beschränkungen des gesellschaftlichen Lebens und vieler Wirtschaftstätigkeiten - fortgesetzt über einen längeren Zeitraum - werden den Zusammenbruch der Wirtschaft zur Folge haben. Dann sind 100 % der Bevölkerung betroffen und eine medizinische Behandlung ist für keinen mehr möglich.

14:49 19.03.2020
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Geschrieben von

kritikaster

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