Krebspatient Erde – Operation geplant?

Umweltzerstörung, Klima: Wissenschaftler warnen, Jugendliche demonstrieren, Bürger diskutieren, Politiker treiben Machtspiele. Kein „Arzt“ in Sicht, der den Krebspatienten Erde rettet.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ein Mensch mit einer Krebsdiagnose wird alle seine Kraft und sein Vermögen auf seine Rettung setzen, selbst wenn die Hoffnung nicht rosig aussieht. Erkennen die Menschen den Krankheitszustand ihres Biotops Erde und kümmern sich darum?

Was sagt die Patientenakte Erde?

Der Planet Erde braucht den Menschen nicht. Der Mensch aber benötigt den Erdball als funktionierendes Biotop, den Lebensraum für eine Lebensgemeinschaft aus Mensch, Fauna und Flora. Das passende Zusammenspiel von Luft, Wasser, Boden und Klima sind Voraussetzung für dieses Biotop.

Unser Biotop hat schon manche Katastrophen erlebt und überlebt. Gewaltige Klimaveränderungen und Störungen aus dem Weltall haben der Lebensgrundlage des Menschen immer wieder arg zugesetzt. Der Mensch übersieht oder vergisst allzu gerne die Übermacht der Natur:

Die letzten 60 Jahre zündelte der Mensch eigenhändig mit „friedlichen Mitteln“ an der „großen Umwelt-Katastrophe“ – ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Warnungen aus der Wissenschaft gab es häufiger, in den letzten Jahrzehnten immer intensiver und lautstärker. Aber richtig verinnerlicht hat die „Gemeinschaft Menschen“ das nicht. Viele glauben es nicht, andere sind besorgt, aber warten lieber ab. Nur wenige – leider keine Politiker in Regierungsverantwortung – sind bereit, angemessen zu reagieren. Machen wir so weiter, wird der Mensch sein Biotop Erde selbst zerstören. Wann weiß keiner, aber die Tendenzen sind untrüglich und die Vorhersagen sehen schwarz für die nächsten 100 Jahre. Aber für die Menschheitsgeschichte sind selbst 1.000 weitere Jahre nur ein Wimpernschlag.

Hier ein paar Einträge, was der Patient Erde so zuletzt durchmachen musste:

Die Liste könnte seitenlang weitergeführt werden: Glyphosat und Insektensterben, Gülle und Bodenbelastung, auslaufendes Öl im Golf von Mexiko, Amazonas Regenwaldvernichtung, Smog in China, …

Was hindert uns, einen Rettungsplan zu schmieden?

Wenn das Dach leckt, prüfen wir nach, wo noch kaputte Stellen sind und machen einen Plan zur Reparatur. Die Liste der „kaputten Stellen“ unseres Lebensraums Erde ist unübersichtlich lang. Leider mit einer fatalen Tendenz: sie wird täglich länger und unübersichtlicher. Also schauen wir weg – es wird schon, ist unsere Haltung. Es ist noch immer gut gegangen, wie der Kölner sagt. Genau da liegt der Irrtum.

Wir haben uns die letzten 60 Jahre in einen Rausch der technischen Entwicklung verirrt. Die westliche Welt (die USA als Vorreiter) haben es vorgemacht. Und nun wollen alle Menschen auf dem Erdball „das“ auch haben und im „Wohlstand“ schwelgen. Hier ein paar technische Highlights: Automobil, Flugzeug, Telefon, Radio und Fernseher, Computer, Smartphone, Internet, Roboter, …. Und die Digitalisierung beschleunigt das Ganze immens und erschafft neue technikgetriebene Welten – alles nützlich, aber immer verbunden mit Raubbau und Zerstörung.

Retten kann uns nur eine radikale Verhaltensänderung. Unser ungestümes, unreflektiertes Konsumverhalten führt die Erde in die schwere Krebs-Krankheit. Dabei reagieren wir darauf wie auf die guten Vorsätzen zu Silvester: gar nicht, für ein paar Tage, kaum einer hält lange durch … und dann holt uns der Alltag wieder ein. Das reicht nicht für eine Gesundung des Patienten Erde; da braucht es eine radikale Kur. Der Arzt rät dem Krebspatient zu Operation, schnellstens.

Leider lässt sich der Patient Erde nicht auf einen Operationstisch legen und von einem Arzt behandeln. Wir sind zu viele, zu unterschiedlich, zu zerstritten, ohne Einsicht, sich einigen zu müssen. Heilung verspricht nur die gemeinschaftliche Reduzierung des Schädlichen. Aber wer will schon freiwillig auf Gewohntes verzichten? Und das Teilen in der großen Gemeinschaft – was das Reduzieren erträglich machen würde – haben wir nie gelernt.

Seit die „Hochkulturen“ vor 6.000 Jahren begannen, das Leben in großen Gemeinschaften zu organisieren und die technische Entwicklung anzutreiben, bildeten sich Hierarchien mit einer erstaunlichen Tendenz. Eine kleine Oberschicht setzte sich von den „Mitbürgern“ ab und begann, diese zu disziplinieren und auszubeuten. Der große Rest der Gemeinschaft nahm die Rolle hin. Als Untertanen gehorchten sie der Oberschicht.

Teilen war nicht angesagt. Doch dann vor 200 Jahren die erste Umkehr. Die Demokratien haben den Tyrannen die politische Herrschaft weggenommen und die Macht auf das Volk verteilt. "Politische Teilhabe" ist entstanden.

Eine Regelung für die „Brüderlichkeit" – das wirtschaftliche Teilen – blieb aus. Die Herrschaft über die Wirtschaft überlassen wir dem Geldadel, den Konzernen. Hier bleibt die Schieflage gesellschaftsfähig. Die Ansätze, die Marktwirtschaft zu regulieren, finden kaum Befürworter. Das Überleben bedarf auch hier des Teilens – „Wirtschaftliche Teilhabe“ ist nötig.

Die Demokratien haben die Macht auch die „Wirtschaftliche Teilhabe“ zu gestalten. Doch bisher hat sich keine Demokratie getraut, diesen Schritt zu gehen. Statt Vorgaben zu setzen, biedern sich die Demokratien den Großen der Wirtschaft an. Dabei könnte im Umdenken der Schlüssel für die Rettung des Krebspatienten Erde liegen.

Was kann die Erde noch retten? Eine Handlungsanalyse im Teil 2.

22:49 03.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

kritikaster

Auf der Suche nach Lösungen für unsere Zukunft
Schreiber 0 Leser 1
kritikaster

Kommentare