Krebspatient Erde – Operation geplant? II

Umweltzerstörung, Klima: Die letzten 60 Jahre zündelte der Mensch eigenhändig an der „großen Umwelt-Katastrophe“. Wird er sich ändern? Was kann unsere Erde noch retten?
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Was der Patient Erde so zuletzt durchmachen musste und was einer Bekämpfung der Ursachen im Wege steht, beschreibt Teil 1.

Retten kann den Patienten nur eine radikale Verhaltensänderung. Unser ungestümes, unreflektiertes Konsumverhalten führt die Erde in die schwere Krebs-Krankheit.

Dabei reagieren wir darauf wie auf die guten Vorsätze zu Silvester: gar nicht, für ein paar Tage, wenige halten länger durch … und dann holt alle der Alltag wieder ein. Das reicht nicht für eine Gesundung des Patienten Erde; da braucht es eine radikale Kur. Der Arzt rät dem Krebspatient zu Operation, schnellstens.

Was kann die Erde - den einzigen Lebensraum des Menschen - noch retten?

Der Patient Erde braucht einen beherzten Eingriff. Die Uneinsichtigkeit einzelner darf uns nicht mehr daran hindern. Die Frage ist nur, wie groß ist der Schnitt, den wir machen müssen bei der Operation Erde. Und wie gehen wir es an?

Die Ansatzpunkte, die ein Nationalstaat wie die Bundesrepublik verfolgen kann, sind dreierlei. Ganz vorne stehen die Maßnahmen, das Konsumverhalten in der eigenen Marktwirtschaft auf klimafreundlichen und umweltfreundlichen Kurs zu lenken. Effektiv umgesetzte Maßnahmen können zur Vorreiterrolle führen und zum Nachahmen einladen. Schließlich müssen wir unsere internationalen Wirtschaftsbeziehungen überdenken, die weder klima- noch umweltfreundlich ausgerichtet sind.

Optionen für die nationale Marktwirtschaft

Das Geschehen in der Marktwirtschaft orientiert sich an der Nachfrage, zuvorderst an den Konsum-Neigungen und -Gewohnheiten der Endverbraucher. Wenn keiner mehr Autos mit Verbrennungsmotor mehr kauft, werden keine mehr gebaut.

Wenn ungestümes, unreflektiertes Konsumverhalten die Erde in die schwere Krebs-Krankheit führt, müssen wir darüber nachdenken, welcher Konsum schont das Klima und die Umwelt und wie bewegen wir eine Vielzahl dahin.

Viele Handlungsoptionen haben wir nicht, Konsumverhalten zu lenken: freiwillige Umkehr, Gebote und Verbote oder Bonus-Malus-Regelung.

Die Freiwilligen

Einige Optimisten setzen auf freiwilliges Einlenken von Unternehmen und Verbrauchern. Die freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen endet schnell am Wettbewerb. Die gezielt eingesetzte Konsum-Macht der Verbraucher zerbröselt an den „dominanten“ Alltagsthemen. Die Einsicht in „besseres Tun“ verfliegt meist wie der Vorsatz, schlanker zu werden.

Dem widerspricht nicht, über Informationskampagnen die Öffentlichkeit aufzuklären, das Verständnis für einschneidende Maßnahmen zu wecken. Das stellt jedoch nur eine ergänzende Maßnahme dar.

Diese Handlungsoption wird nur Wenige auf den Pfad der Konsumänderung bringen.

Gebote und Verbote

Der Gesetzgeber klammert sich meist an Gebote, Verbote und Begrenzungen. Dies benötigt komplexe Ausführungsbestimmungen, oft mit langen Vorlaufzeiten bis zum Inkrafttreten. Und sie erfordern meist Grenzwertdefinitionen und spezielle Kontrollverfahren (Beispiel Feinstaub). So benötigt jeder „CO2-Ausstoß-Verursacher“ ein Gesetz.

In besonders dringenden Fällen wird es ohne Verbote nicht gehen. Aber dieser Weg ist langwierig und aufwendig und streitbasiert.

Diese Handlungsoption dauert zu lange und ist in der Umsetzung zu aufwendig; aber eine Option für Generalverbote von Extremfällen.

Die Bonus-Malus-Regelung

Das, was am schnellsten Märkte beschleunigt hat, bremst auch am effektivsten: Das Drehen am Zusammenspiel von Angebot, Nachfrage und Preis.

Das Preis-Prinzip für Märkte lautet: Steigt der Preis, so sinkt die Nachfrage und sucht nach Alternativen. Und umgekehrt: Sinkt der Preis, so steigt die Nachfrage. Preisveränderungen bewegen uns zu einer Umorientierung beim Kauf.

Darauf baut die Bonus-Malus-Regelung auf, um das Konsumverhaltens zu lenken. Dabei geht es um das Weg von Produkten mit schädlicher Genese (z.B. CO2-Ausstoß) und das Hin zu Produkten mit unschädlicher Genese.

Eine dynamische Bonus-Malus-Regelung leistet das. Sie verändert das Konsumverhalten am schnellsten, am stärksten und umfassendsten. Kaum ein Konsument kann sich dem entziehen. Und so geht’s:

  1. Malus: Was Schaden verursacht, kostet – ohne Ausnahme (wie Fliegen).
  2. Dynamik: Der Aufschlag kommt sofort und steigt stetig.
  3. Bonus: Der Wechsel zu Alternativen wird mit Umstiegshilfen belohnt.
  4. Anschub: Die Zusatz-Einnahmen fließen in die Wirtschaft zurück (qualitatives Wachstum).

Ausführlicher ist die Bonus-Malus-Regelung hier erläutert: https://www.freitag.de/autoren/kritikaster/koennen-gruene-nur-verbieten.

Wirksam umgesetzt haben diese bereits Länder wie Norwegen , Schweden und die Schweiz.

Die Vorreiter-Rolle wirkt effektiver als globale Bemühungen

Die Ursachen von Klimawandel sind global, weltumspannend. Das gilt auch für viele Ursachen der Umweltzerstörung. Eine gemeinsame Lösung der Weltgemeinschaft ist aussichtslos. Die seit 2005 jährlich stattfindenden UN-Klimakonferenzen gehen das Thema global an. Neben den Beschreibungen des Klimawandels liefern sie Ziele hinsichtlich der Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Verbindliche (einklagbare) Absprachen sind in diesem Rahmen nicht erzielbar.

Sehen Politiker die eigene Anstrengung nur im Rahmen einer globalen Lösung sinnvoll - zumindest EU-weit, steckt dahinter der Versuch, das Thema auszusitzen.

Globale wie EU-weite Bemühungen gegen Klimawandel und Umweltzerstörung sind notwendig und wichtig. Sie stellen aber vorrangig die Fortführung der Maßnahmen von Nationalstaaten dar. Das gilt erst Recht für die Bundesrepublik, die als Industriestaat mit ihrer Klimapolitik in den 1990er Jahren mal als Klimaschutz-Musterschüler galt. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz war internationales Vorbild.

Die deutsche Vorreiter-Rolle hat der Photovoltaik und der Windkraft den weltweiten Durchbruch gebracht. Der Anteil der Erneuerbaren Energie entwickelte sich schneller als erwartet. Den Vorsprung in der Entwicklung von Solaranlagen haben wir inzwischen an China abgetreten.

Die Vorreiter-Rolle kann die Machbarkeit von Maßnahmen gegen Klimawandel und Umweltzerstörung aufzeigen und damit zum Vorbild werden. Das führt zum Nachahmer-Effekt. So lässt sich Klima- und Umweltschutz exportieren.

Internationale (Handels-)Beziehungen neu denken

Eine der stärksten Ursachen für den Klimawandel ist das Bevölkerungswachstum. Betroffen sind vor allem Entwicklungsländer in Afrika, die gleichzeitig ihre Wirtschaft über Wachstum entwickeln wollen.

Ein schwierige Thema, denn diese Staaten lassen sich für Klimawandel wenig begeistern. Sie sind mit anderen Themen beschäftigt.

Doch einige Ansatzpunkte sind direkt umsetzbar:

Erstens. Geburtenkontrolle funktioniert am effektivsten über Bildung und Arbeitsplätze für Frauen. Darauf kann Entwicklungshilfe stärker ausgerichtet werden.

Zweitens. Entwicklungshilfe muss klimafreundliches Wirtschaftswachstum fördern.

Drittens: Die Handelsabkommen der EU müssen die Partner-Länder entwickeln, nicht die EU-Unternehmen.

Viertens. Leistungsbilanzüberschüsse von EU-Ländern mit Entwicklungsländern müssen verhindert werden. Überschüsse zehren die Vermögen der Partner-Länder auf.

Fünftens. EU-Firmen werden hinsichtlich der Lieferketten aus Drittländern überwacht; Klima- und Umweltschädliche Vorlieferungen werden bepreist.

01:06 06.07.2019
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Geschrieben von

kritikaster

Auf der Suche nach Lösungen für unsere Zukunft
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