Wirtschaftliche Teilhabe statt Robin-Hood

unsoziale Verteilung: Unsere soziale Absicherung spielt Robin Hood und führt in die Sackgasse. Die Alternative heißt "weg vom Umverteilen hin zum Teilen", Arbeitszeit-Splitting ist der Weg.
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Unser Wirtschaftssystem verteilt das „Geschaffene“ – die Wertschöpfung – an Arbeitnehmer und Unternehmer über Arbeitslohn und Unternehmergewinn. Doch die Beteiligung an der Wertschöpfung hat eine schiefe Eigendynamik und einige kommen zu kurz. Ein immenser Umverteilungsapparat des Staates will das ausgleichen. Doch das befriedet nicht, sondern stellt die Gesellschaft vor Probleme und Unzufriedenheit.

Zukunftsfähige Lösungen fehlen.

Arbeitszeit-Splitting und Beteiligungsfonds für Arbeitnehmer schaffen eine gesellschaftsbefriedende Verteilung der Wertschöpfung – „Wirtschaftliche Teilhabe“ genannt. Jeder arbeitsfähige Bürger erhält die Chance, sich im Wirtschaftssystem einzubringen und ein ausreichend großes Stück des Wertschöpfungs-Kuchens zu erarbeiten. Mehr zur „Wirtschaftliche Teilhabe“ weiter unten.

Was läuft heute schief?

Das Klagen über die soziale Ungerechtigkeit ist allgegenwärtig. Die Diskussion wabert durch Politik und Medien. Die Themen: die Schere zwischen Arm und Reich, fehlende wirtschaftliche Perspektiven, Angst vor dem Abstieg, der Zulauf von abgehängten und frustrierten Wählern zu den Populisten.

Der Blick auf Deutschland zeigt den Konflikt besonders deutlich: Auf der einen Seite eine prosperierende Wirtschaft, die dem Land Wohlstand beschert; auf der anderen Seite frustrierte Bevölkerungsschichten, die sich vergeblich bemühen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, oder die im Niedriglohnsektor mühsam über die Runden kommen.

Schieflage der Wohlstandsverteilung

Die wirtschaftliche Leistung unseres Landes entspricht der Wertschöpfung der Unternehmen. Zusammen addiert ergibt sich das „Sozialprodukt“ (hier erläutert).

Die Produktivität der deutschen Wirtschaft hat sich in den letzten 50 Jahren enorm gesteigert. Das Einkommen pro Kopf hat sich in diesem Zeitraum verdreifacht. In 2017 lag das verfügbare Einkommen der Gesamtwirtschaft bei rund 33.000 Euro pro Kopf (bei 82,5 Mio Einwohner). Digitalisierung und Automatisierung werden diese Entwicklung weiter beschleunigen. Eigentlich sind wir auf dem Weg ins Schlaraffenland. Dennoch herrscht eine breite Unzufriedenheit und Verunsicherung.

Antriebsriemen des Wohlstands ist die Marktwirtschaft. Die Mechanismen der Marktwirtschaft arbeiten effizient, die Nachfrage zu bedienen, und liefern so den gesamtwirtschaftlichen Wohlstand.

Die Kehrseite sind Schieflagen. Die Marktwirtschaft verfolgt keine gesellschaftlichen Ziele und kümmert sich nicht um Verteilungsaufgaben. Ein Ergebnis ist eine ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen.

Vor allem besteht ein Dauerproblem: Die Zahl der Arbeitsuchenden ist immer größer als die Zahl der freien Stellen - repräsentiert in der Arbeitslosenquote. Dem Staat bleibt die Last und Herausforderung, den Arbeitslosen über die Runden zu helfen. Der erfolgreiche Kampf gegen die Arbeitslosenquote bestimmt meist den Wahlerfolg.

Modell „Robin Hood“

Um die soziale Schieflage abzufedern, hat die Bundesrepublik das Modell „Robin Hood“ entwickelt: Arbeitslose (und Rentner) erhalten ihr Einkünfte aus dem großen Sozialtopf, in den die Arbeitsplatzabgaben einfließen.

Dieses Umverteilen a la Robin Hood – abkassieren bei der Wertschöpfungsquelle Arbeit und zuweisen den Bedürftigen als Almosen – führt in eine Sackgasse. Immer weniger Arbeitnehmer müssen immer mehr Rentner und Arbeitslose finanzieren. Schon heute ist der Sozialtopf (Sozialbudget einschließlich Krankenkassenbeiträge) größer als die Summe aller Nettoentgelte aus Arbeit. Der Staat muss erheblich zuschießen.

Die Lösungsansätze der Politiker verwickeln sich um zwei Varianten: Ankurbeln der Wirtschaft für mehr Arbeit versus noch mehr Umverteilen. Alternativen dazu sind nicht zu finden.

Die Alternative "Wirtschaftliche Teilhabe"

Ein Paradigmenwechsel „Weg vom Umverteilen hin zur wirtschaftlichen Teilhabe“ kann das Problem lösen. Teilhabe muss an den beiden Haupteinkommensquellen der Wirtschaft ansetzen: Arbeitseinkommen und Unternehmensgewinne.

Arbeitseinkommen

Die große Herausforderung ist das Arbeitseinkommen. Gesamtwirtschaftlich benötigen die Unternehmen und Organisationen immer weniger Arbeitskräfte - ein wesentlicher Antreiber ist die Digitalisierung. Die Zahl der Arbeitslosen wird steigen. Daher ist ein neues Verteilungsmodell für die Arbeit notwendig.

Wir müssen die Arbeit auf Alle verteilen und nicht Arbeitsplatz-Abgaben umverteilen.

Wenn für alle Arbeitnehmer nur noch eine Dreiviertel-Stelle herausspringt, sollte sich der Arbeitsmarkt dahingehend verändern. Das wird nicht per Ansage des Gesetzgebers funktionieren. Helfen können aber marktwirtschaftliche Instrumente, die den Unternehmen Anreize setzen, neue Arbeitsmodelle zu entwickeln mit mehr Teilzeitstellen.

Ein Lösungsansatz ist das Arbeitszeit-Splitting.

Diese Methode staffelt die Arbeitsplatzabgaben nach persönlichen Zeitzonen je Arbeitnehmer. Wenn die ersten 80 Monatsstunden je Arbeitnehmer ("Primärstunden") weniger Abgaben kosten als die folgenden Stunden, bekommt jede Arbeitskraft einen Angebotsvorteil für seine 80 Primärstunden (im Umfang einer Halbtagsstelle). Auf diese Primärstunden werden die Unternehmen abfahren, vorrangig zugreifen. Mit diesem Ansatz ist das Minijob-Modell zum Renner geworden. (Dessen Vorteil geht jedoch bei Überschreiten der Betragsgrenze von 450 € verloren).

Was lernen wir für die Markt-Lenkung?
Fällt der Einsparvorteil für die Unternehmen groß genug aus, werden die Unternehmen ihre Arbeitsorganisation anpassen. Durch den Anreiz des Kostenvorteils „Arbeitszeit-Splitting“ werden mehr Teilzeitangebote für Primärstunden geschaffen. So entsteht eine neue Verteilung der Arbeit. Die Arbeitslosigkeit wird drastisch zurückgehen. Dazu kommt: Die Nachfrage der Unternehmen auf die Primärstunden wird das Angebot übersteigen und damit den Marktpreis „Lohn“ erhöhen. Ein doppelter Effekt.

Organisieren die Unternehmen die Arbeit über mehr Teilzeitstellen, wird das Arbeitsvolumen gleichmäßiger verteilt. Dabei gehen Vollzeitangebote verloren und einige Arbeitnehmer verlieren Einkommen. Als Ausgleich muss ein zweites Einkommensstandbein geschaffen werden.

Unternehmensgewinne

Das zweite Einkommensstandbein für die Arbeitnehmer heißt Unternehmensbeteiligung, denn die Wertschöpfung wird immer mehr in Richtung Unternehmenskapital weg vom Arbeitseinsatz verteilt.

Der Lösungsansatz: Ein "Gemeinschaftstopf der Arbeitnehmer" mit Beteiligungen an Großunternehmen muss entstehen.

Wie soll das gehen?

Den Weg der Teilhabe über Unternehmensbeteiligungen zeigt Norwegen; das Konzept heißt staatlicher Beteiligungsfonds. Dort werden die Überschüsse aus den staatlichen Öleinnahmen in Unternehmensbeteiligungen investiert; Nutznießer sind die Krankenkassen und die Rentner, denen die Fonds-Gewinne zufließen.

Über den Hebel Arbeitszeit-Splitting werden im Sozialbudget weniger Ausgaben für Arbeitslose und Hilfsbedürftige anfallen. Somit entstehen Überschüsse im Sozialbudget, die in einen „Nationalen Beteiligungsfonds der Arbeitnehmer“ eingezahlt werden. Die Einnahmen investiert der Fonds in Beteiligungen an deutschen Großunternehmen. Die Gewinne daraus fließen vom Beteiligungsfonds in die Rentenkasse und bessern die Rentenansprüche der Arbeitnehmer auf.

Der Zahlungsfluss: Überschuss Sozialbudget an Beteiligungsfonds, Fondseinnahmen zu Unternehmensbeteiligungen, Beteiligungsgewinne in Rentenkasse.

Auf der Zeitachse wächst der Beteiligungsfonds und spült immer mehr Gewinne in die Rentenkasse Das kann zusätzlich das Sozialbudget entlasten: Je mehr Gewinne aus dem Beteiligungsfonds in die Rentenkasse fließen, umso eher können die Rentenbeiträge aus dem Arbeitsentgelt reduziert werden. Das wiederum kommt Allen beim Netto-Arbeitsentgelt zu Gute.

Vorteile der Wirtschaftlichen Teilhabe

Der Paradigmenwechsel hin zur "Wirtschaftlichen Teilhabe" verteilt die Arbeit auf Alle. Das geht zu Lasten der Vollzeiter. Aber der Ausgleich kommt über das zweite Standbein Beteiligungsfonds, der Teilhabe der Arbeitnehmer an Großunternehmen. Damit gehören alle Arbeitnehmer auch zu den Gewinnern des Wirtschaftswachstums. Die Einkommens- und Vermögens-Schere geht zu.

Arbeit für Alle bedeutet soziale Integration statt Ausgrenzung. Arbeit ist sinnstiftend und gibt Halt mit einer Rolle in der Gesellschaft, denn Arbeit beeinflusst die soziale Stellung. Alle werden mitgenommen über einen Arbeitsplatz, über selbst verdientes Einkommen. Dieser Integrations-Effekt sollte vielen die Zukunftsängste nehmen und das Vertrauen in Staat, Demokratie und Marktwirtschaft stärken.

Anderseits entsteht über den Beteiligungsfonds eine neue Verantwortung der Arbeitnehmer für die Wirtschaft - ähnlich der politischen Teilhabe der Bürger in der Demokratie. Das sollten die Arbeitnehmer als Chance verstehen und die neuen Einflussmöglichkeiten auf die Wirtschaft nutzen.

Mehr zum Arbeitszeit-Splitting unter:
https://www.freitag.de/autoren/kritikaster/arbeitszeit-splitting-bringt-arbeit-fuer-alle

17:30 01.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

kritikaster

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