Reden und schlucken

HIV-Prophylaxe PrEP könnte helfen, die HIV-Epidemie zu beenden. Aber die Aufklärungslage ist erschreckend dünn – und produziert diffuse Meinungsbilder. Warum sich das ändern muss
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Reden und schlucken
PrEP ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg hin zu einer Welt ohne HIV und AIDS

Foto: imago/McPHOTO

zum Artikel „Reden statt Schlucken“, Ausgabe 30/2018

In unserer Gesellschaft passiert leider gerade etwas, was ich für sehr gefährlich halte: Aufkeimende, unverhohlen öffentliche Diskriminierung, gepaart mit Aggression gegen viele, die nicht die Mehrheit unserer Gesellschaft repräsentieren.

Symptomatisch dafür ist beispielweise, dass selbst der Chefredakteur einer sachsen-anhaltinischen Lokalzeitung (Alois Kösters, Magdeburger Volksstimme) in einem nicht mehr online verfügbaren Statement folgendes über die geplante Kassenzulassung von PrEP schreiben kann, ohne dass es eine nennenswerte öffentliche Empörung zur Folge hat:

„Das passt überhaupt nicht. Die Kassen zahlen nicht den vollen Grippeschutz. Und die zahlen auch nicht alle Reiseimpfungen, die möglich wären. Aber jetzt sollen sie Medikamente zahlen, damit schwule Männer ohne Kondom Sex haben können. […]“ (Quelle)

Diese Aussage ist auf so vielen Ebenen fragwürdig, polemisch und Öl in die Feuer derer, die vom rechten Rand aus unsere Gesellschaft zu vergiften suchen.

Journalisten kommt hier eine große Verantwortung zu.

Der Artikel „Reden statt Schlucken“ hält nicht etwa mit informierter, recherchierter, selbstbewusster Feder dagegen. Er ist schludrig, enthält einige mindestens verkürzenden Aussagen und wird somit Teil der uninformierten, diffusen Irgendwie-Meinung, mit der die „Mitte der Gesellschaft“ als zeigefingernde Gruppe momentan den Diskurs zu diesem und vielen anderen Themen führt.

Aufklärung und ein sinnvoller Mix von Präventionsmaßnahmen, wenn sie nicht verzögert und stattdessen sinnvoll gefördert werden, können dazu führen, dass die Krankheit in wenigen Jahren ausgerottet sein könnte, auch wenn es kein Heilmittel für die bereits infizierten Menschen gibt. PrEP ist eine solche Präventionsmaßnahme.

PrEP ist kein Allheilmittel. Aber es ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg hin zu einer Welt ohne HIV und AIDS. Niemand, der den Betroffenen täglich hilft, sich für sie einsetzt, für Akzeptanz und Aufklärung in der Gesellschaft kämpft, will Absolution durch PrEP und betrachtet es als einzige und endgültige Lösung für das Problem. Die Stellungnahme der Deutschen AIDS-Hilfe zu PrEP und der geplanten Kassenfinanzierung erläutert diesen Standpunkt meiner Ansicht nach verständlich und nachvollziehbar.

Die geplante Kassenzulassung ist sehr wohl ein wichtiger und richtiger Meilenstein. Damit sich diese Erkenntnis auch in der Gesellschaft durchsetzt, wird es aber weiter unermüdlicher Aufklärungsarbeit bedürfen. Daher muss einiges, was im Artikel des Freitag steht, dringend geradegerückt werden.

Dort steht: „Pünktlich zur Welt-Aids-Konferenz soll das Medikament PreP als Kassenleistung eingeführt werden […]“ Die Welt-Aids-Konferenz ist bereits beendet. PrEP sollte nicht „pünktlich dazu“ als Kassenleistung eingeführt werden, sondern bestenfalls die Absicht dazu hat Jens Spahn zeitgleich, also – wenig wohlwollend formuliert vielleicht – „pünktlich“ dazu geäußert. Die tatsächliche Einführung der Kassenleistung wird sich noch einige Monate hinziehen, sollte sie denn durchgesetzt werden können.

Diese Formulierung „Anti-AIDS-Pille“ ist mindestens unglücklich. Ein populärer Fehler ist das Gleichsetzten von HIV und Aids. Aber kaum ein Patient mit frühzeitig diagnostizierter HIV-Infektion und erfolgreicher antiretroviraler Therapie (ART) wird heute noch AIDS entwickeln. PrEP ist also streng genommen keine Anti-Aids-Pille, denn gegen Aids gibt es nach wie vor kein Medikament. Das zu suggerieren ist irreführend. PrEP ist höchstens, würde man denn im BILD-Duktus bleiben wollen, eine Anti-HIV-Pille. Sie verhindert die Verbreitung des Virus im Körper und somit eine Infektion mit HIV, wie sie ja weiter unten im Artikel richtigerweise selbst schreiben.

Weiter heißt es: „Doch das Kondom ist zumindest in der Homosexuellen-Szene uncool geworden.“ Das Kondom ist in der Homosexuellen-Szene (Was genau ist damit gemeint?) noch nie cool gewesen. Höchstens genauso wenig, wie es in der „Heterosexuellen-Szene“ jemals cool gewesen ist, wenn es die eine Szene überhaupt gibt. Das Problem ist beileibe kein homosexuelles. Ich behaupte sogar, dass heterosexuelle Männer teilweise viel verantwortungsloser auf Kondome verzichten als schwule. Ein lesenswerter Beitrag dazu findet sich hier.

Und dann: „Fachleute berichten, dass Männer, die auf Safer Sex bestehen, fast zu Außenseitern geworden sind.“ Es wäre gut zu wissen, auf die Aussagen welcher Fachleute sich der Artikel beruft. Denn: Auch der Gebrauch von PrEP oder der Schutz durch Therapie sind Safer-Sex-Methoden. Es mag vielleicht stimmen, dass zunehmend weniger Männer auf Kondome bestehen. Das zumindest ist auch ein Stimmungsbild, das ich aus der Community gespiegelt bekomme. Ein Grund dafür mag aber auch sein, dass jene auf alternative Safer-Sex-Methoden, wie beispielsweise PrEP setzen. Denjenigen sollte man nicht implizit Verantwortungslosigkeit vorwerfen.

„Inzwischen steigen die Ansteckungsraten mit Aids wieder“, wird weiter ausgeführt. Ganz wichtig: Man steckt sich nicht mit Aids an, man steckt sich mit dem HI-Virus an. Zudem ist unklar, auf welche Statistik sich der Artikel bezieht. Das Robert-Koch-Institut schreibt über die Zahl der Neuinfektionen in der Gruppe von Männern, die Sex mit Männern haben (im Übrigen ist es erstaunlich, wie der Artikel es schafft, sich hauptsächlich auf diese Gruppe zu beziehen, ohne das einmal verantwortungsvoll zu diskutieren):

„In der Gruppe der MSM wurde nach den Modellierungsergebnissen Ende der 1990er Jahre der bisher tiefste Wert von HIV-Neuinfektionen erreicht. In der Zeit zwischen 1999 und 2007 wurde allerdings wieder eine deutliche Zunahme von HIV-Infektionen beobachtet. Seit 2013 geht die geschätzte Zahl der Neuinfektionen von 2.500 langsam auf 2.100 im Jahr 2016 zurück.“ (Quelle)

Im Folgenden heißt es: „Bis vor zwei Jahren war das Medikament sehr teuer, dann kam ein Nachahmerprodukt auf den Markt.“ Es handelt sich dabei strenggenommen nicht um ein Nachahmerprodukt, sondern um ein Generikum. „Nachahmer“ suggeriert, dass es sich um ein anderes, möglicherweise minderqualitatives Medikament handelt. Ein Generikum enthält den identischen Wirkstoff wie das Erstanbieter-Präparat.

Und weiter: „Doch zusammen mit den Beratungs- und Kontrollterminen, ohne die die Pille nicht abgegeben wird, summiert sich die Prophylaxe auf tausend Euro jährlich. Offen ist, ob die Kassen die Kosten nur für Risikogruppen übernehmen oder für alle Nachfrager.“

Die Medikamente eines HIV-Patienten kosten je nach Therapieform beispielsweise rund tausend Euro monatlich, also das 12-fache, ein Patientenleben lang. Mir ist wirklich nicht klar, wohin die These führt. Es ist vor allem beileibe nicht so, dass jeder „Nachfrager“ das Präparat auch automatisch verschrieben bekommt. Es ist davon auszugehen, dass jede Ärztin und jeder Arzt auch weiterhin eine Abwägung der Risiken und des potenziellen Nutzen durchführt, ungeachtet der Übernahme der Kosten durch die Versicherer.

Auch der nachfolgenden Absatz, der beklagt, dass PrEP die Prävention auf den einzelnen verlagert und individualisiere, ist nicht nachvollziehbar. Genau das ist doch notwendig: Eine individuelle, verantwortungsvolle Prävention, die jede und jeder einzelne lebt.

Was PrEP kann, ist dazu beitragen, dass sich eine tödliche Epidemie nicht weiter ausbreitet. Es schafft durch die Kostenübernahme der Krankenkassen vor allem Zugang für diejenigen, die wenig Geld haben. Es dämmt den gefährlichen Grauhandel aus Drittländern ein. Es hilft denen, die Angst haben.

Jegliche Vergleiche, den mit der Pille, oder den, den der Chefredakteur der Volksstimme mit dem Grippeschutz anführt, verbieten sich hier meiner Ansicht nach. Denn sie sind schlecht fundierte Irgendwie-Meinungen von Nichtbetroffenen und Nichtinvolvierten. Das hilft denen, die um ihr Leben fürchten, denen die jeden Tag gegen das Virus kämpfen, ob als Betroffene oder als Engagierte, nicht einen Zentimeter weiter.

Dieser Artikel ist eine Replik auf "Reden statt schlucken" von Ulrike Baureithel, erschienen in der Ausgabe 30/18

12:15 01.08.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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